Kommt jetzt der Winter der RAF?

Im Juni vergangenen Jahres überfielen drei vermummte Menschen einen Geldtransporter. So richtig mit Panzerfaust und Schnellfeuergewehr. Den Räubern gelang es dennoch nicht, die Türen des Transporters zu öffnen; sie flohen ohne das Geld. Jetzt kommt raus: Die Angreifer sind Terroristen der RAF. Was wir über die RAF wissen sollten.

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Garweg, Staub und Klette im besten Alter © Picture Alliance

Daniela Klatte (57), Ernst-Volker Staub (61) und Burkhard Garweg (47) sind Terroristen. Sie gehören der dritten Generation der RAF an, von denen bisher jede Spur fehlte. Auch für einen ähnlichen – und ebenso erfolglosem – Überfall im letzten Dezember auf einen Geldtransporter bei Wolfsburg sollen die drei verantwortlich sein.

Nach dem Überfall in Bremen fanden Ermittler in den Fluchtfahrzeugen nun DNA-Spuren, die sie eindeutig den drei RAF Terroristen zuordnen konnten. So findet sich das erste Mal seit eineinhalb Jahren überhaupt wieder eine Spur der dritten Generation der RAF.

Was ist die RAF?

Klatte, Staub und Garweg gehören zur dritten Generation der terroristischen Vereinigung RAF. RAF steht für Rote Armee Fraktion – eine Terrororganisation, die ab 1970 mehr als zwei Jahrzehnte die Bundesrepublik in Atem hielt. Durch Attentate, Morde und Entführungen. Anfangs hatte die linksextreme RAF viel mit den Zielen der Studentenbewegung gemein: Sie kritisierte den Kapitalismus und stellte die Existenz des bürgerlichen Staates in Frage.

1. Generation

Andreas Baader und Gudrun Ensslin aber hielten Gewalt für unverzichtbar gegen den „imperialistischen Staat“ und zündeten am 2. April 1968 zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main an. Zusammen mit dem Anwalt Horst Mahler und der Journalistin Ulrike Meinhof gründeten sie später RAF, die damals noch keinen Namen hatte und von den Medien „Baader-Meinhof-Bande“ genannt wurde.

Nach der größten Fahndungsaktion der Bundesrepublik wurden im Juni 1972 die Mitglieder der ersten Generation in schneller Reihenfolge verhaftet und wegen vier Morden, 39 Mordversuchen und sechs Sprengstoff-Anschläge angeklagt. Erst im Februar 1977 wurde das Urteil gesprochen: lebenslang für Baader und Ensslin. Meinhof erhängte sich, Mahler wechselte die Lager und ist jetzt Holocaust-Leugner.

2. Generation

Während die erste RAF-Generation im Gefängnis saß, formierte sich draussen eine zweite. Die hatte das vordergründige Ziel, die erste Generation aus dem Gefängnis zu bekommen. Doch alle Erpressungsversuche scheiterten. 1977 entführte ein palästinensisches Terrorkommando eine Lufthansa-Maschine mit dem Ziel, die Forderungen der RAF zu unterstützen. Als auch dieses Vorhaben scheiterte, begingen Ensslin und Baader in ihren Zellen Selbstmord.

3. Generation

Die bis zu 20 Mitglieder der dritten Generation sind kaum bekannt. Sie hatten sich im Untergrund formiert. Von ihren 22 bekannten Taten konnten bisher nur zwei einigermaßen aufgeklärt werden: der Mord und der versuchte Mord an Wolfgang Grams. Andere Morde sind nicht ansatzweise aufgeklärt und bleiben rätselhaft. Patrick von Braunmühl, Sohn eines von der RAF ermordeten Diplomaten, sagt: „Dass der enorme Verfolgungsapparat bislang über die dritte Generation fast nichts herausgefunden hat, ist ein Armutszeugnis.“

Senior-Terroristen oder vierte Generation?

Die RAF ist also ein generationenübergreifendes, politisches Terrorunternehmen. Von manchen Mitgliedern fehlt jede Spur, manche leben von Hartz IV – und somit von dem Staat, den sie einst bekämpften. Aber als Rentner-Terrorist im Untergrund, wahrscheinlich mit gefälschter Identität, braucht man natürlich irgendwann Geld. Waren die versuchten Überfälle also reine Geldbeschaffung, oder macht sich eine vierte Generation gerade daran, aus der Asche zu steigen?

Experten sind sich da nicht einig. Terrorexperte Butz Peters hält Sorgen vor einer neuen Welle der politischen Gewalt von links für unbegründet. „Also, dass jetzt eine vierte Generation losmarschieren will, glaube ich nicht“, sagte Peters der Nachrichtenagentur dpa. Er sieht die Raubüberfälle als reine Geldbeschaffungsmaßnahme. Wolfgang Petri, Sicherheitsexperte, der selbst 16 Jahre als Kriminalpolizist gearbeitet hat, sieht das anders: „Es geht nicht nur um die reine Geldversorgung. Die alte Idee lebt fort.“ Linke Terroristen könnten die durch islamischen Terror verursachte Verunsicherung nutzen, um ihre Ideen durchzuführen.

Beim Landesgericht Gera ging letzten November ein Brief der „RAF 4.0“ ein, der 40 Morde an jeweils 10 Richtern, Politikern, Polizisten und Staatsanwälten ankündigt. Ein Motiv hierfür könnte die Reaktion auf rechten NSU-Terror sein.

Zwei Überfälle von RAF Terroristen der dritten Generation sind nun misslungen. Damit sind sie ein Risiko eingegangen, das ihnen jetzt zum Verhängnis werden könnte.