Liebe Journalist*innen, können wir bitte aufhören, Trauernde nach einem Anschlag zu interviewen?

Am Morgen nach dem Anschlag in Berlin sind es vor allem Journalist*innen und keine Trauernden, die sich an der Unglücksstelle einfinden. Zeit, unsere Berichterstattung zu überdenken.

Journalist*innen an der Gedenkstelle nahe des Weihnachtsmarktes an der Gedächtniskirche. © Marieke Reimann

Gegen 9.30 Uhr am Dienstagmorgen steige ich an der Haltestelle Zoologischer Garten aus der U-Bahn. Ich studiere die Gesichter der Menschen, die umherlaufen – sehe ich Trauer, sehe ich Angst, was sehe ich? Ich sehe vor allem nicht so viele Menschen, wie ich erwartet hatte. Ich laufe zum Breitscheidplatz. Ich möchte mir selbst ein Bild von der Situation des Unglücks machen, das dort gestern geschah.

Am Montagabend raste ein LKW in einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin, bislang sind zwölf Menschen gestorben, 48 verletzt. Mittlerweile sagt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir müssen nach jetzigem Stand von einem terroristischen Anschlag ausgehen.“ Ganz klar ist das bislang trotzdem nicht. Die Behörden ermitteln.

Kurz darauf stehe ich in der Budapester Straße vor Bauzäunen, Straßensperren, Polizist*innen – und dutzenden Journalist*innen. Eigentlich wollte ich am Dienstagmorgen hier Menschen befragen, die Blumen niederlegen und Kerzen anzünden; nur sind kaum welche da. Ich ertappe mich dabei, „eine Geschichte im Kopf“ gehabt zu haben; so sagt man das, wenn Journalist*innen ein Thema zu einem Artikel machen.

Nach-Unglücksberichterstattung ist mittlerweile traurige Routine

Nach Unglücken wie dem in Berlin ist es zur traurigen Routine geworden, die Reaktionen der Menschen vor Ort einzufangen, am besten mit Bildern und Interviews. Ich merke schnell, dass mein Vorhaben, das auch am Breitscheidplatz zu tun, wahrscheinlich scheitern wird. Erstens, weil nur wenige Menschen da sind, um wirklich zu trauern und zweitens, weil ich immer wütender über meinen eigenen Berufsstand werde.

Am Dienstagmorgen sind von etwa hundert Leuten an der Unglücksstelle circa 80 Journalist*innen, 15 Passant*innen und fünf, die tatsächlich gekommen sind, um eine Rose auf die kleine Gedenkstelle an einem der Bauzäune zu legen oder eine Kerze anzuzünden. Die Chance also, jemanden zu interviewen, der wirklich da ist, um zu trauern, ist gering. Deshalb stürzen sich alle Kolleg*innen auf diejenigen, die offensichtlich nicht zur Berichterstattung da sind. Zum Beispiel auf Patrick.

Patrick ist 26 Jahre alt und hat seinen Ex-Freund auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche kennengelernt. Ich werde hier bewusst kein Bild von Patrick zeigen, weil er nicht dort war, um Interviews zu geben, sondern, um sich an „eine schöne Zeit zurückzuerinnern.“ Ich sage ihm, dass ich als Journalistin arbeite und komme mir gleichzeitig so dumm vor, jemanden danach zu fragen, der bewegt ist, wie es ihm geht. Jede*r, der*die diesen Text liest, wird Patrick sicherlich noch in zig anderen Medien ausführlicher zitiert finden.

Ich zweifle. Ist „Reaktionen der Menschen vor Ort“ wirklich eine „Geschichte“? Ist es notwendig, die Meinung und Gefühle eines Trauernden stellvertretend für das Gefühl vieler zu präsentieren? Während ich rumstehe und nachdenke, fasst mich plötzlich jemand an der rechten Hand. Es ist ein kleiner asiatischer Mann, der in der Hocke sitzt und mich zu sich runterzieht. Er kramt drei Kerzen aus seinem Rucksack und drückt mir zwei davon in die Hand. Er zittert und zündet sie an. Mit der einen zünde ich dann seine an. Wir gehen zusammen zwei Meter weiter zur Gedenkstelle und stellen die Kerzen zu den Blumen und Teelichtern, die dort schon liegen.

Ich werde selbst zur Trauernden gemacht, obwohl ich beruflich dort bin

Auf einmal klicken und knipsen um mich herum Kameras, die festhalten, wie wir – die Journalistin und der Mann – Kerzen hinstellen. „Wie doof seid ihr eigentlich?“, denke ich und meine die anderen Journalist*innen, die sich wie Geier auf dieses „Bild der Trauer“ stürzen, was der Mann und ich wahrscheinlich abgeben. Ich fühle mich wie ein frisches Steak auf einem Tablett; ausgeliefert.

Während wir vor der Gedenkstelle hocken, erzählt mir der Mann, dass er an diesem Platz aufgewachsen ist. Seine Eltern sind regelmäßig auf den Weihnachtsmarkt gegangen. Seit gestern Abend hat er nichts mehr von ihnen gehört. Er ist furchtbar aufgewühlt, weint fast. Ich bin ergriffen und schäme mich. Ich sage ihm, dass auch ich Journalistin bin, um ehrlich zu ihm zu sein. Ich habe Angst, dass er mir noch mehr Privates erzählt, ohne zu wissen, dass ich, anders als er, beruflich dort bin. Er stutzt und sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass sie auch Journalistin sind. Sie sehen so nett aus.“ Stich. Ins. Herz. Obwohl als Kompliment gemeint, merke ich, was für ein Bild der Mann gleichzeitig von Medienschaffenden hat. Und das allerschlimmste ist, ich kann ihn sogar verstehen.

Wie Geier schwirren Journalis*innen an diesem Dienstagmorgen um vermeintlich Trauernde. Ich selbst werde zehnmal angesprochen, ob ich ein Interview geben möchte. Jedes Mal antworte ich, dass ich selbst Journalistin bin und merke, wir alle hatten an diesem Morgen die gleiche Idee: zur Gedächtniskirche fahren, Trauernde befragen, Blumen knipsen, Reaktionen einfangen. Wir alle sollten diese Idee verwerfen und überlegen, ob wir zukünftig nicht einfach auf die „Reaktionen von Menschen vor Ort“ verzichten. Denn ganz ehrlich: Wie soll es Menschen, die weinen, Kerzen anzünden oder Blumen niederlegen denn schon gehen? Beschissen. Und um das zu wissen, brauch ich nun echt keinen Artikel.

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