Männer in Frauenkleidung und Frauen oben ohne – das würdet ihr machen, wenn ihr könntet

Vergangene Woche wollten wir von euch wissen, was ihr am liebsten tun würdet, wenn es die gesellschaftlichen Geschlechterrollen leichter zulassen würden. Ihr habt fleißig in die Tasten gehauen. Hier sind eure Antworten.

Hans-Joachim führt ein Leben unabhängig von Rollenklischees. © privat, mit freundlicher Genehmigung

Ob Frauenmode für Männer oder Frauen ohne Oberteil, das Thema Kleidung scheint immer noch in einer großen Klischeeschublade verschlossen zu sein. Dabei würden so viele gerne aus ihr ausbrechen, sich von gesellschaftlichen Erwartungen lösen und die Freiheit haben, einfach alles tragen zu können. Ein paar Wenige haben das geschafft.

Nicht nur Mode beschäftigt Männer wie Frauen. Auch Berufe, Hobbys und sogar Getränke werden Geschlechtern zugeschrieben. Ein Mann hat Bier zu mögen, eine Frau eher fruchtige Cocktails. So die Erwartungshaltungen.

Es wird Zeit, das zu überwinden. Der erste kleine Schritt: offen darüber sprechen. Das habt ihr getan, liebe ze.tt-Leser*innen. Hier ist eine Auswahl eurer Antworten.

Jasmin, 26

Ich war immer eine kleine, hübsche Blondine. Die häufigsten Fragen, die mir gestellt wurden waren: „Netflix & chill?“ und „Willst du was trinken?“ Niemanden interessierte meine Meinung. Ich habe 20 Kilo zugenommen, aufgehört meine Nägel zu lackieren und bin umgezogen. Ich dachte, wenn ich nicht mehr die hübsche, kleine Blondine bin, könnte ich aus diesem Klischee ausbrechen. Falsch gedacht. Mit einer dicken Blondine redet überhaupt niemand.

Gäbe es keine Rollenklischees, würde ich gerne Kampfsport betreiben, ich würde gerne Bogenschießen lernen und meinen Waffenschein machen. Ich würde gerne einmal Kinder bekommen und nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz zurück zur Arbeit. Dafür bräuchte es aber einen Mann, der auch nichts von Klischees hält und selbst gern zu Hause bleibt. Außerdem möchte ich gerne Schlagzeug lernen. Was mich davon abhält? Dass man als Frau für alles be- und verurteilt wird. Ich kann mir nicht einmal meinen Lieblingsfilm Transformers ansehen, ohne dass es da draußen jemanden gibt, der behauptet, ich würde diesen Film nur sehen, um bei Männern besser anzukommen.

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Johannes, 21

Eines der Klischees, die ich am nervigsten finde, ist die Erwartung, man müsse als Mann Bier trinken. Und mögen. Hat man schon mal von einem männlichen Studenten gehört, der kein Bier mag? Radler, Schöfferhofer Grapefruit und vor allem Cocktails wie Piña Colada sind klasse Getränke, bei denen man es sich dennoch zweimal überlegt, sie in Gesellschaft zu bestellen.

Markus, ca. 37

Für Männer meines Geschmacks, die Buntes und knackige Muster mögen, hat der männliche Modemarkt wenig Antworten bereit. Stattdessen oftmals lahme Streifen und Monochromie. Ich habe mir schon häufiger in Second-Hand-Läden Sachen gekauft, wo mir Leute sagten oder ich später rausgefunden habe: „Hoppla, das ist ja eigentlich für Frauen!“ Ob Handschuhe mit Püschelfell oder Westen in lilapink – ich trag, was mir gefällt und sprenge die Zielgruppe.

Denise, 22

Ich würde im Sommer gerne oberkörperfrei durch die Gegend laufen, Volleyball mit Freunden spielen und schwimmen gehen. Außerdem hätte ich gerne mehr Einkaufsmöglichkeiten, um mir einen richtig schönen, an meinen Körper angepassten Anzug zu kaufen ohne dabei zu verarmen.

Andreas, 42

Einen Rock, vielleicht mal ein Kleid mit Feinstrumpfhose, definitiv Pumps und Stiefel, auch mal mit schmalerem Absatz, tragen. Schminken, eng anliegende, figurbetonte Kleidung und Körperenthaarung sind eh schon normal für mich. Mehr Farbe und die verschiedenen Damenschnitte ausprobieren. Ist einfach viel schöner als die langweilige angebotene Männerdauer-Mode.

Isabelle, 23

Ich tue bereits etwas außerhalb klischeebehafteter Geschlechterrollen. Nach meinem Studium in Internationaler Forstwirtschaft mache ich nun nochmal eine Ausbildung zur Forstwirtin. Sprich: Ich fälle Bäume mit einem Haufen postpubertärer Jungs. Mir wurde gesagt, ich als Frau gehöre nicht in den Wald. Ich würde zu langsam arbeiten. Ich würde aufgrund meines Geschlechts bevorzugt werden. Egal, was ich leiste, am Ende geht es immer um etwas, was mit meinem Geschlecht zu tun hat. Ich muss mir vieles anhören, aber nicht alles ist negativ. Ich bekomme auch viel Zuspruch. Manchmal weiß ich nicht, ob es das wert ist. Oft wünsche ich mir, ich hätte mehr Kolleginnen. Einfach nur, damit ich nicht so hervorsteche.

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Ebenso haben sich Leser gemeldet, die über die gesellschaftlich konstruierte Geschlechterklischees hinausgewachsen sind. Sie tragen selbstbewusst Frauenmode, unabhängig verwirrter Passantenaugen und deren verurteilenden Fragen. Sie zeigen: Es ist möglich, sich nicht an herrschende Normen anzupassen. Man muss sich nur trauen.

Arne, 51

Ich bin fast 52 Jahre, habe mir schon mit 18 Jahren Socken gestrickt, weine, wenn es sein muss, und kuschle mich an meine Freundin, wie es mir gerade in den Kopf kommt. Aber ich bin ein Mann und begehre Frauen. Trotzdem benutze ich gerne deren Duschgel. Ich spiele mit den Klischees und verwische sie auch gelegentlich. Das macht Spaß und gibt einem bisweilen eine interessante Note. Und es mir eigentlich egal, was andere über meine Männerrolle denken. Wenn ich tanze, so hat man mir gesagt, dann könnte ich eine Frau sein. Ich glaube, es ist also eine Frage des Selbstbewusstseins und der Begrenztheit anderer. Ist mir doch scheißegal!

Sören, 45

Über Männer, die sich nicht trauen, einen Fruchtdrink zu bestellen, wenn sie Lust auf einen Fruchtdrink haben, bin ich aber doch ein wenig bestürzt. Bei mir sind es in puncto Getränken eher die Milchprodukte, die eventuell nicht typisch männlich sind. Natürlich trinke ich auch Bier, bestelle mir aber auch gerne mal einen Milchshake oder ähnliches, wenn mir danach ist. Mir war bislang nicht bewusst, dass ich damit die Wertvorstellungen einiger meiner Geschlechtsgenossen erschüttere. Meine besondere Leidenschaft gilt lactosefreier Milch, obwohl ich nicht lactoseintolerant bin. Aber ich mag den süßen Geschmack. Wenn Sie so wollen, ist das mein Beitrag zur Überwindung des Klischees „süß = weiblich“.

Und beim Styling trage ich die besagten Leggings. Aber nicht diese glänzenden Lycra-Teile, sondern für den schicken Auftritt matt-schwarze Leggings aus eher festerem Stoff. Ich trage sie nicht nur zum Sport, sondern gelegentlich – wenn ich Lust darauf habe – auch zum Shoppen, im Restaurant oder im Theater. Einfach, weil ich mir selbst darin gefalle. Und ein wirklich gut sitzender Slip darunter ist natürlich meine männliche Pflicht. Meine Lieblingsantwort, wenn mich jemand darauf anspricht: „Dies ist ein freies Land.“ Wer kann dagegen schon etwas sagen? Noch ein legeres Jackett und stylishe Sneakers dazu: Fertig ist das Outfit, in dem ich mich dann auch traue, einen Milchshake zu bestellen oder meine Frau im Kino um ein Taschentuch für meine Tränen zu bitten.

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Hans-Joachim, 61

Vor drei Jahren habe ich einfach damit angefangen, die Grenzen der Männerrolle zu überschreiten oder je nach Sichtweise die Männerrolle zu erweitern. Für mich passen High Heels, Röcke, Kleider und Zubehör in Existenz als Mann hinein. Stück für Stück habe ich mir „typisch weibliche“ Dinge erobert, nachdem ich zuerst die Grenzen in meinem Denken und meine eigenen Rollenvorstellungen überwunden habe. Das größte Hindernis liegt in uns selbst und in der Angst vor der Reaktion der Leute: „Was würden die Leute sagen, wenn ich …“.

Natürlich gibt es negative Reaktionen der lieben Mitmenschen. Anfänglich mehr, mittlerweile sehr selten. Das liegt am Gewöhnungseffekt des Umfelds und an zunehmender Sicherheit in der Öffentlichkeit und der damit verbundenen Ausstrahlung. Es überwiegt bei Weitem das positive Feedback, manchmal auch spontan auf der Straße.

Zum Glück bin ich in einem Alter, das es leichter macht, sich Erwartungshaltungen zu entziehen und das Leben unabhängiger von Rollenklischees zu führen. Mittlerweile gibt es, was Kleidung und Looks angelangt, fast keine Grenzen für mich.

Zum Tragen von Kleidern muss ich mich nicht in eine Frau verwandeln, das geht meines Erachtens genauso gut als Mann. Bei 35 Grad im Schatten gibt es nichts Bequemeres, als ein luftiges Sommerkleid, in dem ich die neidvollen Blicke anderer Männer in dicken Klamotten genießen kann. Aber auch im Winter sind Kleider tragbar, wie auf dem aktuellen Foto zu sehen ist.

Hans-Joachim führt ein Leben unabhängig von Rollenklischees. | © privat, mit freundlicher Genehmigung.