Lina will gesund sein, aber die Magersucht zehrt an ihrem Körper

Lina ist 19 und magersüchtig. Aus ihrer Disziplin beim Essen wurde langsam ein Zwang, gegen den sie nun ankämpft – Schritt für Schritt.

Lina weiß, dass sie krank ist und kann doch kaum etwas dagegen tun. © C.D./photocase.de

Punkt 17 Uhr kommt sie mit geradem Rücken und sicherem Schritt durch die große Glastür – ein leichtes Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Der Blick geradeaus, kaum suchend. Sie entdeckt ihre Verabredung an einem der Tische an der hinteren Wand und schenkt ihr ein herzliches, wenn auch gefasstes Lächeln, als sie auf sie zusteuert. Das Selbstbedienungscafé ist wie immer gut besucht – die Tische parallel angeordnet, sodass viele Gäste Platz finden.

„Du hast uns einen Speed-Dating-Tisch gesichert“, sagt sie zur Begrüßung. Ihr Lächeln wird breiter. Eine Umarmung. Noch ein Lachen. Dann setzt sie sich hin und legt die schlanken Hände sorgfältig auf den Tisch. „Wie war dein Tag?“, erkundigt sie sich, hört aufmerksam zu, nickt an den richtigen Stellen, wirft passende Kommentare ein. Bei einer Person, die sie weniger gut kennt, wäre das kaum anders. Lina ist eine Expertin im Netzwerken, Smalltalk spricht sie fließend. „Dann hast du ja richtig viel geschafft heute. Nicht schlecht. Ich kam heute Morgen kaum aus dem Bett und hab’ erstmal auf die Schlummern-Taste gedrückt“, gibt sie nervös zu. Dabei war ihr Tag bislang nicht minder produktiv.

Ihr Kampf beginnt mit dem Frühstück, jeden Tag

7 Uhr – der Wecker klingelt. Lina springt nicht wie sonst sofort auf, sondern gönnt sich acht Minuten zusätzlichen Schlaf, der nicht auf dem Plan stand. Vielleicht hat sie diese Verspätung dann beim Duschen aufgeholt, vielleicht auch beim Anziehen oder beim Schminken.

Als nächstes wird gefrühstückt. Das ist die erste Hürde. Wie man es aus Filmen kennt, erscheinen auf Linas Schultern plötzlich Engelchen und Teufelchen und liefern sich eine intensive Debatte. Der Konfliktpunkt in diesem Fall: „Muss das Frühstück denn unbedingt sein?“

Lina ist magersüchtig. Ihr ganzes Leben besteht aus Kontrolle. Über die Zeit, über die Gespräche, über ihren Körper. Planung lautet ihr Mantra, Disziplin ist ihr Grundprinzip.

[Außerdem auf ze.tt: „ich stecke in einem extremen Körper – Antje wäre ohne ihre Sucht keine Künstlerin geworden]

„Nein. Lass es einfach ausfallen. Niemand muss wissen, dass du es heute einmal übersprungen hast. Du kannst das mittags sicher aufholen. Stell dir doch nur vor, wie du dich nach dem Essen fühlen wirst“, flüstert ihr das Teufelchen in das eine Ohr.

Das Engelchen schaltet sich ein: „Iss, Lina! Die 50-Kilo-Marke knackst du nie, wenn der Tag schon so beginnt. Tu es einfach“

Lina mischt etwas Magerquark mit Wasser an – ein Löffel, zwei Löffel, drei Löffel. Stopp. Eine Prise Müsli. Ein halber Apfel. Mahlzeit. Mit jedem kleinen Bissen spürt sie, wie sich ihr Bauch füllt, wie ihr schmaler Körper schwerer und voller wird.

Iss, Lina! Die 50-Kilo-Marke knackst du nie, wenn der Tag schon so beginnt.“

„Du tust das für dich“, flüstert das Engelchen, auch bekannt als die Vernunft. Sie ist die Stimme des Therapeuten, ihrer Mutter und ihrer engen Freund*innen.

„Hättest du es mal gelassen“, kommentiert die Teufelin mit den langen Gliedmaßen und den hervorspringenden Hüftknochen, die auf der anderen Schulter sitzt. Wie die Vernunft auch, entspringt diese Stimme Linas Kopf, ist jedoch weit davon entfernt, vernünftig zu sein.

Lina isst ihr Frühstück langsam, aber sie isst es auf. Ein guter Morgen. Die Teufelin beschimpft sie wüst, doch die Stimme der Vernunft gibt ihr einen divareifen Stoß mit der Hüfte und katapultiert sie von der Bildfläche. Fürs Erste zumindest.

Nach dem Frühstück wird gelernt – von 8 bis 15 Uhr. Schließlich schaffen sich die guten Studienleistungen nicht von alleine. Mit dieser Einstellung hat Lina Erfolg. Die 19-Jährige studiert Jura im dritten Semester und zählt zu den Musterstudierenden, denjenigen, die im zweistelligen Punktebereich abliefern. Unter Jurist*innen ist das eher selten.

„Jura ist einfach ein Fleißstudium“, sagt sie oft, wenn sie ungläubige Blicke und Anerkennung für ihre ausgezeichneten Klausurergebnisse bekommt und schaut dann mit verlegenem Lächeln auf ihre langen manikürierten Fingernägel.

Um 14:45 Uhr legt sie ihre Unterlagen beiseite und fährt für ein einstündiges Training ins Fitnessstudio. Danach duscht sie, macht sich erneut fertig. 17 Uhr. Der nächste Termin ist das Treffen im Café.

„Wäre ich ihre Mutter, dann würde ich es gar nicht so weit kommen lassen“

Lina bietet an, die Getränke zu holen. Zwei Cappuccinos mit Sojamilch. Kalorienarm, appetitzügelnd, energiespendend. Auch in diesem Bereich ist sie darauf bedacht, die Kontrolle zu behalten. Mit perfekter Körperhaltung läuft sie zur Theke und gibt bei der Barista höflich die Bestellung auf, lässt sich nicht von der schlechten Laune dieser aus der Ruhe bringen, fuchtelt nicht nervös mit den Händen. Stattdessen liegen ihre Hände ordentlich auf der Theke, ihr Blick hält dem der Barista selbstsicher stand, als diese sie abschätzig mustert. Lina zieht ihre Jeans am Bund hoch, da sie ihr droht, von den knochigen Hüften zu rutschen. Ihre XS-Jeans füllt sie mit ihren 45 Kilogramm kaum aus.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Yoga für Menschen mit Essstörung heilsam sein kann]

Als sie zurück zum Tisch läuft, wird ein Frauentisch Mitte 40 auf sie aufmerksam. „Wäre ich ihre Mutter, dann würde ich es gar nicht so weit kommen lassen. Ich würde ihr sagen: ‚Wenn du nicht aufisst, dann stehst du mir nicht vom Tisch auf’“, hört man eine der Frauen sagen. Wahrscheinlich hat sie nicht mal eine Tochter. Doch die anderen nicken bedeutungsschwanger, gaffen, spielen eine Runde Stammtisch-Psychoanalyse.

Lina erwidert mit einer Runde Mensch ärgere dich nicht und zuckt nur mit den Schultern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nach zwei Minuten haben die Frauen das Interesse an der magersüchtigen Frau verloren und wechseln das Thema.

In Linas Gespräch geht es weiter um Alltägliches. Sie redet über das Studium, über ihre Shopping-Ausbeuten, über alte Freund*innen. Schließlich läuft das Gespräch auf ein ganz empfindliches Thema zu.

Nicht mehr lange und die Waage zeigt vorne eine Fünf an, hoffentlich

„Wie läuft es denn damit, Lina?“

Sie schaut zu Boden, die eine Hand hält den Löffel mit spitzen Fingern und umkreist damit den Keks, der zum Cappuccino serviert wird. Die andere liegt flach auf dem Tisch, parallel zur Tischkante. Diese ist parallel zu der des Nachbartisches, diese wiederum parallel zu den Wänden des Cafés.

Gut liefe es, sagt Lina. Sie starte jetzt richtig durch. Haferflocken gäbe es jetzt morgens. Sie merkt es langsam an den Jeans. Nicht mehr lang, dann zeigt die Waage eine Fünf vorne an. Vergangene Woche habe sie einmal einen kurzen Aussetzer gehabt, aber seitdem ginge es bergauf.

Dieser kurze Aussetzer kostete sie drei Kilo minus.

Nervös weicht sie dem schockierten Blick ihrer Freundin aus. Diese greift nach ihrer Hand und verschiebt sie um ein Stück, holt Lina aus dieser ordentlichen Welt bestehend aus rechten Winkeln und Parallelen.

„Manchmal“, beginnt Lina, „habe ich das Gefühl es geht bei mir steil bergauf und dann genau so steil bergab. Ganz plötzlich und dann ist es wieder ein Nullsummenspiel. Dabei gebe ich mir so viel Mühe.“

„Vielleicht darfst du dir nicht so viel Mühe geben. Vielleicht brauchst du kleine Wellen, kleine Tiefs und Hochs auf deiner Reise. Nicht immer so steile Linien.“

„Ja …“, sie blickt auf den Keks, schiebt ihn hin und her.

„Wenn du merkst, du machst zu viel, dann legt dich doch mal hin, schlaf ’ne Runde. Schau eine Serie. Auch mal mittags.“

„Du weißt, ich kann das nicht … Ich habe dann immer das Gefühl ich versage“, setzt sie nach.

„Hast du nicht. Das ist Quatsch.“

„Ich weiß.“

„Ab jetzt wird alles besser, Lina.“

„Ja!“ Ein Strahlen. „Ich krieg das hin!“

„Lust auf ein Stück Apfelkuchen? Ich geb’s aus!“

Linas Augen weiten sich, hinter ihnen beginnt es zu rattern.

„Neeee, habe ich jetzt gar keinen Bock drauf“, weicht sie aus.

„Lina, wir haben doch gerade eben …“

„Daran liegts nicht, ich mag die Kuchen hier nur eben nicht so gerne.“

„Lina.“

„Hättest du heute schon so viel gegessen wie ich, hättest du auch keine Lust auf Kuchen!“

Sie ist sauer.

„Lina.“

„Hol du dir doch einen für dich, wenn du so gerne Kuchen möchtest!“ Die beiden Freundinnen starren sich an. Auf Linas linker Schulter reibt sich die Teufelin ihre knochigen Handflächen. Sie hat sich zurück ins Scheinwerferlicht gekämpft. Wo ist das Engelchen? Wo ist der Verstand geblieben, in diesem sonst so rationalen, so vernunftgesteuerten Mädchen?

„Dann iss wenigstens den Keks zum Kaffee.“

Lina greift danach, beißt ab und lächelt triumphierend. Dann legt sie den Keks wieder auf den Tisch und wischt sich einige Krümel von den Fingern. Sie erzählt von einer Stiefmutter, die mit einer Hosengröße XS prahlt und einem Vater, der selten mit ihr spricht. Und wenn, dann nur über ihre Karriere. Lina erzählt von Erwartungen, die sie trotz vollen Einsatzes nicht erfüllen kann, von einem Umfeld, welches fordert und schubst, Noten sehen will, Lebensläufe und Kurven. Auch wenn nicht konkret darüber gesprochen wird, bleibt ihre Magersucht der Elefant im Raum. Nach jedem Bissen legt Lina den Keks wieder auf den Tisch und wischt sich die neuen Krümel von den knochigen Fingern. Sie zerkrümelt den Keks eher, als dass sie ihn isst.

Dann iss wenigstens den Keks zum Kaffee.“

Und mit dem Keks zerkrümelt auch Linas Kontrolle. Nicht darüber zu reden, nicht unter den Tisch auf die Krümelhäufchen zu blicken, macht sie nicht weniger real. Wie viel Kontrolle ist zu viel Kontrolle? Ab wann entreißt einem der dringliche Wunsch nach Kontrolle das Ruder, lässt einen nicht mehr Herr über das eigene Leben sein? Ab wann dreht sich der Spieß um? Der Übergang von Disziplin zu Zwang erfolgt nicht abrupt, die Grenze dazwischen ist blass, doch Lina hat sie vor fünf Jahren überquert. Zweimal war sie in einer Klinik, hat unzählige Therapeutengespräche hinter sich. Seitdem muss sie sich anhören, wie Fremde ihr weise den Geheimtipp geben, mehr zu essen. Sie kriegt mit, wie Fremde zu laut hinter ihrem Rücken darüber spekulieren, ob sie es wohl schaffen wird oder nicht.

„Manchmal denke ich, dass es kein Zurück gibt. Ich stecke hier schon so lange drin, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne ist. Manchmal ist die Anstrengung so groß, da frage ich mich, ob der Kampf sich überhaupt lohnt“, beichtet sie. Sie schaut auf ihre Hände, sortiert sich, legt sie wieder parallel zur Kante auf den Tisch. „Aber Aufgeben geht auch nicht. So eine bin ich nicht.“


HILFE HOLEN

Du bist dir nicht sicher, ob du eine Essstörung hast? Du weißt nicht mehr weiter? Dann nimm Hilfe in Anspruch! Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte. 

Alles zum Thema Essstörungen und Adipositas kannst du auch beim anonymen Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung besprechen: 0221-892031, Mo-Do 10.00-22.00 Uhr, Fr-So 10.00-18.00 Uhr).