Liebe Studis, wenn ihr keine Fachidioten werden wollt, müsst ihr euch selbst organisieren!

Du meinst, die Uni sei ganz anders als Schule? Äh, ne. Eher nicht. Außer, du kümmerst dich selbst drum.

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Liebe Studis: Kümmert euch selbst darum, dass eure Studienzeit gut wird. © Photocase

Hoch die Hände, Wochenende! Dachte ich mir, als die Schule endlich vorbei war. Vierzehn (Extrarunde lässt grüßen) elendige Jahre Schulbankdrücken. Ich weiß heute noch, was ich alles gehasst habe: das stumpfe Auswendiglernen. Der Zwang, Dinge lernen zu müssen, die mich gar nicht interessierten. Das unflexible Korsett, dass kein Rechts und Links, nur Marschieren nach Lehrplan kannte.

Von der Uni erhoffte ich mir alles, was die Schule mir nie bot. Humboldtsches Bildungsideal und so. Ich dachte, an der Uni würde ich in Seminarräumen tagein, tagaus mit anderen kritischen Geistern über Dinge diskutieren. Ich dachte, an der Uni könnte ich anders als in der Schule tatsächlich frei meine Inhalte wählen. Ich dachte, Unis würden mich bewusst oder unbewusst zu einem selbstständigen Individuum ausbilden. Das dazu angehalten wird, das Weltgeschehen kritisch zu hinterfragen. Und nicht alles kommentarlos hinzunehmen, was von oben so vorgegeben wird.

Äh. Ne.

Herzlich willkommen an deutschen Hochschulen – die sich, wie ich bald feststellte, gar nicht so sehr von der Schule unterscheiden. Selbstbestimmtes Lernen? Kritisches Hinterfragen? Nope. Unis betreiben Fließbandarbeit. Studierende werden mithilfe eines Studienverlaufsplans ohne Umwege in Richtung Abschluss befördert. Klar, je nach Studiengang darf man hier und da ein paar Seminare „frei“ wählen. „Frei“ deshalb in Anführungszeichen, weil diese Freiheit begrenzt ist durch den Rahmen der Studienordnung. Studieren bedeutet einheitliches Marschieren im Takt der Studienordnung. Selbstbestimmtes Wählen relevanter Inhalte, auch wenn diese vielleicht aus dem vorgegebenen Rahmen rausfallen? Schwierig. Kann man machen, aber halt in der Freizeit. Generell hat man aber für Kurse außerhalb der Studienordnung eher keine Zeit. Schließlich soll man mit dem Uni-Spaß nach sechs Semestern fertig sein. Und wenn nicht, dann muss das Ganze zumindest auf eigene Kosten weiterbetrieben werden.

Denn das Leben ist wie eine keine Autobahn

Das deutsche Hochschulsystem wünscht sich Autobahn-Studierende. Die mit klarem Ziel drauflos rasen. Das Ziel heißt leider nicht ‚Umfassende Bildung‘ oder ‚Kritische Individuen ausbilden‘. Denn dafür bräuchte es eventuell mehr als sechs Semester und eine Studienordnung, die Individualität über Einheitszwang stellt. Nein, das Ziel deutscher Hochschulen heißt ganz pragmatisch: Abschluss. As fast as possible.

Also, das kann man natürlich so machen. Die Wirtschaft dankt vielleicht für all die gradlinigen Fachidioten. Aber ich finde, dass Unis eben kein verlängerter Ausbildungsarm der Wirtschaft sein sollten. Im Gegenteil. Hier sollte man lernen oder zumindest dazu angehalten werden, das Bestehende (worunter auch das Wirtschaftssystem und die Real-Politik fallen) kritisch zu hinterfragen. Leider steht die Fähigkeit ‚Kritisches Hinterfragen‘ nicht gerade an erster Stelle der Prioritätenliste der Hochschulen. Im Gegenteil: Vorlesungen und Seminare mit kritischen Inhalten sind an Unis zunehmend seltener zu finden.

Vor dem Krieg war’s auch nicht besser

Keine Sorge, dieser Text soll keine Schimpftirade der Vor-dem-Krieg-Slash-Bachelor-war-alles-besser-Fraktion sein. Hier der positive Turn: Man kann natürlich rumjammern, dass die Unis zunehmend verwirtschaftlicht werden, nur noch Fachidioten ausbilden und das Humboldtsche Bildungsideal nur noch als blasser Schimmer am Horizont ausfadet. Man kann aber auch die Ärmel hochkrempeln und selbst was auf die Beine stellen.

Dass Uni auch anders geht, zeigen zum Beispiel Studis an der FU Berlin. Dort gibt es seit einigen Jahren zu Semesterbeginn eine ‚Kritische Orientierungswoche an der FU (KOrFU)‚. „Wir wollen zeigen, dass die Uni ein Raum ist, den wir selbst gestalten können“, erzählt mir Robert, einer der Mitorganisierenden. Die KOrFU wird nicht von der Uni aus organisiert, sondern von Studierenden, die meistens an Hochschulen politisch aktiv sind. „Wir finden, dass viele Themen im Studium eindeutig zu kurz kommen“, ergänzt Theresa. „Mit der KOrFU versuchen wir unter anderem kritische Inhalte an die Uni zu holen. Man muss als Studi nicht fremdbestimmt durchs Studium wandeln. Man kann sich selbst organisieren.“

Neben Kiezführungen und Kneipenabenden haben sie eine Palette an Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden zu Themen zusammengestellt, die die Macher*innen selbst interessieren. Und die in ihren Augen an der Uni zu kurz kommen. Zum Beispiel: „Menschenrechte im digitalen Zeitalter“. Oder „Rassismus in der Sprache“. Oder „Lebensmittel, Landwirtschaft, Essen in der Stadt – Imbiss-Kultur, urbane Gärten und Backhandwerk“.

Get shit done!

Neben der einer Kritischen Orientierungswoche (die es übrigens auch in Dresden, Leipzig, Erfurt und Jena gibt – recherchiert einfach mal nach dem Hashtag #unibleibtkritisch) gibt tausende andere Möglichkeiten, über den Tellerrand des eigenen Studiums hinauszuschauen: Wälzt euch durch das komplette Vorlesungsverzeichnis eurer Hochschule. Macht Kurse, die euch interessieren, auch wenn ihr keine Punkte dafür bekommt. Bildet Lesegruppen zu Büchern, die ihr schon immer mal lesen wolltet. Schaut euch an, was die Hochschulgruppen eurer Unis so treiben: Viele organisieren regelmäßig Veranstaltungen, Workshops, Diskussionsrunden. Macht vielleicht sogar bei einer Hochschulgruppe mit – nirgends werdet ihr schöner über kritische Themen diskutieren können. Und wenn ihr eigene spannende Ideen am Start habt: Organisiert euch doch einfach selbst, wie die KOrFU-Menschen.

Was ich festgestellt habe: Würde ich an der Uni nur das machen, was ich zum erfolgreichen Erhalt eines Bachelor-Abschlusses bräuchte, wäre ich zutiefst unglücklich. Ich hätte das Gefühl, diese eigentlich unglaublich freie Zeit nicht richtig genutzt zu haben. Ich möchte keine Autobahn-Studierende sein. Ich möchte die verdammte Landstraße nehmen. Denn mein Ziel ist nicht in erster Linie, möglichst schnell den Abschluss in der Tasche zu haben. Sondern auf dem Weg dahin so viel wie geht mitzunehmen. Auch, wenn ich dafür selbst den Arsch hochkriegen muss.


Ich freue mich immer über Liebesbriefe, Shitstorms, Schminktipps, etc. Schreibt mir doch eine Mail an tessa.hoegele@ze.tt.