Könnten Antibiotika gegen Depressionen helfen?

Es gibt depressive Menschen, die nicht auf herkömmliche Behandlungen ansprechen. Könnten Entzündungen im Körper der Grund für ihr Leiden sein? In einer Studie wird das nun erforscht.

Manche Depressionen gehen weder durch eine Psychotherapie noch durch Antidepressiva. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Ein Antibiotikum gegen Depression? Forschende testen gerade ein Medikament, das vielen depressiven Menschen Hoffnung versprechen könnte. Denn bei ungefähr jeder*m Fünften wollen die Symptome trotz Psychotherapie oder Antidepressiva nicht vergehen. Warum? Die Vermutung: Nicht nur chemisches Ungleichgewicht im Hirn könnte Auslöser für Depressionen sein, sondern vielleicht auch Entzündungen im Körper.

Die Entzündung der Seele

Rund jede*r fünfte Deutsche erkrankt im Laufe des Lebens an einer Depression. Die Ursachen sind vielfältig. Bei manchen entsteht sie aus traumatischen und belastenden Lebensereignissen, bei anderen als Folge einer Schilddrüsenunterfunktion oder eines chemischen Ungleichgewichts im Hirn.

Bei wieder anderen ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren. Dass eine Depression körperliche Ursachen haben kann, ist also bekannt.

Könnten auch Entzündungen im Körper zu einer Entzündung der Seele führen? Indizien gibt es: Mehrere Studien haben gezeigt, dass der Körper von depressiven Menschen unkontrolliert viel Cortisol ausstößt. Das Stresshormon sorgt normalerweise dafür, den Körper auf mögliche Verletzungen vorzubereiten, wenn Gefahr droht. Das Gehirn scannt dann die Umgebung und aktiviert Muskeln und Immunsystem, um sich auf Kampf oder Flucht einzustellen. Mit dem Cortisol werden auch Stresshormone und Entzündungsmediatoren ausgestoßen, die den Körper auf eine Verletzung vorbereiten und schnell für Heilung sorgen sollen.

[Außerdem bei ze.tt: Wie Bouldern gegen Depressionen helfen kann]

Wenn ein Mensch von einem Tiger angegriffen wird, macht dieser Mechanismus Sinn. Doch wenn der Mensch psychischem Stress ausgesetzt ist, geht derselbe Prozess los – Entzündungsstoffe werden also ausgestoßen, obwohl der Körper nicht tatsächlich verletzt wird. Wenn dieser Stress chronisch wird, bleiben auch die Entzündungswerte im Blut hoch. Der Körper bleibt im Alarmmodus und neigt mehr zu Entzündungen. Die Folge: fehlender Antrieb, Müdigkeit und gedrückte Stimmung.

Sickness behaviour nennen Forscher*innen diesen Zustand: Wenn wir eine schwere Grippe haben, ziehen wir uns zurück, gehen weniger raus, haben weniger Antrieb. Wir zeigen also im Prinzip die Symptome einer Depression“, sagt Julian Hellmann-Regen, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité. „Daher kann man davon ausgehen, dass Entzündungen eine Rolle spielen können bei der Depression.Wenn dem so ist, müssten ja anti-entzündliche Medikamente gegen depressive Symptome helfen können – oder?

Ein Antibiotikum gegen Depression?

In einer deutschlandweiten Studie soll diese Annahme bewiesen werden. Seit Dezember 2015 wird Teilnehmenden an der Charité Berlin, den Uni-Kliniken in Göttingen, Heidelberg, Erlangen, Regensburg, der LMU und dem Max Planck Institut München ein Medikament gegeben, das sonst als Antibiotikum bei Akne und bakteriellen Infektionen der Atemwege eingesetzt wird: Minocyclin. Das Antibiotikum hemmt nicht nur Krankheitserreger, sondern auch den Ausstoß von Entzündungsstoffen. Das Gehirn hat selbst ein spezielles Immunsystem, welches insbesondere aus den sogenannten Mikrogliazellen besteht. Diese Zellen sind die Fresszellen des Gehirns und empfänglich für Stressreize.

Die 30 Forschenden konnten nachweisen, dass im Gehirn diese Immunzellen aktiviert werden, wenn es eine Entzündung im Körper gibt. Minocyclin hemmt diese Immunzellen – wie genau, ist bislang nicht vollends geklärt. Das sickness behaviour bleibt aus.

25 Menschen haben bereits an der Studie teilgenommen. Die eine Hälfte von ihnen hat Minocyclin bekommen, die andere ein Placebo. Viele berichten bereits, dass sich ihre Symptome gebessert hätten. Erst am Ende der Studie, Mitte 2019, wird herauskommen, wer tatsächlich das Medikament bekommen hat. Weitere Teilnehmende werden derzeit gesucht. Wenn die Studie erfolgreich ist, könnten entzündlich-depressive Menschen zukünftig Minocyclin bekommen. „Dann müssten diese Betroffenen gar nicht erst verschiedene Antidepressiva ausprobieren, die im Zweifelsfall doch nicht funktionieren„, sagt er.

Er und seine Kolleg*innen hoffen aber auf noch mehr: Sie wollen eine Depression voraussagen, bevor sie entsteht. Das könnte mithilfe von Bluttests funktionieren. Ein depressionsbedingter erhöhter Entzündungswert könnte so erkannt und behandelt werden, bevor er chronisch wird und zu depressiven Symptomen führt. Ein solcher Test könne vielleicht sogar vorhersagen, ob ein Mensch auf Minocyclin anspricht oder nicht.

Ein Allheilmittel ist der Stoff allerdings nicht. Bestimmte körperliche Voraussetzungen können die Entstehung einer Depression zwar begünstigen, doch auch psycho-soziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle. „Häufig kann sich eine Entzündung erst dann ausbreiten, wenn ein chronischer Stress besteht. Dann wäre dieser Stress vermutlich die primäre Ursache und eine Behandlung der Entzündung würde am falschen Ende ansetzen.“ In solchen Fällen böte sich eine kombinierte Behandlung aus Psychotherapie und Medikamenten an. „Man sollte aber aufpassen, dass man dem Patienten keinesfalls suggeriert, dass er durch sein Verhalten Schuld daran tragen könnte, dass die Krankheit ausgebrochen ist.“ Häufig werde der falsche Schluss gezogen: Durch ausreichend Sport oder das korrekte Verhalten könne ein Mensch vermeiden, dass er depressiv wird. „Das ist so definitiv nicht der Fall.

Letztendlich gehe es darum, herauszufinden, welche Therapieform für den individuellen Patienten passt.


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