Kann jeder in 10.000 Stunden zum Wunderkind werden?

Die Hypothese lautet: Wer etwas für 10.000 Stunden übt, wird ein Meister darin. Das gilt für Instrumente, Fach- und Handwerke, Schach, Sport und sowieso alles. Aber trifft das wirklich auf jede Person zu?

© photocase/ Franzworks

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Der ungarische Pädagoge und Psychologe Laszlo Polgár war sich sicher: Jedes gesunde Kind ist ein potenzielles Genie. Also auch seine eigenen. Davon war er sogar schon überzeugt, bevor er seine zukünftige Ehefrau kannte oder selbst Kinder hatte.

Seiner ersten Tochter, Zsuzsa, trichterte er daher schon im Vorschulalter systematisch drei Fremdsprachen, Mathematik, und vor allem die Schachregeln ein – teilweise acht Stunden am Tag. Mit Erfolg. Denn was folgte, war eine lange Liste an Schach-Auszeichnungen und Siegen: Im Alter von vier Jahren gewann Zsuzsa die Kinder-Stadtmeisterschaft in Budapest, den nationalen Frauentitel als 10-Jährige, die Auszeichnung „Internationale Meisterin“ mit Zwölf, den weiblichen „Großmeister“ mit 13 und ein Jahr darauf die Internationale Meisternorm für Männer. Zsuzsa war die erste Frau, die jemals einen Großmeistertitel gewann.

Jede, der drei Töchter – sie wurden zu Hause von ihren Eltern unterrichtet – wurde in Folge zum Schachgenie herangezogen. Bis zum Ende der 1980er Jahre hatte sich die Familie zum Phänomen gemausert. Sie waren wohlhabende Promis in Ungarn, wurden in der Öffentlichkeit erkannt und landeten sogar regelmäßig auf den Titelseiten amerikanischer Zeitschriften. Judit Polgár gilt heute noch als weltbeste weibliche Schachspielerin der Geschichte.

Bedeutet die Polgár-Geschichte, dass jeder erfolgreich sein kann, wenn er nur lange genug übt? Dafür spricht die 10.000-Stunden-Regel. Sie besagt, dass jeder, der sich 10.000 Stunden lang mit einer Sache beschäftigt, die nötigen Kenntnisse erlangen kann, um in seinem Bereich zu den Besten der Welt zu gehören. Oder anders ausgedrückt: Jeder Mensch hat grundsätzlich alle notwendigen genetischen Voraussetzungen, um zur entsprechenden Elite zu werden. Bedetet das also, dass wir alle potenzielle Wunderkinder wären, aber schlicht zu faul dafür sind?

Aufgestellt haben diese Annahme der US-Psychologe Anders Ericsson gemeinsam mit seinen beiden Kollegen Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer im Jahr 1993. Anfangs relativ unbekannt, wurde die Regel erst 2008 durch den US-Autor Malcolm Gladwell und seinen Bestseller „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ populär und gab einen neuen Denkanstoß für eine alte Debatte: Veranlagung oder Umwelt?

Angenommen du beschließt morgen, einer der besten Violinisten der Welt zu werden. Dann müsstest du 10.000 Stunden oder 417 Tage lang dafür üben – und zwar jede einzelne Sekunde. Rechnet man noch ein normales Leben mit Schlaf, Job, Nahrung, Krankheit, Freizeit dazu, werden die 417 Tage schnell zu einigen Jahren.

Der Kampf geht weiter

© China Photos/Getty Images
Das Rätsel ist noch nicht gelöst. © China Photos/Getty Images

Die Geschichte der Polgár-Familie würde dafür sprechen, dass Begabungen tatsächlich erlernt werden könnten und nicht unbedingt veranlagt sein müssen. Schach-Wunderkinder waren bis zum Polgár’schen Phänomen mehr als Naturerscheinungen als kopftrainerte Personen wahrgenommen worden. Bei den ungarischen Schwerstern wurde aber dasselbe Ergebnis durch ehrgeizige Eltern erwirkt. Ob Laszlo seine Töchter mehr oder weniger als 10.000 Stunden trainieren ließ, wurde nicht dokumentiert.

Eine im Jahr 2007 veröffentlichte Studie, bei der Experimente mit Schachspielern in Argentinien durchgeführt wurden, zeigte jedoch, dass die 10.000 Stunden-Regel nicht zwangsläufig stimmt. Einer der Spieler war in der Lage, das Schachmeister-Niveau in nur 3000 Übungsstunden zu erreichen, ein anderer brauchte 23.000 Stunden und wieder andere erreichten dieses Niveau trotz mehr als 25.000 Übungsstunden nie.

Auch, wenn diese Ergebnisse nicht repräsentativ sind, zeigen sie zumindest, dass nicht jedes Gehirn auf die gleiche Art und Weise lernt. Es ist nicht abzustreiten, dass die Polgár-Schwestern engagiert und talentiert waren – und Glück hatten. Trotz ihres Erfolgs sind sich Wissenschaftler bis dato nicht einig, woher überdurchschnittliches Talent in einem bestimmten Bereich kommt. Intensives Üben in jungen Jahren ist sicherlich hilfreich. Es stellt sich jedoch nach wie vor die Frage, ob und inwiefern genetisch bedingtes Talent Voraussetzung für Erfolg ist.

Ericsson stellte auf jeden Fall einen wichtigen Faktor hinter dem Erfolg in den Fokus der Diskussion: Feedback. Ohne Feedback sei es kaum möglich, dass Menschen in bestimmten Bereichen besser werden. Allerdings ist das Leben kein Schachspiel. Vielleicht sollten wir von der konsequenten Unterscheidung „Veranlagung oder Umwelt“ wegkommen und zusätzlich Dinge wie Erinnerungsvermögen, generelle Intelligenz und Erfolgsantrieb miteinbeziehen. Und wer weiß, vielleicht ist das Leben als Elite in der Gesellschaft gar nicht mal so toll, wie es immer suggeriert wird.