Können wir bitte endlich jeden Sonntag einkaufen gehen

In Berlin wird gerade darüber diskutiert, ob Geschäfte zukünftig auch sonntags geöffnet sein dürfen. Unsere Redakteur*innen haben unterschiedliche Meinungen.

Sonntags shoppen – Segen oder Fluch? Foto: Stocksnap | CC0 Lizenz

Sonntage sind in Deutschland gesetzlich festgeschriebene Ruhetage. Geschäfte sind geschlossen, Bohren und Hämmern verboten und alle Bürger*innen dazu angehalten, sich von ihrer arbeitsreichen Woche zu erholen. Dem Einzelhandel ist diese Regelung jedoch ein Dorn im Auge.

Mit der Initiative Selbstbestimmter Sonntag versuchen sie eine Lockerung der Gesetze zu Ladenöffnungszeiten zu erreichen. Ihr Hauptargument ist die hohe Konkurrenz durch Online-Anbieter*innen, die der Kundschaft eben auch am Wochenende zur Verfügung stehen. Aber ist das Grund genug, den Sonntag freizugeben? „Nein“, sagt Anna. Philipp sagt „Ja“.

Anna: Der Sonntag sollte ruhig bleiben

All die Argumente, die von kirchlichen Verbänden, Gewerkschaften und Privatpersonen angebracht werden, um den ruhigen Sonntag zu retten, treffen auf mich nicht wirklich zu. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sonntags früh beim Bäcker anstehen – ich esse weder Brötchen noch trinke ich Kaffee. Sonnenstrahlen treiben mich nicht unmittelbar in den Park oder auf den Balkon. Mein Freundeskreis erstreckt sich über die ganze Republik und ich habe weder Kinder noch einen Ehepartner oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft, um die ich mich sonntags kümmern könnte. Körperlich ist mein Job lange nicht so anstrengend wie der einer Reinigungskraft oder das Schuften auf dem Bau. Ich bin Atheistin und halte nicht viel von der Vermischung religiöser Ansichten mit politischen Entscheidungen.

Zyniker*innen könnten also mit Fug und Recht behaupten, dass der Nutzen eines freien Sonntages in meinem Fall eher begrenzt ist. Trotzdem bin ich dafür, dass die Läden geschlossen bleiben.

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Sonntags nicht shoppen gehen zu können, ist eine Freiheit, die oft unterschätzt wird. Keine Besorgungen können auf den Sonntag geschoben werden, keine Termine einen belästigen. Einmal in der Woche gibt es einen Tag, an dem wir die Dinge genießen können, die sonst in unserem Leben so oft zu kurz kommen. Das kann ein Tag mit der Familie sein, an dem man sich wirklich Zeit füreinander nimmt. Oder ein Treffen mit Freund*innen, um gemeinsam im Park zu sitzen oder einen Kaffee zu trinken. Oder auch alleine zu Hause zu bleiben, um die Ruhe zu genießen oder eine neue Serienempfehlung zu suchten.

Und nicht zuletzt hat ein freier Sonntag auch etwas mit Solidarität zu tun. Den Sonntag mit Shopping zu verbringen ist ein Luxus, der auf Kosten anderer geht, die ihren Sonntag am Arbeitsplatz verbringen müssen. Wer bisher freiwillig die Wochenenden-Dienste schiebt, wird daher auch zu Recht mit einem höheren Stundensatz belohnt. Mitarbeiter*innen opfern immerhin ihre Zeit mit Freund*innen, Verwandten und ihrer Erholung für ihre Arbeitgeber*innen. Die Läden auch am Sonntag zu eröffnen würde das Opfer, das sie für uns bringen, verschleiern und eine Kultur unterstützen, in der wir alle nur der Mehrwert sind, den wir produzieren. Dann hab ich doch lieber sonntags mal keine Nudeln im Haus, als anderen das abzuverlangen.

Philipp: Der Sonntag sollte nicht diskriminiert werden

Ich hingegen esse morgens – beziehungsweise nach dem Aufstehen, wann immer es sein möge – Brötchen, trinke Kaffee und, ja, Sonnenstrahlen treiben mich unmittelbar in den Park. Außerdem will ich generell viel mehr von allem, das ich nicht zu Hause habe. Am Sonntag geöffnete Läden würden mein Leben aus, zugegeben, egoistischen Gründen sehr erleichtern.

Erstens: Stell dir vor, du wachst am Sonntag um elf Uhr auf, bist verkatert und hast unendlichen Hunger. Dein Fach im Kühlschrank ist genauso leer wie dein Magen, deine Mitbewohner*innen leiden unter denselben Zu- und Umständen. Es geht dir zu schlecht, um gleich mit Bestell-Pizza oder Döner oder, Gott bewahre, Indisch in den Tag zu starten. Der Späti um’s Eck hat nur Sachen, die in deinem derzeitigen Zustand deinen Würgereflex herausfordern. Was also tun? Natürlich einkaufen gehen.

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Zweitens: Mein Wunsch nach geöffneten Läden an Sonntagen fußt schlicht und einfach auf meiner eigenen Unfähigkeit vorzuplanen. Wenn ich nicht vorbereitet bin, werde ich derzeit noch dafür bestraft. Sonntags geöffnete Läden könnten meine Inkompetenz kompensieren, Kater hin oder her. Für mich und alle Menschen um mich herum wäre das eine Salbung.

Drittens: Ich kenne außer Österreich, wo die Ladenöffnungszeiten noch viel frecher sind, nur wenige (keine?) Länder, die sonntags völlig dicht machen. Selbst im erzkatholischen Polen gibt es keine gesetzlich vorgeschriebenen Ladenschlusszeiten. Wahrscheinlich damit sie die horrenden Summen wieder eintreiben, die ihnen an den unzähligen katholischen Feiertagen durch die Lappen gehen. (Anmerkung: Das ist eine gemeine Unterstellung.)

Alles eine Interpretationsfrage

Trotz aller Diskussionen: Dass die Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben, ist bisher im Grundgesetz geregelt. Dort heißt es in Artikel 139, der aus der Verfassung der ehemaligen Weimarer Republik übernommen wurde:

Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

Bisher wurde dies als klare Absage an einen verkaufsoffenen Sonntag interpretiert und von der Bundesregierung unterstützt. Trotzdem gab es in den vergangenen Jahren zunehmend Ausnahmeregelungen: zum Beispiel die Freigabe einer festgelegten Anzahl von verkaufsoffenen Sonntagen im Jahr und eine Duldung von Verstößen durch beispielsweise Spätis.

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Noch stemmen sich vor allem Gewerkschaften und Kirchenverbände gegen eine Gesetzesänderung oder auch nur Lockerung. Damit lösen sie aber auch nicht die Probleme des Einzelhandels, dessen Vertreter*innen den zunehmenden Wettbewerbsdruck durch Online-Anbieter*innen beklagen. Eine endgültige Entscheidung für oder gegen eine Öffnung an Sonntagen ist als noch nicht in Sicht.