Kein Sprit, keine Kosten, keine Menschen am Steuer: Sieht so das Carsharing der Zukunft aus?

Den Gründern von Spiri geht das Konzept „Carsharing“ nicht weit genug: Sie wollen ab 2017 Straßen der Großstädte mit eigenen Elektroautos fluten – weltweit.

© Spiri

So soll das "next big thing" des Nahverkehrs aussehen. © Spiri

Beginnen soll es in Berlin. Oder in Kopenhagen. So ganz sicher ist sich Stefan Holm Nielsen da noch nicht. Klar ist aber: Er will unser Verhalten, in Städten von A nach B zu kommen, grundlegend ändern. Und zwar global.

Ab 2017 will er dafür tausende futuristische Fahrzeuge ausliefern. Die beiden eingangs genannten Städte sind Favoriten für einen ersten Feldversuch. Weil sich dort viele junge, experimentierfreudige Menschen tummeln, meint Nielsen.

Im April 2015 gründete er für sein Projekt ein Unternehmen: „Spiri“. Wirklich bekannt ist es noch nicht; bisher gibt es nur die Website und ein paar Artikel in Technikmagazinen mit spärlichen Informationen. Auf Facebook, Twitter und Instagram soll bald massiv geworben werden.

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Nielsen hat mit drei Mitarbeiter*innen in Dänemark gestartet. Heute sind es 18. „Wir wachsen rasant“, sagt er zu ze.tt. Er selbst arbeitete vorher bei Aston Martin und hat viele Kontakte zur Automobilindustrie. Da kommt ein Großteil seiner Mitarbeiter her: Von Ford, BMW, Alfa Romeo und von Tesla. Auch ein paar Nerds sind dabei, sagt Nielsen, und ein Mobilitätsforscher des Fraunhofer Instituts. „Wir alle entwickeln gerade ein Auto, das eigentlich keines ist.“

Carsharing mit einem „radical electric vehicle“

„Es wird eher wie ein kleiner Bus aussehen und viel weniger Bauteile als ein Auto haben“, sagt Nielsen. Das Fahrzeug werde aus gerade mal 700 Bauteilen bestehen, ein Leichtbau, sehr spartanisch ausgestattet – und komplett mit Strom betrieben. Die Produktion des Fahrzeugs sei viel günstiger als die eines konventionellen Autos. Wie das Startup diese finanzieren will, erwähnt er aber nicht.

„We want to take over Berlin“

Stefan Holm Nielsen, CEO von Spiri

Nielsens Ziel ist jedenfalls sportlich: In drei Jahren schon sollen tausende der Fahrzeuge – die derzeit noch „radical electric vehicles“ genannt werden – in Großstädten weltweit herumfahren. „Sie sollen überall sein. An jeder Straßenecke“, sagt Nielsen.

© Spiri
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Als gutes Beispiel nennt er Berlin, dort befinde sich die Zielgruppe: junge, technikaffine Menschen, denen die bisherigen Angebote im Nahverkehr nicht ausreichen. Welche von der täglichen U-Bahn-Fahrt, dem Fahrrad, dem eigenen Auto oder den bisherigen Carsharing-Angeboten von „DriveNow“ oder „Car2Go“ abgeturnt sind. „Wir wollen den Nahverkehr in Berlin quasi übernehmen“, sagt Nielsen.

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Dafür kombiniert das Startup Ideen des klassischen Carsharings (wie etwa „Car2Go“ es anbietet) und der klassischen Mitfahrgelegenheit (BlaBlaCar oder Uber) miteinander. Per Smartphone-App sehen die User, wo die Fahrzeuge derzeit stehen oder fahren und können dann live ein Mitfahrgesuch von ihrem Standort aus senden.

Die zwei größten Unterschiede zum bisherigen Angebot: Das Unternehmen nutzt zum einen seine eigenen Fahrzeuge, die eben komplett elektrisch betrieben werden.

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Zum anderen fahren die Fahrer*innen kostenlos, sofern sie mindestens eine*n Mitfahrer*in dabei haben, erklärt Nielsen. Man kann ein herumstehendes Fahrzeug also quasi nutzen wie bisher eines von „Car2Go“ und alleine fahren, bezahlt dann aber dafür – das spült dem Unternehmen Geld in die Kasse. Wer aber zusätzliche Passagiere auf seinem Weg mitnimmt, kommt gratis durch die Stadt. Das soll die Community anspornen, das Angebot rege zu nutzen – Nielsen rechnet offenbar mit einem Schneeballeffekt.

Die Preise für Mitfahrer*innen sollen dabei nicht höher liegen als ein Busticket, sagt er. Positiver Nebeneffekt: Die Umwelt wird weniger stark belastet. Rund 50 Prozent weniger Energie als ein herkömmliches Auto sollen die „Spiri“-Fahrzeuge benötigen.

© Spiri
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Überhaupt ist Nielsen der Meinung, dass zuviel Energie für den Nahverkehr konsumiert wird. „Wir bewegen tonnenschwere Autos, in der oft nur eine Person sitzt“, sagt er. Er rechnet mit einem radikalen Umschwung bei den urbanen Transportmitteln. Gängige Taxis beispielsweise würden nicht mehr lange überleben: Sie stünden 75 Prozent der Zeit nur, statt Menschen zu befördern. „Innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahren werden rund 80 Prozent weniger konventionelle Autos in Städten fahren“, sagt er.

Sein Unternehmen soll dann schon groß genug sein, um alle Menschen günstig transportieren zu können – und zwar komplett ohne Fahrer*innen. Das ist nämlich der zweite Schritt des Launchs von „Spiri“: auch selbstfahrende Versionen der Fahrzeuge sollen getestet werden. „Schon bald wird niemand mehr ein eigenes Auto brauchen.“

Traum oder Wirklichkeit?

Nielsens Vorhaben klingt traumhaft. Dennoch: Das Konzept für ein Elektroauto – oder sowas ähnliches – schüttelt man sich nicht mal eben nach einem Jahr aus dem Ärmel. Und selbst wenn: Die Stückzahlen, in denen die „Spiri“-Fahrzeuge produziert werden sollen, sind schon sehr ambitioniert.

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Wo werden sie gebaut? Dazu sind schließlich riesige Produktionsstätten nötig. Wie stellt das Unternehmen in der Geschwindigkeit eine funktionierende Infrastruktur her, in der die Autos genug Stellplätze und Ladestationen haben? Autonomes Fahren noch in den Kinderschuhen. Weder Google, noch Tesla haben die Funktion bisher ganz bewerkstelligen können.

Noch sind also viele Fragen offen. Vielleicht sind wir kommende Woche schlauer: Dann nämlich wird Nielsen beim Startup- und Innovationsgipfel TechBBQ in Kopenhagen einen Prototypen vorstellen. Und vielleicht weiß er bis dahin auch, ob das Projekt tatsächlich in der deutschen Hauptstadt starten soll.