Mädchen halten Sex schon für gut, wenn sie dabei keine Schmerzen empfinden

Junge Mädchen messen ihre eigene sexuelle Zufriedenheit an der ihres Partners, an der Nähe zu ihrem Partner und der Abwesenheit von Schmerz. Daran muss sich etwas ändern – aber wie? Das wird in einem spannenden TED-Talk erklärt.

Guter Sex sollte doch mehr als Schmerzfreiheit beinhalten, oder nicht? Foto: Stocksnap

Sexualität ist noch immer nicht gleichberechtigt

Obwohl wir heute so aufgeklärt scheinen, Sex täglich Thema ist und Mythen darum kaum mehr Chancen haben sollten, herrscht immer noch eine irrwitzige Diskrepanz zwischen Mädchen und Jungen, bezüglich ihrer Sexualität.

Natürlich ist die eigene Unsicherheit in den ersten sexuellen Erfahrungen etwas Normales, gehört zu dem Ganzen irgendwie dazu und macht vielleicht auch etwas den Reiz der ganzen Sache aus. Trotzdem ist es recht erschreckend, was Peggy Orenstein in ihrem spannenden und wichtigen TED-Talk über die wahrgenommene Sexualität von Mädchen und jungen Frauen präsentiert. Für diesen führte sie mehrere Gespräche mit amerikanischen Collegestudentinnen und ließ Fragebögen ausfüllen. Wir haben ihre Thesen für euch zusammengefasst:

Bloß nicht unangenehm auffallen

Jungen Mädchen und Frauen ist es weniger wichtig, wie sich ihr Körper und ihre sexuellen Erfahrungen für sie anfühlen. Vielmehr steht bei ihnen das Wohlwollen des Partners an erster Stelle. Das äußert sich unter anderem in der kompletten Schamrasur, um einem potenziellen Ekel des Partners gegenüber der eigenen Schambehaarung zuvorzukommen. Oder auch in der Ablehnung von Oralsex – nicht den gebenden, sondern den annehmenden. Denn viele Mädchen und junge Frauen wollen einfach nicht, dass ihr Partner einen so tiefen Blick in ihren Genitalbereich werfen kann.

Hauptsache mein Partner ist befriedigt

Während es den meisten Jungen besonders wichtig ist, ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse befriedigt zu wissen, ist es Mädchen und jungen Frauen wichtiger, dass ihr Partner zufrieden und befriedigt ist. Sie messen ihre eigene sexuelle Zufriedenheit an der ihres Partners. Das kann so weit führen, dass Mädchen und junge Frauen ihren Partner oral befriedigen, da sie eigentlich keine Lust auf eine sexuelle Interaktion haben, aber trotzdem wollen, dass ihr Partner befriedigt ist. In anderen Worten: Mädchen und junge Frauen machen Dinge, auf die sie eigentlich keine Lust haben, um den anderen glücklich zu machen.

Kein Schmerz = guter Sex

Wie schon erwähnt empfinden Jungen Sex als gut, wenn sie selber einen Orgasmus hatten. Mädchen und jungen Frauen ist allerdings wichtiger, dass ihr Partner zufrieden ist. Zudem empfanden sie Sex als sehr gut, wenn sie dabei keine Schmerzen empfinden. Erschreckend, dass das als Kriterium für guten Sex genommen wird, aber auch nicht verwunderlich, da 30 Prozent der von Orenstein befragten jungen Mädchen angaben, regelmäßig Schmerzen beim Sex zu empfinden.

Sex birgt für Mädchen Gefahren

Warum ist Mädchen und jungen Frauen ihre eigene Befriedigung nicht so wichtig, wie die ihres Partners? Einerseits liegt es am Verhalten der Eltern beziehungsweise die Unterschiede in der allgemeinen Sexualerziehung von Kindern. Es fängt bereits im Babyalter an. Denn während bei einem Jungen jedes Körperteil, also auch der Penis und die Hoden, einen Namen erhält, wird der Genitalbereich bei Mädchen sprachlich ausgespart. Zum anderen geht es mit Beginn der Pubertät, sowohl in der Schule als auch häufig im Elternhaus, besonders bei Mädchen um die Gefahren, die Sex birgt. Die Pubertierenden bekommen beigebracht, dass Mädchen einmal im Monat bluten, sich unzählige Krankheiten und im schlimmsten Fall eine Schwangerschaft einfangen könnten. Währenddessen lernen sie außerdem, dass Jungs eine Erektion bekommen und ejakulieren können. Wenn sie Glück haben, wird eventuell noch ganz nebenbei erwähnt, dass Mädchen eine Klitoris haben und diese zum Vergnügen da ist, aber eben nur wenn sie Glück haben.

Redet endlich offen über die Freuden von Sex!

Das Hauptproblem ist also Kommunikation. Etwas, dass sich zumindest zu Hause relativ leicht ändern lässt. Hierzu müssen wir nur unsere eigene Scham und unser eigenes Unbehagen überwinden. Denn wahrscheinlich fällt es den wenigsten Eltern leicht, sich mit ihren Kindern über die Freuden von Sex zu unterhalten, besonders in dieser doch für alle etwas seltsamen Transitphase der Pubertät. Wenn wir aber wollen, dass Mädchen und junge Frauen mehr auf ihren eigenen Körper hören und sie sich und ihre Wünsche beim Sex in den Vordergrund stellen, dann müssen wir über unseren eigenen Schatten springen.

Denen, den es besonders schwer fällt, sollten sich die Frage stellen, ob sie lieber einmal dieses unangenehme Gespräch führen wollen und eine selbstbestimmte Tochter haben oder sich ein Leben lang fragen müssen, ob sie Dinge beim Sex tut, nicht weil sie es will, sondern um Scham zu vermeiden.

Hier ist das ganze, wirklich informative Video von Peggy Orensteins Ted Talk.


Von Olga Felker auf EDITION F.

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