Lieber alleinerziehend als unglücklich zusammen

Manchmal ist es besser, sich zu trennen. Auch wenn man dann mit zwei Kindern alleine dasteht – kurz vor dem Diplom und ohne Job.

Sienna stand kurz vor dem Diplom, als sie sich von dem Vater ihrer Kinder trennte. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Eines Tages zog sie aus. Mit Sofa, Büchern und den beiden kleinen Kindern. Raus aus der vertrauten Familienwohnung, hinein in eine ungewisse Zukunft. „Es ging einfach nicht mehr, ich musste weg“, erzählt Sienna*. Und da stand sie dann: alleinerziehend, ohne Job, kurz vor dem Diplom in Kommunikationsdesign. Wo vorher finanzielle Sicherheit herrschte, gähnte jetzt ihr leeres Konto. Wo vorher zwei Elternteile den Familienalltag organisierten, musste sie nun alleine ran. „Ich habe vor der Trennung nicht allzu viel darüber nachgedacht, wie genau ich das schaffen will. Ich wusste nur, in dieser Beziehung halte ich es nicht länger aus,“ erinnert sie sich.

Es war das verflixte siebte Jahr, in dem sich Sienna von Samuel trennte. Nicht einfach so. Ein Jahr lang hatte sie mit sich gerungen: Was macht man, wenn die Idee vom schönen Familienleben nicht aufgeht? Wenn romantische Gefühle in zermürbenden Streits verenden und man sich vor lauter Beziehungsärger im Bauch nicht auf die Kinder oder die Abschlussarbeit konzentrieren kann? Manche Paare überwinden solche zähen Phasen. Aber Sienna wurde immer unglücklicher. Samuel und sie hatten einfach zu unterschiedliche Wertvorstellungen bei der Kindererziehung. Gründe könne man viele vorschieben, sagt Sienna, „aber eigentlich war es ganz einfach: Ich liebte ihn nicht mehr“.

Zwischen Kindererziehung, Haushalt und Uni-Abschluss

Sie fand ein kleines, renovierungsbedürftiges Häuschen in einem Hinterhof für sich, die zweijährige Valeria und den vierjährigen Johann unweit von der alten Wohnung. „Ich hatte keine Vorstellung davon, was auf uns zukommen und wie schwierig es sein würde“, erinnert sich Sienna. Kindererziehung, Haushalt, Uni-Abschluss und Berufseinstieg auf einen Schlag alleine zu meistern, das ist wie drei dicke Vollzeitjobs auf einmal. Mindestens. Sobald die beiden Kinder in der Kita oder im Bett waren, schrieb Sienna an ihrer Diplomarbeit. Aber sich neben Wäschebergen, Marmeladenflecken und verstreuten Bauklötzen konzentrieren zu können, war eine Herausforderung.

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Im neuen Leben zu dritt gab es keinen Platz für Unvorhergesehenes. Eine kaputte Waschmaschine oder ein kränkelndes Kind, und schon geriet das neue kleine Familienkonstrukt ins Wanken. Es fühlte sich trotzdem besser an. Sehr viel besser sogar, sagt Sienna. „Natürlich hatte ich permanente Angst, ob das Geld reichen würde“, erzählt sie. „Aber endlich fielen die Auseinandersetzungen weg, ich konnte Dinge selbst entscheiden, ohne mich aufregen zu müssen. Ich fühlte mich nach der Trennung fast schon befreit. Das haben auch die Kinder gespürt und auch ihnen ging es dadurch besser.“

Ich wollte kein Geld von ihm verlangen.“

Auch ihre Beziehung zu Samuel entspannte sich. Sie konnten nach einer Weile wieder vernünftig miteinander sprechen. Er nahm die Kinder so oft es ging, aber er arbeitete und der Job ging immer vor, erzählt Sienna. Dann musste sie ran und alles andere blieb liegen. Einfach mal nichts tun oder mit Freundinnen im Café sitzen, das ging kaum ohne schlechtes Gewissen. Eigentlich ging es überhaupt nicht. Stattdessen räumte sie auf, gab ihre Diplomarbeit ab, nahm erste, meistens schlecht bezahlte Jobs als freiberufliche Grafikdesignerin an, um das Geld für das Leben zu dritt zu verdienen. Samuel zahlte nichts. Und Sienna sagte nichts. „Ich habe mich ja getrennt, da wollte und will ich nicht auch noch Geld von ihm verlangen,“ erklärt sie.

Irgendwann war da mal der Traum vom schönen Familienleben

Dabei war alles ganz anders geplant: Sienna war 25 und hatte gerade angefangen zu studieren, als sie und Samuel beschlossen, Kinder zu haben. Sie waren drei Jahre zusammen und träumten von einer gemeinsamen Familie. Samuel arbeitete schon und wenn Sienna dann in den Beruf starten würde, wären die Kinder aus dem Gröbsten raus und sie müsste ihre Karriere später nicht wegen Nachwuchs unterbrechen, dachten sie sich. Sienna wurde schwanger und hatte kurz vor der Geburt des ersten Kindes ihr Vordiplom in der Tasche.

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„Das war super. Ich konnte effektiv lernen, weil der Geburtstermin bevorstand“, erzählt Sienna. Sie blieb ein Jahr zu Hause, um sich um den kleinen Johann zu kümmern. Als er in die Kita kam, ging sie zurück an die Uni. Ein Jahr später, mit 27, war sie wieder schwanger. Auch für Töchterchen Valeria blieb sie ein Jahr zu Hause. Alles prima, alles gut geplant. Aber nicht alles lässt sich planen. Gefühle zum Beispiel nicht.

Wenn die Liebe weg ist, kann man nicht zusammenbleiben, auch nicht der Kinder wegen.“

Vernunft und Gefühl, Sicherheit und Freiheit – wie wägt man das gegeneinander ab? Wie bleibt man sich selbst treu und tut gleichzeitig das Beste für die Kinder? Wie schafft man es, sich als Paar zu trennen, ohne Kindern einen Elternteil zu nehmen? Und wie soll das überhaupt finanziell funktionieren, als alleinerziehende Studentin? Sienna stellte sich all diese Fragen, fand aber wenig Antworten. „Den richtigen Zeitpunkt für eine Trennung gibt es sowieso nicht“, sagte sie sich. „Dass ich noch keinen Uni-Abschluss und keinen Job hatte, war für mich kein Grund zu bleiben“, erinnert sie sich. „Für mich sind das zwei verschiedene Sachen: Meine Beziehung hat für mich nur etwas mit Gefühlen und nichts mit der beruflichen und finanziellen Situation zu tun.“

Gemütlich eingerichtet im Leben zu dritt

Heute wohnt Sienna mit den Kindern immer noch in dem kleinen Häuschen, erst kürzlich hat sie die Küche neu gestrichen, in einem zarten Violett-Ton. Valeria und Johann sind jetzt elf und 13 Jahre alt. Weil sie mittlerweile auch gut mal alleine sein können, kann Sienna auch mehr und besser bezahlte Grafik-Jobs annehmen als früher. Sie haben sich gemütlich eingerichtet im Leben zu dritt, mit Samuel in der Nachbarschaft. Er ist für die Kinder da. Nicht finanziell, aber als liebevoller Vater. Ein neuer Partner hat da kaum Platz an Siennas Seite. „Jemanden kennenzulernen ist nicht das Problem, aber im Alltag ist es doch meistens unentspannt, weil ich allen gerecht werden will und mich irgendwie dazwischen fühle,“ sagt sie. „Im Beruf und finanziell kann man vielleicht Kompromisse machen. Aber nicht in der Liebe.“

Sie würde die Entscheidung trotzdem immer wieder so treffen, sagt sie heute. Lieber alleinerziehend, als unglücklich zusammen. Auch so kann schönes Familienleben aussehen.


* Name geändert