Lieber Xavier, du bist die ärmste Marionette von allen

Es gab Zeiten, da hat unser Autor bei Xavier Naidoo mitgesungen. Spätestens seit seinem aktuellen Song ist er endgültig für ihn gestorben. Ein offener Brief.

Seit 1997 geistert der Mann durch die deutsche Musikszene. © dpa

Lieber Xavier,

es gab eine Zeit, da mochte ich dich. Damals, als ich das erste Mal deinen Song Sie sieht mich nicht gehört habe, zum Film Asterix und Obelix gegen Cäsar. Ich war jung damals, gerade mal neun Jahre alt. Du warst 27. Ich erinnere mich noch daran, wie ich dich kurz später zufällig live gesehen habe, in Stuggi aufm Schlossplatz. Du hast damals meine Stimme bekommen, ich habe sogar mitgesungen.

Heute bin ich 27. Und ich mag dich nicht mehr. Warum, fragst du dich? In den vergangenen Jahren hast du der Welt gezeigt, wie es in deinem Kopf aussieht. Du bist offen homophob und greifst regelmäßig Minderheiten an. Ich finde das nicht gut.

Du hast jetzt nachgelegt. Und damit hast du endgültig bei mir verschissen. Mit Marionetten lieferst du einen Song, zu dem der wütende rechte Mob sich gerade öffentlich einen abschrubben kann. Ich möchte das Zeug nicht zitieren, aber du weißt ja sicher, wovon ich spreche. (Hier der gesamte Text.)

Bist du eigentlich stolz auf dich, Xavier?

Begonnen hat es damit, dass du 2011 im Morgenmagazin davon gesprochen hast, dass Deutschland immer noch besetzt sei. Es wirkte auf mich damals so, als hätte dir etwas eine Gehirnwäsche verpasst, ich war ernsthaft perplex. 2012 veröffentlichst du mit Kool Savas einen Song, in dem du dich ganz plemplem an Mordfantasien gegenüber Homosexuellen aufgeilst und gleichzeitig nach einem neuen Führer gierst. 2014 in Mannheim hast du dich auf einem roten Spielmobil vor die Reichsbürgerbewegung gestellt und Verschwörungstheorien abgefeuert. Da blubbertest du dann plötzlich irgendwas von der NSA, für alle auf YouTube einsehbar.

Ich meine, du hättest dich doch mal ein paar Jahre zurückziehen können und wirklich daran arbeiten, ein relevanter Künstler zu werden. So machen die das in der Regel. Es ist ja nicht so, als könntest du nicht singen. Du hättest deine Stimme für etwas Gutes einsetzen können. Du aber hast deine Stimme, besser gesagt, deinen Bekanntheitsgrad, leider ganz anders eingesetzt.

[Außerdem auf ze.tt: Xavier Naidoo fährt für Deutschland zum ESC: Der falscheste Kandidat]

Ich schreibe dir diesen Brief vor allem, um dir eine Illusion zu nehmen: Du bist kein Künstler, Xavier. Du bist ein wirrer Verschwörungstheoretiker. Du bist ein Brandstifter unter dem Deckmantel grottiger Heulmusik. Du machst die Welt nur schlechter, als sie ist. Du, Xavier, bist die ärmste Marionette von allen.

Mit dem aktuellen Song bestätigst du das einmal mehr. Gepresst auf CD gibst du den Besorgten und Rechtsradikalen Futter, plapperst deren Dünnpfiff nach, wünschst dir, dass Politiker*innen mit Forken gejagt werden, strafst Medien ab, Lügenpresse, Steigbügelhalter.

Deine Zündelei könnte Menschen kaufen, die wie ich damals, als ich dich das erste Mal hörte, neun Jahre alt sind. Findest du das gut, Xavier? Möchtest du jungen Menschen so ein Bild unseres Landes vermitteln? Falls es dir noch keiner aus deinem Freundeskreis, der Familie oder denjenigen, die Geld mit dir verdienen, gesagt haben sollte: Das ist mindestens verantwortungslos. Deine Heimatstadt hat sich ja schon mal von dir distanziert.

Für die Zukunft wünsche ich dir allen Boykott, den du bekommen kannst. Sollte ich jemals wieder zufällig auf einen Auftritt von dir geraten, bekommst du meine Stimme nicht mehr. Nur meinen erhobenen Mittelfinger.