Linkshänder*innen haben andere Probleme als unhandliche Dosenöffner

Heute ist internationaler Linkshändertag und es wird wieder von Dosenöffnern und Kreativität die Rede sein. Zeit, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.

Ein Umlernen kann schwere Folgen haben. Quelle: Pexels / CCO


Dem Thema Linkshändigkeit kann man sich auf mehreren Wegen nähern: über Füllfederhalter und Scheren, über Barack Obama und Marilyn Monroe, oder über die vermeintliche Kreativität, die bei Linkshänder*innen stärker ausgeprägt sein soll. Gerecht wird man damit weder dem Thema noch den Linkshänder*innen. Der hier schreibende Linkshänder – PC-Maus rechts, Kaffeebecher links von sich – möchte sich dem Thema über einen Begriff annähern: Brain Breaking. Sich das Gehirn zerbrechen.

Brain Breaking wird im Englischen die Umschulung von Linkshänder*innen zu Rechtshänder*innen genannt. Für linkshändige Kinder war das früher normal. Und für die Linkshänderberaterin Frauke Rathsmann ist das eine Bezeichnung, die viel deutlicher macht, wie folgenschwer das Umlernen für die Kinder sein kann.

Kinder kommen als Links- oder Rechtshänder*innen auf die Welt. Beidhändigkeit gibt es nicht. Bestimmt wird die Präferenz für eine Hand durch die Dominanz einer Gehirnhälfte. Die linke – oft dominante – Hirnhälfte steuert die rechte Hand, die rechte Hälfte die linke Hand. Die Dominanz ändert sich nicht, wenn ein Mensch zum Schreiben auf die andere Hand umgeschult wird. Auch dann nicht, wenn sich ein Kind durch die Nachahmung von Bezugspersonen selber zur anderen Hand umgeschult hat.

Eine Umschulung bedeutet einen massiven Eingriff ins Gehirn

„Ich bin zu dem Thema gekommen, kurz bevor mein Sohn in die Schule kam“, sagt Frauke Rathsmann. Ihr Sohn ist Linkshänder. „Mir wurde klar, dass sich weder Erzieher noch Lehrer damit auskennen.“ Für Frauke Rathsmann war das eine wichtige Erkenntnis und ein entscheidender Moment. Sie begann, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, ließ sich zur Linkshänderberaterin ausbilden und sensibilisiert seither für das Thema. „Viele Eltern denken gar nicht darüber nach, warum das Kind etwas auf eine bestimmte Weise macht“, sagt sie.

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Dabei geht es um ein Phänomen, das für die Entwicklung des Kindes besonders wichtig ist. Zu den Problemen im Zusammenhang mit Linkshändigkeit zählt nicht nur, dass viele Dinge wie Scheren, PC-Mäuse, Arbeitsgeräte und Musikinstrumente für die rechte Hand konstruiert sind und Linkshänder*innen Schwierigkeiten damit haben. Wenn linkshändig veranlagte Kinder zu rechtshändig schreibenden umgeschult werden, bedeutet das einen massiven Eingriff ins Gehirn. Es entsteht eine dauernde Fehlbelastung. Die führende deutsche Expertin auf dem Gebiet der Händigkeit, Johanna Barbara Sattler, spricht auch vom Knoten im Gehirn.

Die Folgen der Umschulung sind alles andere als harmlos: Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Sprachauffälligkeiten wie Stottern, feinmotorische Probleme, Rechts-Linksunsicherheiten. Sattler nennt das die Primärfolgen, die sich zu Sekundärfolgen ausweiten können: Minderwertigkeitsgefühle und Rückzugstendenzen sowie Verhaltensprobleme, deren Symptome oft mit AD(H)S verwechselt werden. „ADS ist eine Diagnose, die zu oft gestellt wird“, meint Frauke Rathsmann.

Linkshänder*innen müssen mehr Energie aufwenden, um alltägliche Handlungen zu bewältigen

Umgeschulte Linkshänder*innen sind ständig dazu gezwungen, mehr Aufwand und Energie zu investieren. Das führt dazu, dass ihre psychischen und körperlichen Reserven schneller aufgebraucht sind. Rathsmann sagt: „Ein umgeschulter Linkshänder muss 30 Prozent mehr Energie aufwenden, um dasselbe zu schaffen wie ein Linkshänder, der Linkshänder sein darf.“ Der Knoten im Gehirn führt dazu, dass die umgeschulten Kinder keinen Zugriff haben auf das, was sie eigentlich können. Wenn Kinder die nicht-bevorzugte Hand für Tätigkeiten nutzen, die Feinmotorik erfordern, kommt es zu Misserfolgen und Frustration.

Umso wichtiger ist es, dass Eltern die Händigkeit ihrer Kinder, die sich während der ersten Lebensjahre festigt, beobachten und richtig erkennen. Wenn Kinder anderen mit links die Hand geben wollen, kann das schon ein Hinweis sein. Oder wenn sie Bilder malen und dabei von rechts nach links malen. Das tun sie, weil die natürliche Blickrichtung von Linkshändern von rechts nach links ist.

In vielen Berufen kann Linkshändigkeit zum Problem werden

Stellen sich die Kinder als linkshändig heraus, müssen sie auch so behandelt werden. Das Wichtigste ist, dass sie mit links schreiben und andere Dinge so lernen, wie es für sie am einfachsten und natürlichsten ist. Zwar wird Kindern heute nicht mehr die linke Hand hinter dem Rücken verbunden, damit sie mit rechts schreiben. Doch die Perspektive von vielen Eltern sei immer noch, dass es besser sei, wenn das Kind Rechtshänder ist, sagt Frauke Rathsmann. „Viele Eltern von linkshändigen Kindern fühlen sich überfordert. Sie können und wollen sich nicht darauf einlassen, dass ihre Kinder vieles anders machen als Rechtshänder.“

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Warum eigentlich ist der*die Rechtshänder*in normal? Im Laufe der Evolution hat sich die Dominanz einer Hand gegenüber der Beidhändigkeit als Vorteil erwiesen. Warum mehrheitlich Rechtshänder*innen dabei herausgekommen sind, ist unklar. Wobei auch unklar ist, wie viele Links- und Rechtshänder*innen es überhaupt gibt. In Deutschland geht man davon aus, dass zehn bis fünfzehn Prozent der Menschen linkshändig sind. Es gibt allerdings Studien, die nahelegen, dass deutlich mehr Menschen Linkshänder*in sein könnten. Vielleicht ohne es zu wissen.

Wenn Linkshänder*innen mit dem Pfannenwender hantieren, der ja meist auch für die rechte Hand optimiert ist, entsteht noch keine Fehlbelastung im Kopf. Wenn sie aber in ihrem Beruf, beispielsweise als Tischler*in, Musiker*in oder Zahntechniker*in, permanent etwas auf rechtshändige Weise tun, ist das etwas anderes. Eine linkshändige Violinistin zum Beispiel, die im Orchester ja zwangsläufig auf einer Geige für Rechtshänder*innen spielen muss, wird beim Spiel wahrscheinlich schneller ermüden und in ihrer Ausführung mit der bogenführenden rechten Hand eingeschränkt sein.

Linkshändige Musiker*innen müssen nicht umsteigen

Das bedeutet nicht, dass Linkshänder*innen generell nur Instrumente für Linkshänder*innen spielen oder gar im Erwachsenenalter noch umsteigen sollten. Viele Tätigkeiten sind – häufig durch sogenannte Überkompensation – so gut trainiert, dass das Umlernen nicht sinnvoll ist. Es kann sogar von Vorteil sein, wenn die schwächere Hand gut trainiert ist. Das gilt zum Beispiel auch im Sport. Trotzdem: Selbst bei intensivstem Training werden aus Linkshänder*innen niemals echte Rechtshänder*innen.

Ob eine Rückschulung von umgeschulten Linkshänder*innen infrage kommt, klärt Frauke Rathsmann in der Einzelberatung. Möglich ist das in jedem Alter, aber es ist ein langer Prozess. Bei Erwachsenen kann die Rückschulung und der damit verbundene Umbau im Kopf zwei Jahre dauern.

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Linkshänder*innen sind vorausschauend

Unter Musiker*innen finden sich übrigens auffallend viele Linkshänder*innen: Jimi Hendrix, Bob Dylan, Lady Gaga, Paul McCartney und Kurt Cobain sind bekannte Beispiele. Auch Mozart und Beethoven waren Linkshänder. Es gibt noch andere Bereiche, wo sich besonders viele von ihnen finden. Zum Beispiel unter den Feldherren. Frauke Rathsmann erklärt sich das so: „Linkshänder sind Planer. Sie sind besonders vorausschauend.“ Und damit ist man bei den Wesensmerkmalen, die Linkshänder*innen und Rechtshänder*innen zugeschrieben werden.

Linkshänder*innen gelten als kreativ, Rechtshänder*innen als rational. Ob das stimmt? „Es darf kein Schubladendenken geben, was die Merkmale von Links- und Rechtshändern betrifft“, sagt Rathsmann. Eine Beobachtung hat sie aber gemacht: „Linkshänder können sich gut mit sich selbst beschäftigen.“ Sie haben häufiger den Drang, sich zurückzuziehen, tauchen dann aber wieder auf und suchen die Gemeinschaft.