Lea wollte eigentlich nur Babysitten und bekam lauter obszöne Angebote

Eine 21-Jährige stellt bei eBay eine Anzeige zur Kinderbetreuung online. Nur melden sich keine Familien mit Kind, sondern zahlreiche Männer – mal auf Partnersuche, mal mit leicht anrüchigen Angeboten.

Wenn eBay zu Tinder wird. Quelle: Jiří Wagner / Unsplash / CC0

Als Lea für ihre Ausbildung nach Leipzig zieht, merkt die 21-Jährige schnell, dass ihr Geld knapp wird. Denn neben Miete, Essen und weiteren Kosten muss sie auch noch das Schulgeld für die Ausbildung aufbringen. Ihr Angespartes reicht nicht mehr, es muss also dringend ein Nebenjob her. Kurzerhand stellt sie ein Gesuch auf eBay-Kleinanzeigen online, in der Hoffnung sich als Babysitterin etwas dazuverdienen zu können.

„Mir liegen soziale Arbeiten und besonders der Umgang mit Kindern bereitet mir viel Freude“, schreibt sie in der Anzeige. Mehrere Praktika in Kindergärten habe sie bereits gemacht und auch Erfahrung mit Menschen mit Behinderung. Zum Text lädt sie noch ein Foto von sich hoch – professionell gemacht, weder anstößig noch unpassend, sondern dezent geschminkt, der Oberkörper ist abgeschnitten.

eBay-Kleinanzeigen als Partnerbörse

Was sie in den nächsten Stunden für Antworten zurückbekommt, überrascht und nervt sie. Keine einzige bezieht sich aufs Babysitten. Da schreibt zum Beispiel Leon, 28: „Nein, ich bin kein Perverser und nein, ich möchte auch keinen Sex.“ Nur durch Zufall sei er auf ihre Anzeige gestoßen. Hängen geblieben sei ihre positive Ausstrahlung auf dem Foto. „Hättest du eventuell Interesse daran, eine kleine ‚Schreib‘-Freundschaft aufzubauen?“, fragt er schüchtern.

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Bei anderen hagelt es Komplimente: „Ich musste es dir einfach sagen, dass du ein supersüßes und hübsches Gesicht hast!“, schreibt einer. „Ich würde dich gerne einmal kennenlernen“, ein anderer und ein weiterer: „Dein Bild hat mir gefallen. Ist vielleicht etwas merkwürdig, dir so zu schreiben aber ich hätte es wahrscheinlich bereut, es nicht getan zu haben.“

Statt Babysitterin doch lieber Fußmodel?

Doch auch skurrilere Antworten lassen nicht lange auf sich warten: Ein vermeintlicher Fotograf suche für Tamaris ein Fußmodel für Flip-Flops und Pumps. „Ich bräuchte mal ein Foto deiner Füße“, schreibt er. Lea ist misstrauisch: „Zalando schreibt doch niemanden über eBay-Kleinanzeigen an“, meint sie. Viel wahrscheinlicher: ein Fuß-Fetischist auf der Suche nach neuem Anschauungsmaterial. Dann wäre da noch Felix, 24 Jahre. Er ist Koch und baut gerade sein eigenes Business auf, wie er angibt. Dafür sucht er eine persönliche Assistentin. Sie soll ihm Arbeit abnehmen und darf ihn natürlich auch auf Auslandsreisen begleiten und könne so etwas von der Welt sehen. Wie großzügig. Aber das Ganze auch wirklich ohne Hintergedanken? Lea ist skeptisch. Und etwas eklig findet sie das mit den Füßen gerade auch.

„Viele der Antworten sind ja ganz süß“, meint sie. „Und die meisten haben ja bestimmt nichts Böses im Sinn. Aber ich verstehe nicht, wie die auf die Idee kommen, auf eBay ihre Partner zu suchen.“ So langsam ärgert sie sich – denn sie sucht ja wirklich einen Babysitter-Job. Steht denn nicht ausdrücklich in ihrer Anzeige drin, was sie will?

Dominante Dienste? Um Kinderbetreuung geht es hier nicht

Bald darauf trudelt noch eine Nachricht ein. Etwas zusammenhangslos und anrüchig steht dort: „Was möchten Sie verdienen? Geld spielt für mich keine Rolle! Überweise es natürlich immer vorher aufs Konto.“ Lea ist fassungslos. Um was soll es denn hier gehen? Ein anderer hat offenbar ein ähnliches Anliegen und fragt sie nach ihrer Körpergröße und nach einem Treffen. „Für gutes Geld natürlich“, schreibt er.

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Ein paar Tage später kontaktiert sie ein weiterer Mann, auf der Suche nach dominanten Diensten. Natürlich mit „top Arbeitsbedingungen und top Bezahlung“, wie er betont. „Aufs Babysitten beziehen sich die wohl nicht“, meint Lea. Unbehaglich ist ihr das schon irgendwie. Da bliebe die Frage, wie die ganzen Männer überhaupt auf sie kommen. „Man muss ja wirklich gezielt nach Babysitten suchen, um auf meine Anzeige zu stoßen. Ich frage mich, ob ich irgendetwas übersehen habe, ob Babysitten in bestimmten Kreisen falsch verstanden wird.“

Das ist nicht Tinder

Also ergreift auch sie mal die Initiative und fragt bei Luis, 22 Jahre, nach. Er fand ihr Bild sympathisch, weswegen er sie angeschrieben hatte: „Ich bin ziemlich enttäuscht“, schreibt sie ihm. „Deine Nachricht hört sich sehr nett an, aber das hier ist nicht Tinder, ich suche einen Job. Wie kommst du zu meiner Anzeige?“ Die Antwort: Er musste für eine Nachbarin, die kein Internet hat, nach einer Babysitterin suchen. Eher unglaubwürdig, findet Lea. Dass Onlineplattformen auch auf diese Art und Weise genutzt werden, hat sie davor noch nicht erlebt. In ihrem Freundeskreis ist so etwas nie vorgekommen. Ernsthaft in Erwägung gezogen hat sie bisher keines der skurrilen Angebote, sie war von Anfang an nur auf der Suche nach einem harmlosen Kinderbetreuungsjob.

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Seit etwa drei Wochen ist ihre Anzeige nun online – mittlerweile hat sie 15 Angebote bekommen, die nichts mit Babysitten zu tun haben und elf vernünftige. Diese ließen aber deutlich länger auf sich warten. Trotz der vielen seltsamen Anfragen würde Lea es wahrscheinlich wieder so machen. „Es ist schon nervig, aber anders wäre ich auch nicht an die guten Angebote gekommen.“ Mit dabei bei den guten Angeboten: ein junges Pärchen, das dringend Unterstützung bei der Kinderbetreuung braucht, um abends ausgehen zu können. Mit ihnen hat sich Lea bereits getroffen und gut verstanden – und es sieht ganz danach aus, dass aus ihrem Babysitter-Job nun doch noch was wird.