Keine Reaktion ist so aufrichtig wie Weinen

Die Fotografin Gracie Hagen macht öffentlich, was normalerweise niemand zu Gesicht bekommt.

Vikram Patel, Professor an der Harvard Medical School in Boston, definiert den Prozess des Weinens folgendermaßen: „Weinen ist eine sekretomotorische Reaktion, die durch das Ausscheiden von Tränen aus dem Lakrimalapparat charakterisiert ist und ohne Irritationen der okularen Strukturen geschieht.“

Alexander Grau von der FAZ beschreibt es bildlicher: „Dabei kommt es zu Veränderungen der für die Mimik zuständigen Muskulatur, der Stimme und einer Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur, die zu einem konvulsivischen Ein- und Ausatmen führen kann, dem Schluchzen.“

Doch Weinen ist viel mehr als das. Weinen ist eine der aufrichtigsten Reaktionen, mit der Menschen – und nur Menschen – Gefühle ausdrücken. Es ist nicht nur ein Zeichen von Hilflosigkeit, sondern erweckt auch Sympathie und Empathie bei anderen. Solange der Tränenerguss nicht zum nervigen Geflenne mutiert, signalisiert er einen Hilferuf nach Trost und Zuneigung.

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In einer Zeit, in der jeder Lebensaspekt der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wird und ehrliche Emotionen selten geworden sind, möchte die 29-jährige Fotografin Gracie Hagen diesen einen menschlichen Lebensaspekt erkunden, der normalerweise von der Öffentlichkeit versteckt bleibt: das Weinen. Darum geben sich die Menschen auf ihren Fotos bewusst ihrer Verletzlichkeit hin. Sie zeigen einen Teil von sich, der unter normalen Umständen nur die engsten Bezugspersonen zu Gesicht bekommen, wenn überhaupt irgendjemand. Hagen macht mit ihren Fotos etwas sehr Persönliches öffentlich, ihre Fotostrecke nennt sie Secretomotor Phenomenon.

„Meiner Meinung nach sind Emotionen und Verwundbarkeit etwas, das die Gesellschaft zu wenig schätzt“, sagt Hagen. Wir Menschen würden uns laut Hagen der gesellschaftlichen Erwartungshaltung anpassen und unsere wahren Gefühle verstecken. Emotionale Männer würden schnell als Schwächlinge abgestempelt werden, wohingegen weinende Frauen eher als hysterisch gelten würden. Dabei seien Emotionen der Weg des Menschens, Erlebtes zu verarbeiten.

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Verzogene Münder, schwache Körperhaltung, nasse Augen – Secretomotor Phenomenon zeigt auch, wie verschieden Gesichter der Trauer aussehen können. Während eine Frau mit orangefarbenem Pulli fest ihre Lippen zusammenpresst und eine einzige Träne aus den Augen kullert, verzerrt ein grauhaariger Herr sein Gesicht völlig. Beim Betrachten der Fotos hört man die Teilnehmer*innen förmlich schluchzen und beben.

Hagen schoss jedes der Fotos in ihrer eigenen Küche. Sie rollte einen Blümchen-Hintergrund auf, stellte ein paar Lampen dazu und los ging das Shooting. Die Porträtierten sind Menschen, mit denen sie entweder bereits bei bisherigen Projekten zusammengearbeitet hatte oder die sich auf Hagens Castingaufruf gemeldet hatten. Um an echte Tränen zu kommen, bedienten sich die Menschen verschiedenster Methoden. Die meisten kehrten in sich und erinnerten sich an emotionale Momente aus ihrem Leben. Welche genau, wird nicht verraten. Diese Erinnerungen kamen teilweise mit so einer Macht hoch, dass Hagen während des Fotografierens selbst mitweinen musste.

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