Kleinwüchsige sind keine Märchenfiguren!

Kleinwüchsige sind weder Hobbits noch Schlümpfe oder Zwerge. Sondern Menschen. Unser Autor wehrt sich gegen einen gut gemeinten, aber diskriminierenden Text. 

Michel Arriens

Autor Michel Arriens will nicht ständig auf seine Körpergröße reduziert werden #keinzwerg © Valerie Schmidt

Man nehme den Tod des kleinwüchsigen Alf-Darstellers Michu Meszaros, einen Autoren der Süddeutschen Zeitung, der versucht, eine gut gemeinte Würdigung an alle ebenfalls kleinwüchsigen Stars zu verfassen, und verfeinere alles mit einer Prise Diskriminierung und einem Schuss Vorurteilen. Fertig ist der Shitstorm.

„Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati. Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet. Die Tonlage von Kleinwüchsigen ist meist noch höher als die von Frauen. Das ist beeindruckend für all jene, die ihren Stimmbruch überstanden haben.“ – Süddeutsche Zeitung

„Ey, du Zwerg!“ AUTSCH. – „Bist du ein Liliputaner?“ AUTSCH! – „Guck mal wie der aussieht, der Gnom!“ HALTS MAUL!

Aussagen, die ich als kleinwüchsiger Mann immer wieder höre. Und die mich treffen, auf ganzer Linie. Wir leben im 21. Jahrhundert, in einer vermeintlich aufgeklärten Welt, und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es umso erschreckender, dass mir und anderen kleinwüchsigen Menschen noch heute so oft mit Vorurteilen und Alltagsdiskriminierung begegnet wird. Und dass die Süddeutsche Zeitung diese Haltung auch noch unterstützt.

„Liliputaner“ begaffen für ’ne Mark Fuffzig

Im Alten Reich, vor 4500 Jahren also, wurden kleinwüchsige Menschen als Glücksbringer angesehen. Viele, viele Jahre und Diskriminierungsformen später führte man Menschen mit Behinderung als Launen der Natur in Kuriositätenkabinetten vor. Oft traten sie zu dieser Zeit auch in Zirkussen auf und belustigten mit ihren nicht „normgerechten“ Körpern die Menge.

Bis in die 90er wurden kleinwüchsige Menschen im rheinland-pfälzischen „Holiday-Park“ zum Beglotzen ausgestellt. Sie lebten den Tag über in Wohnwagen einer „Liliputaner-Stadt“ und die Besucher des Parks konnten die „Kuriositäten“ durch ein Schaufenster bei ihrem Alltag beobachten. „Zwergenwerfen“ und „Liliputaner-Action“ sind weitere Stichworte, nach denen ihr mal googeln könnt. Achtung, verstörend!

Wir müssen in allem besser sein, da man uns nichts oder wenig zutraut. Jahrelang kämpfen wir für die Gleichwertigkeit in Schule, Beruf und Freizeit. Für eine gute medizinische Begleitung, für den Abbau von Barrieren, für diskriminierungsfreie Sprache und dafür, nicht Unterhaltungsprogramm für die „normalgroße“ Gesellschaft zu sein. Und dann kommt so ein Autor daher und bedankt sich bei allen „Hobbits, Liliputanern, Schlümpfen und Zwergen“. Ich raste aus, schönen Dank auch!

Selbst wenn es als Satire, Kritik oder Spaß gemeint war – mit einem Hieb sind unsere Bemühungen abgewertet und weit zurückgeworfen. Rund 100.000 kleinwüchsige Menschen in Deutschland müssen jeden einzelnen Tag immer wieder erklären, warum Liliputaner nur in Gullivers Reisen cool, Zwerge trotz „Herr der Ringe 3D“ nicht existent und bloß Schlümpfe blau sind.

Wir sind keine Märchenfiguren!

Wir sind einfach nur Menschen – genau wie du, deine Freunde und deine Mutter. Wir sind glücklich oder traurig. Ehemann/ Ehefrau oder Single. Koch oder Köchin oder arbeitslos. Wir sind Optimist*innen oder Pessimist*innen und auch so viel mehr als das.

Wir bewegen uns zu Fuß, mit einem Rollstuhl, Gehrad oder auf eigens gebauten Fahrrädern. Unsere Stimmen klingen, wie sie klingen. Manche tief, manche hoch, manche voluminös, viele glasklar.

Ja, wir sind kleiner als die Norm und haben, je nach Kleinwuchsform, Hindernisse und Bedürfnisse.

Aber wir sind Menschen dieser Erde, mit Schwächen und Stärken, Bedürfnissen, guten und schlechten Tagen. Akzeptiert uns doch einfach, wie wir euch akzeptieren.