Warum ich in meinem nächsten Leben Zimmermann werde

„Work-and-Travel“ ist kein neues Konzept. Bereits seit dem Mittelalter gibt es ein ganz ähnliches Modell: die Gesellenwanderschaft.

© Axel Heimken/dpa

Ein Handwerker auf der Walz © Axel Heimken/dpa

Irgendwo hat sie sicherlich jeder schon mal zufällig gesehen: Reisende Gesell*innen im schwarzen Cord-Anzug, mit großem Hut und Wanderstock. Auch mir sind sie immer wieder aufgefallen. Doch erst als ich mit einem Zimmermannsgesellen „auf Walz“ in einer verrauchten Wiener Kneipe ins Gespräch kam, wurde mir klar, wie spannend diese uralte Tradition wirklich ist.

Am faszinierendsten fand ich, dass die Gesell*innen so viel und dazu noch kostengünstig reisen und sich dabei trotz moderner Möglichkeiten an die uralten Traditionen halten. Auf Walz zu gehen klang nach der perfekten Mischung aus Reisen, Dinge erleben und Detox – ich wollte mehr darüber erfahren.

Doch den Zimmermann aus der Kneipe konnte ich kein zweites Mal treffen. Immerhin ist es den Wandernden untersagt, ein Handy zu besitzen, und seine Mail-Adresse (E-Mail ist erlaubt), hatte ich nicht. Also stattete ich an einem Samstagabend der urigen Ruhlebener Klause in Spandau einen Besuch ab.

Auf einem Segelschiff über den Atlantik

In der Berliner Spelunke findet regelmäßig ein traditioneller Gesellenabend statt. Dieser wird sowohl von Gesellen besucht, die aktuell auf Wanderschaft sind, als auch von ehemaligen Wandernden und Gesellschaftsanwärtern. Kein Gendern nötig: alles Männer.

Die Gesellen treffen sich in Berlin. © Anne Dippel
Die Gesellen treffen sich in Berlin. © Anne Dippel

Ich kam mit Adrian ins Gespräch, 23 Jahre aus Tübingen. Seit Mai diesen Jahres ist er auf Wanderschaft. 20 Städte in Deutschland und Österreich hat er bereits bereist und dort gearbeitet. Aber Adrian hat für die Reisezeit von drei Jahren und einem Tag noch einiges mehr vor. „Ich will auf einem Segelschiff anheuern und damit über den Atlantik bis nach Südamerika fahren. Am liebsten bis nach Feuerland, komplett am Arsch der Welt.“ Auch Hawaii und Kuba könne er sich vorstellen. Dafür spart er bereits jetzt. Genug Zeit hat er dafür noch, denn im ersten Jahr dürfen die Gesellen nur innerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz reisen.

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Schon als Teenager hatte er den Wunsch einmal auf Weltreise zu gehen. Die Gesellenwanderschaft brachte ihn diesem Wunsch ein Stück näher. In seiner Heimat besuchte er während der Schreinerausbildung ebenfalls Gesellenabende, um dort mehr über die Wanderschaft zu erfahren. Dort wurde er schließlich in die so genannte „Vereinigung der rechtschaffenden Gesellen“ aufgenommen. Zu ihr gehören Zimmerer-, Schieferbauer-, Tischler-, und Betonbauergesellen. Neben ihr bestehen noch sechs weitere Gesellenvereinigungen anderer Berufsgruppen, wie etwa die Gesellschaft fremder und einheimischer Maurer- und Steinhauergesellen oder die Vereinigung “Axt & Kelle”, die auch Frauen auf Wanderschaft schickt.

Die Vereinigung rechtschaffender Gesellen zählt zu den traditionellsten Gesellschaften: Nur unverheiratete Männer unter 30 Jahren, die eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen haben, dürfen „zünftig reisen“. Die Vereinigung hilft mit ihrem Kontaktnetzwerk, die Walz zu organisieren und Weiterbildungen zu absolvieren.

Die Ziele der Wanderschaft: Lernen und weltoffener werden

Bereits seit Mitte des 14. Jahrhundert begeben sich Handwerksgesellen auf Wanderschaft. Mit dieser Tradition sollten sie zum einen ihr erlerntes Wissen erweitern und selbstbewusst anwenden, zum anderen andernorts neue Erfahrungen und Bauweisen kennenlernen. Bis heute verfolgt die Gesellschaft mit der Gesellenwanderschaft diese Ziele. Allerdings wurden sie noch erweitert: So sollen die Gesell*innen weltoffener werden, ein Gefühl für fremde Länder und Kulturen bekommen und unterschiedliche Mentalitäten kennenlernen.

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Dabei herrschen zum Teil strenge Regeln. Neben dem Handyverbot ist es außerdem verpönt, auf der Wanderschaft auf öffentliche Verkehrsmittel zurückzugreifen. „Das heißt: Laufen oder Daumen-Express. Im Winter kann das dann auch mal ganz schön ungemütlich werden, wenn du irgendwo landest, wo es keine Herberge gibt, dir niemand einen Schlafplatz anbietet und du im Freien schlafen musst.“

Bisher macht Adrian der Verzicht allerdings nichts aus. Zwar darf er kein Handy besitzen, E-Mails schreiben ist aber erlaubt. Adrian hat für sich noch einer weitere Möglichkeit entdeckt, um sich bei den Lieben in der Ferne zu melden: „Ich habe angefangen, Briefe und Postkarten zu schreiben, das ist viel persönlicher“. Seine Familie und Freunde haben positiv auf seine Entscheidung reagiert. Denn auch wenn für Adrian während der gesamten Reisezeit ein Bannkreis von 50 Kilometern um seinen Heimatort liegt, darf er sich auf der Reise mit ihnen treffen.

Feste Beziehungen sind schwierig

Auf die Frage, wie er sich in Zeiten von News-Eilmeldungen per Push-Benachrichtigungen auf dem Laufenden hält, reagiert Adrian gelassen: „Irgendwie bekommt man die wichtigen Sachen immer mit. Sei es, wenn ich im Auto mitfahre und das Radio läuft oder man auf dem Rasthof die Zeitungsschlagzeilen liest. Und ich vermisse es auch nicht, ständig mit den schlimmen Nachrichten konfrontiert zu werden.“

Bisher bereut Adrian noch nicht, sich auf diese wenig komfortable Reise begeben zu haben. „Man wird ständig angesprochen, dir wird Essen und Unterkunft angeboten. Die Menschen vertrauen dir, wenn du die Kluft trägst und nehmen dich gerne als Tramper mit.“ Die Kluft, das ist Schlaghose, Jackett, Hut und eine Krawatte, die man „Ehrbarkeit“ nennt.

Wenn eine Frau die Ehrbarkeit berührt, schuldet sie dem Wanderer einen Kuss.

Je nach Beruf ist die Kluft unterschiedlich gefärbt, in Adrians Fall ist sie, bis auf das Hemd, komplett schwarz. Ein weiterer wichtiger Teil der Ausrüstung sind Stenz und Charlottenburger, der hölzerne Wanderstock und das Tuch, in dem der Wanderer sein Hab und Gut auf der Reise transportiert. „Wenn eine Frau die Ehrbarkeit berührt, schuldet sie dem Wanderer einen Kuss“, erzählen die Gesellen. Wie es um das Liebesleben auf der Walz steht, kann man sich denken: Feste Beziehungen sind eher schwierig.

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„Natürlich hat man manchmal ein bisschen Heimweh und wünscht sich sesshaft zu sein. Aber das vergeht auch schnell wieder, wenn man tollen Menschen begegnet oder wieder eine neue Stadt sieht.“ Auch die anderen Gesellen am Tisch sind sich einig, dass die Jahre auf Wanderschaft die besten ihres Lebens waren. Wenn sie könnten, würden sie auch noch einmal auf Wanderschaft gehen.

Am Ende des Abends bin ich nicht nur fasziniert von den spannenden Geschichten, sondern auch von der Offenheit und Gastfreundlichkeit Adrians und der gesamten Stammtischrunde. Wie häufig wünscht man sich im Alltag, dass man aus der Routine aus viel Arbeit und wenig Freizeit ausbrechen würde und sich einfach mal ins Abenteuer stürzt. Doch meistens stoppt einen das eigene Gewissen und flüstert einem Sachen ins Ohr wie “Wie soll das denn im Lebenslauf aussehen?” oder “Wie willst du das alles finanzieren?”. Zu sehen, dass es eben doch klappen kann, sich ins Ungewisse zu stürzen und dafür nicht nach Australien zu tingeln, ist für mich sehr beruhigend. Und sehr reizvoll.