Liebe Mama, es heißt Snapchat und macht süchtig

„Snapwas?“ Den eigenen Eltern zu erklären, was Snapchat ist, kann schon mal zur harten Aufgabe werden. Unsere Autorin hat es trotzdem versucht.

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Benutzerfreundlich? Nein. Vor allem nicht für unsere Eltern. © dpa / Bearbeitung: ze.tt

„Hast du bei Snapchat gesehen, dass Sophie jetzt einen Freund hat?“ Eine ganz normale Unterhaltung mit einer Freundin, die bei mir übernachtete, endete damit, dass ich meiner Mutter Snapchat („Snapwas?“) erklärte. So zeigte ich ihr meine aktuelle Story und versuchte ihr elterngerecht die Gleichung Snapchat = hässliche Bilder nahezubringen. Dass ich beispielsweise Snaps an meine beste Freundin sende, die nach zehn Sekunden automatisch gelöscht werden. Aber dass mir auch angezeigt wird, ob ein Screenshot davon gemacht wurde.

Ich musste meiner Mutter das Phänomen Snapchat auch deshalb in allen Facetten zeigen, damit sie mir nicht jedes Mal antwortet, wenn ich gerade ein zehn Sekunden langes Video für meine Story mache, weil sie denkt, ich würde mit ihr reden.

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Ich zeigte ihr also die zahlreichen Filter, die jeden Tag wechseln und mit denen man Regenbogen kotzt oder aussieht wie Kylie Jenner mit Lippenauffüllern. Und nicht zu vergessen: Faceswap! Die wohl coolste Erfindung gegen Langeweile: Wir sitzen nebeneinander und vertauschen unsere Gesichter. Meine Mutter schrie erfreut auf, als sie mein Gesicht mit ihren Gesichtszügen erblickte: „Endlich wieder jung.“

Hä? | © Giphy
Hä? | © Giphy

Es gibt neben einigen anderen Filtern noch die Möglichkeit ein Hund zu sein. Ich erkläre ihr, dass dieser Filter bei uns Jugendlichen „Schlampenfilter“ genannt wird. Weil er nur von Menschen benutzt wird, die zwei Tonnen Make-Up im Gesicht und zusätzlich Augenbrauen rasiert haben, oder Fuckboys sind.

Als sie panisch nachfragt, wer denn jetzt alles unseren Post sehen könnte, erkläre ich ihr: „Ich habe um die 300 Follower, nehme aber nicht jeden an, da mich auch viele adden, die ich nicht kenne“. Ich zeige ihr, was meine Freunde so in ihre Stories posten, die immer nur 24 Stunden angezeigt werden und sich dann löschen: Es gibt Videos von Konzerten, die keinen interessieren und bei denen alle einfach weiterklicken. Bilder von Essen, Videos von Homeparties oder Pärchen, die sich gegenseitig in der Story präsentieren, damit auch wirklich der Letzte weiß, dass sie vergeben sind.

Schau mal Mama, das hier ist ein Dick-Pic

Sie fragt, ob Snapchat auch Schattenseiten hat. Ja, antworte ich ihr, denn die Auszüge, die wir uns täglich anschauen, sind bloß die schönen Seiten des Lebens, die uns oft neidisch werden lassen. In den Ferien ist es ganz schlimm. Wenn jemand Bilder von einer Reise postet, wird hart geneidet. Aber nicht alle sind so. Viele schreiben dich an und wünschen dir viel Spaß oder geben dir Feedback zu einem coolen Foto.

Vor allem bei einem emotionalen Down ist Snapchat nicht der richtige Ort. Die Stories sind eine Scheinwelt und die virtuelle Vermarktung eines Lebens, das viel mehr ist, als nur der Spaß, den wir zeigen.

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Viele Jugendliche nutzen Snapchat auch, um Nacktfotos zu versenden und hoffen dabei, dass die Empfänger*innen die Bilder nicht mit einer Zusatzapp speichern – und die Fotos so in einem Gruppenchat landen.

Ein Foto von deinem besten Stück? NEIN! Ich möchte keinen Penis von einem Fremden/Bekannten/Freund auf meinem Bildschirm haben. Mittlerweile bin ich so gemein, dass ich einen Screenshot mache – den ich dann meiner Mutter zeige. Die meisten Jungs schreckt das allerdings nicht ab, leider.

Nicht nur Jungs präsentieren sich so auf Snapchat, auch Mädchen versenden Fotos ihrer nackten Körper. Das kann sich unter Umständen als großer Fehler herausstellen, da das Mädchen schnell den Ruf der „Schulbitch“ einbringt, wenn sich der Screenshot verbreitet. Komischerweise werden Schwanzfotos anders goutiert: Sie landen zumindest nicht in Gruppenchats von uns Mädchen.

Meine Mutter lässt sich jetzt öfter mal meine Story zeigen und freut sich, wenn sie auch mal eine kleine Rolle im Film meines Snapchatlebens spielen darf.