Kübra Gümüşay: „Nicht alle Türkeistämmigen müssen Türkei-Experten sein“

Kübra Gümüsay hat genug davon, dass sich aus Lagerdenken und Netz-Informationen Halb-Wahrheiten herausbilden. Deshalb hat sie zehn Punkte verfasst: für Besonnenheit, Ruhe und Differenziertheit – trotz Internet.

© Leon Krenz

Kübra Gümüsay: "Das Ausruhen auf dem Sessel der Kritikerin lag und liegt mir nicht" © Leon Krenz

1. Die Türkei-Expertin

Bloß weil gerade die Türkei in aller Munde ist und ich türkeistämmig bin, muss ich nicht die Türkei-Expertin spielen und mich darüber profilieren. Als Muslima spreche ich ohnehin über den Islam, so entschied ich vor Jahren nicht vollends im Klischee enden zu wollen. Deshalb kommentierte ich die Türkei kaum. In den sehr seltenen Fällen, wo ich das tat, versuchte ich ausgewogen, konstruktiv, kritisch zu sein.

2. Das Lagerdenken

Ich bin weder pro dies, noch pro das. In meiner Person und Arbeit vereine ich mehrere Identitäten und Ideale, die in allen politischen Lagern der Türkei (aber nicht nur dort) auf die eine oder andere Art und Weise anecken, wenn nicht gar fundamental widersprechen.

3. Die Solidarität

Statt in Lagern denke ich in Solidaritäten. Ich verstehe mich solidarisch mit unterdrückten Minderheiten, dazu zählen ethnische, religiöse und andere – überall auf der Welt. Das friedliche Miteinander mit unterschiedlichen Minderheiten ist mir ein wichtiges Anliegen. Das ist aber ein Prozess – denn so sehr man diese Ideale für sich selbst setzt, Solidarität bedeutet im ersten Schritt: Zuhören, zuhören, zuhören. Lernen, lernen, lernen. Und einsehen, dass man in bestimmten Kontexten zu den Privilegierten gehört – und den Luxus hat, Themen und Missstände nicht verfolgen zu müssen, ignorieren zu können.
Dabei müssen Solidaritäten immer wieder neu ausgehandelt werden. Auf dem Weg dahin, werden wir anecken, verletzt sein, vielleicht verletzen. Aber letztlich müssen wir uns diese Aushandlungsprozesse zugestehen. Daran arbeiten.

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4. Die Reifezeit

Ich habe limitierte Kapazitäten. Kann nicht auf jede Mail sofort reagieren, zu allem Stellung beziehen und meine Meinung kundtun. Denn, das wird jetzt einige überraschen, ich bin ein Mensch. Keine Institution. Ich habe keinen Stab an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für mich das Weltgeschehen dokumentieren und zusammenfassen, damit ich mir eine differenzierte Meinung bilden kann, die ich dann nach Außen kommuniziere.
Tatsächliche, eigene Meinung braucht Zeit. Sie muss reifen. Und die nehme ich mir, denn ich habe Ansprüche an mich. An das, was ich in die Welt setze.

5. Außerhalb der Kreise

Ich bewege mich außerhalb von Parteien, außerhalb von organisierten Religionsgemeinschaften, außerhalb von ideologischen Denkstrukturen & jedweden Gruppierungen. Ich folge keiner Meinung, gehöre keinem Lager an – sondern versuche aus der Menge an Informationen meine eigene Position zu bilden. Das bedeutet: Viel Zeit, viel Energie und viel Aufwand.

6. Innerhalb der Kreise

Ich rede mit verschiedenen Gemeinschaften, um die Werte, die ich vertrete, auch dorthin zu tragen. Um einen Diskurs mitzugestalten. Damit Veränderung stattfinden kann. Missstände behoben werden können. Nur das erscheint mir konstruktiv. Nur das erscheint mir konsequent. Denn lediglich Kritik aus der Ferne zu äußern, ist keine Lösung.

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7. Meine Schwäche, mein Weg

Bei jeder Kritik, die ich äußere, versuche ich stets konstruktiv zu sein. Auch Teil der Lösung zu sein, eine Lösung anzustoßen. Das war immer mein Ideal, mein Ziel. Das Ausruhen auf dem Sessel der Kritikerin lag und liegt mir nicht. Meine Schwäche ist: Ich mag Harmonie. Und darauf ziele ich bei all meiner Kritik, Diskussion und Problematisierung an.

Das mag manch einer naiv finden. Manch einer nicht kämpferisch genug, schwach, dumm, unfeministisch, etc. Mit den Jahren habe ich das Selbstbewusstsein gewonnen, zu wissen, dass diese Schwäche mich ausmacht und – wenn auch nicht in jedem Kontext – meine Stärke geworden ist. Ich respektiere und ehre all jene, die für die gute Sache einen der vielen anderen Wege einschlagen.

Aber, dieser Weg ist meiner.

8. Die Differenzen

Auf diesem Weg bemühe ich mich darum Diffamierungen einzelner, (öffentliche) Lästereien, Kritik unter der Gürtellinie, grundlose/überzogene/vermeintliche Kritik zu umgehen, mich nicht auf dem Rücken derer zu profilieren, die weniger Stimme, Privilegien und Einfluss haben als ich, mich von der Wolke unserer beizeiten giftigen Internetdiskussionskultur und dem Gesinnungskult fernzuhalten.

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9. Das Glück im Streben

Ich weiß, dass meine Ideale lediglich Ideale sind. Dass die Umsetzung dieser ein Weg ist. Und weil der Weg das Ziel ist, weil die Haltung nicht nur am Inhalt, sondern auch im Ton, dem Paket, deutlich wird, habe ich mich dafür entschieden auch auf dem Weg zum Ziel glücklich zu sein. Mein Glück nicht auf das Ziel zu verschieben.

10. Die Illusion

Das Internet suggeriert uns, Schnelligkeit sei eine Qualität. Lautstärke sei Relevanz. Und Kritik an und für sich eine Tugend.
Ich habe gelernt, dass dem nicht so ist. Es ist nicht einfach, diesem Wissen im Internet treu zu bleiben. Und ich weiß, dass viele Tausende andere es ebenso versuchen. Das Internet kann unser hässlicher Spiegel sein. Vorbote dessen, was uns womöglich offline erwarten. So wie wir ihn unerträglich machen, können wir ihn erträglich machen. Respektvoll, friedlich, kritisch, differenziert, reflektiert.

Egal wie laut es im Netz ist, welche Klarheit und Eindeutigkeit sie uns vorzugeben scheint: Die Welt ist es nicht. Die Welt ist komplex, die Welt ist kompliziert. Nur, wenn wir Differenzierungen ausreichend Raum geben, werden wir mehr tun als nur digitale Klickhelden sein – mehr tun als nur unser eigenes Gewissen beruhigen. Die Zwischentöne, die differenzierten Debatten sind es, die konstruktive Lösungen beherbergen. Es ist schwer im digitalen Getöse differenziert zu sein. Aber genau das sollten wir einfordern dürfen.