Männer sind seltsam – warum ich nach einer Woche Online-Dating am Ende bin

Online-Dating kann ein Kulturschock sein. 20 Dinge, die ich in einer Woche Partnersuche im Netz gelernt habe.

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Ähm. Ja. Nee! © PowderPunk! / Photocase.com

„Klick mich“

Wenn ich den Gesprächen in meinem Freundeskreis und im Büro lausche, war ich bislang Exotin: Ich hatte noch nie ein Tinder-Date oder eine Affäre, die online begann. Als Online-Dating normal wurde, war ich glücklich vergeben und in den letzten Jahren immer zu dem Zeitpunkt an dem physischen Ort, an dem mir jemand begegnete, der zu mir passte: auf Konferenzen, in Clubs, bei der Buchmesse und meine allererste Beziehung in Berlin ging auf die gemeinsame Fahrt bei der Mitfahrzentrale zurück (Nostalgie!). Online-Dating ist etwas, über das ich gar nichts weiß, daher sind die entsprechenden Angebote und Apps für mich ein Kulturschock. Hier sind die Dinge, über die ich mich gewundert und die ich gelernt habe.

1. Die Bilder

Ich probiere zunächst Bumble aus, weil eine Kollegin gesagt hat, das sei besser als Tinder: Die Hetero-Frauen müssen dort den ersten Move machen, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass man nicht mit Nachrichten von Männern überflutet wird: Damenwahl. Ich swipe die ersten 300 Fotos von Männern weg, weil sie allesamt gruselig und unsympathisch sind und finde mich dabei unglaublich oberflächlich.

Bei Okcupid wird es nicht besser. Wenn all das die besten Fotos sind, die diese Männer von sich haben, dann aber Gute Nacht. Da greift selbst nicht der Tipp: „Sei möglichst authentisch.“ Denn Authentizität ist nicht das gleiche wie unvorteilhaft. Mein Tipp: Fragt einen Freund, ob euer Foto sympathisch auf jemanden wirkt, der euch noch nicht kennt, und den ihr im besten Falle von einem Date oder spontanen Sex überzeugen wollt. Außerdem: Ohne Sonnenbrille kann man euch in die Augen schauen und weniger leicht verwechseln, auf einem Smartphone sehe ich nur eine verschwommene Miniatur, wenn ihr in den Sonnenuntergang skatet, und Mama oder die Ex-Freundin auf dem Foto abzuschneiden wirkt schon ein wenig schräg. Und warum würde ich auf ein Bild klicken, auf dem nur Füße zu sehen sind?

Das Lustigste war der Lehrer, der sich mit einem Feuerwehrhelm fotografiert hatte, weil Schüler von ihm ihn schon erkannt hatten. Not macht erfinderisch.

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2. Die Nicknames

Kommt gleich nach den seltsamen Profilbildern. Sehr beliebt sind Nicknames, die Alkoholika beinhalten: also irgendwas mit Gin, Pinot Noir und Mezcal. Außerdem haben sicherlich 20 Prozent der Nutzer das große Latinum und lassen es raushängen. Ich möchte erst gar nicht wissen, wie das bei Elite Partner ist.

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3. Der Lebensstil

Mann sein muss toll sein und völlig anders, als gedacht: Auf ihren Profilbildern sind Männer ständig im Urlaub, draußen in der Natur, sie tragen erstaunlich wenig Kleidung und posieren noch viel extremer für Selfies als 13-jährige Mädchen. Man erfährt auf Dating-Portalen viel über Männer in Deutschland zwischen 20 und 50 und was sie in ihrer Offline-Freizeit machen: Männer, die in Flüssen stehen. Männer, die ihr Grillgut präsentieren. Männer, mit kleinen Krokodilen in der Hand. Männer, die Löwen streicheln. Sehr sehr viele Männer auf Booten oder in der Wüste. Männer auf Gipfeln. Männer mit der Wodkaflasche direkt am Mund (so erotisch).

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4. Auf was Männer stolz sind

Warum arbeiten die alle in Startups? So viele Jobs gibt es in der jungen Branche in Berlin doch auch wieder nicht. Oder sind die alle Singles, weil sie so viel arbeiten? Einer schreibt immerhin: „Ich habe ein Hardware-Startup mit gegründet und bin trotzdem nett.“ Scheinbar sind trotzdem die Startup-Guys die einzigen, die stolz auf ihren Beruf sind, die anderen machen irgendwie gar nichts beruflich und sind eben ständig auf Booten und Stränden unterwegs. Gibt es so viele Reiseblogger in Deutschland?

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5. Was sie gut können

Es hat sich herumgesprochen zu haben, dass die wenigsten Frauen unserer Generation noch kochen. Fast alle Männer preisen ihre Kochkünste an. Herrlich. Wenn ich das mit den Dates ernst nehme, kann ich bis ans Ende des Jahren jeden Abend woanders essen. A homecooked meal!

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Popkulturelles Wissen scheint in den Augen von Männern auch ein Asset zu sein: Manche Listen zu Lieblingsfilmen, Bands, Büchern und Serien sind so lang, dass es einen ganzen Abend dauert, um ein Profil durchzulesen. Dann doch lieber die Fotos von Männern am Strand, da klickt man sich schneller durch.

6. Kein Mann der großen Worte

Es gibt die Profiltexte, die, wenn sie groß sind, Romane werden wollen. Und dann gibt es einen sehr großen Anteil von Profilen, die nicht ein einziges Wort enthalten oder drei nichts sagende Wörter. Also gut: Wenn ich jemanden ganz hübsch finde, klicke ich vielleicht. Aber warum und vor allem was will ich jemandem schreiben, von dem ich gar nichts weiß?

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7. Ist denen eigentlich egal, wem sie schreiben?

Es ist ein bisschen wie mit Stellenanzeigen. Die meisten lesen nicht, was du schreibst, und bewerben sich völlig an dir vorbei. Ein bisschen verzweifelt wirkt das schon, vor allem dann, wenn die Nachricht vom anderen Ende Europas kommt und die Chancen, sich wirklich kennenzulernen, minimal sind.

8. Die Sache mit der Aufregung

Männer haben noch mit ganz anderen Dingen ihre Probleme: „I like the tattoos on your hand,“ schreibt einer. Sie sind zwar auf meinem Arm, aber das ist immerhin nur knapp daneben.

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9. Ältere Frauen sind im Trend

Ich bin 32 und die Mehrheit der Nachrichten kommt von Jungs, die zwischen 22 und 25 sind. Habe ich einen Trend verpasst oder ist das schon meine mütterliche Ausstrahlung?

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10. Selbsterkenntnis: Cute Overload geht immer

Ich habe eine komische Vorliebe für Männer, die gemeinsam mit einem Hund auf ihrem Profilbild sind. Ich klicke. Ich glaube: Menschen, die Hunde mögen, haben ein gutes Herz. Bilder mit Katzen finde ich auch gut, denn gegen die bin ich allergisch, das hilft beim Filtern.

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11. Frisurentrends

Aber: Bei welcher Dating-App kann ich Männer mit Man-Bun ausblenden?

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12. Ehrlich zu sein, hat seltsame Effekte

Mein Profil sagt, dass ich Feministin bin. Ich bekomme also lauter absurde Fragen zu Genderthemen, die eher abtörnend sind beziehungsweise von sehr wenig Wissen in diesem Bereich erzählen. Beispiele: „Magst du als Feministin überhaupt Männer?“ oder „Ich finde ja auch, die Quote ist ein wichtiges Thema.“ Aber was hat das mit mir oder 2016 zu tun?

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13. Männer suchen Brieffreundinnen

Es ist erstaunlich, wie viele Nachrichten man auf internationalen Plattformen von Menschen bekommt, die in einem anderen Land leben. Manche schreiben sogar explizit in die Nachricht, dass sie nur jemanden zum Schreiben suchen. Das widerlegt zumindest das Klischee, es ginge hier vor allem um schnellen Sex.

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14. Ich bin kein Escort

Eine typische Nachricht ist: „Hey, I’m in Berlin on business for a few days. Do you want to hang out?“ Sorry, aber ich glaube den Service, den du suchst, der ist kostenpflichtig.

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15. Online-Dating beinhaltet viel Mansplaining

Jungs, wir müssen reden: Mansplaining ist das Gegenteil von charmant, interessant und sexy. Glaubt ihr wirklich, dass ihr ein Date bekommt, wenn ihr schreibt: „Also der erste Satz in deinem Profil ist nicht der beste Opener, außerdem kannst du auf das Komma in Zeile drei verzichten.“ Als ich antworte, dass man mit so einem Gesprächseinstieg bei mir nicht punktet, bekomme ich fünf weitere Nachrichten, die mir erklären, dass Feministinnen verklemmt und biestig sind.

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16. Italiener haben die besten Profiltexte

Das ist tatsächlich die Faustregel, die ich nach dem Besuch von ein paar hundert Profilen kenne: Menschen, die italienische Wurzeln haben, haben die lustigsten, bizarrsten und sympathischsten Profile. Meistens muss ich schon beim Lesen laut lachen.

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17. Stammen wir doch von anderen Planeten?

Ich mag Frauen und Männer und habe daher eingestellt, dass ich gleichermaßen Dates mit allen Geschlechtern suche. Wenn ich selbst durch Profile klicke, finde ich 90 Prozent der Frauen sympathisch und würde gern einmal einen Whisky Sour mit ihnen trinken gehen. Frauen schreiben nette, sweete Nachrichten. Vielleicht ist das ja die Antwort, die ich die ganze Zeit suche. Vielleicht habe ich meine Freundinnen in letzter Zeit auch viel zu selten gesehen, und mir fehlen die Abende mit ihnen. Vielleicht beherrschen Frauen auch schlicht die digitale Kommunikation und Selbstdarstellung besser. Und warum haben wir nicht in der Schule gelernt, wie das am besten geht? Online-Dating bestätigt mir jedenfalls, dass Frauen super sind.

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18. Als Frau hast du gefälligst zu antworten, Bitch

Dann gibt es Männer, die sich einen Tag später beleidigt oder aggressiv beschweren, dass man ihnen nicht geantwortet hat. Das Date mit ihnen wäre bestimmt super geworden. Steckt euch doch bitte dieses Anspruchsdenken, dass jemand auf eure Nachricht antworten muss, sonst wo hin.

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19. Nachrichten, auf die ich garantiert nicht antworten werde

– „Hast du als berufstätige Mutter überhaupt Zeit?“

– „Warum ist so eine schöne Frau wie du nicht vergeben?“

– „Hey, wie gehts! Fingers crossed that you’re not crazy.“

– „Du magst also Sex …“

– :)

– hi

– hey

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20. Online-Dating ist viel zu anstrengend

Jetzt mal ernsthaft: Wer hat denn so viel Zeit? Allein die Recherche nach jemandem, der halbwegs sympathisch erscheint, kostet so viel Zeit wie drei bis fünf gute Dates. Und all diese Anfragen. Ich muss Urlaub nehmen, will ich all diese Mails beantworten.

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Hinzukommt, dass Onlinepersona und echter Mensch in der Regel so weit voneinander entfernt liegen, dass Dating über Apps in etwa so zielführend ist, wie Krankheitssymptome zu googeln und selbst Diagnosen zu stellen – auch wenn ich weiß, dass immer mehr Menschen tatsächlich einen wunderbaren Partner über das Netz gefunden haben. Und am Ende einer Woche, bei der ich das Gefühl habe, viel zu viel Zeit verschwendet zu haben, kann ich nur wiederholen, was Silvia vor ein paar Monaten mal schrieb:

„Wie wäre es denn, diese Zeit in sich selbst zu investieren? Dinge zu tun, die einen interessieren. Für die man genau dann Zeit hätte, wenn man am Bildschirm wischt oder die nächste Nachricht tippt. (…) Wieso nicht in sich selbst investieren, als in die Suche nach jemandem, der einen dann endlich, aber auch wirklich glücklich macht? Wieso nicht erst einmal selbst glücklich sein? Und dann jemanden finden. Nicht weil man jemanden braucht, sondern weil man sich will.“

Bei all den Apps, die für technischen Fortschritt stehen, sollte uns doch irgendwann mal auffallen, dass wir in unserer Haltung zu Partnerschaften wenig Fortschritte gemacht haben: Denn würden wir nicht immer noch glauben, ohne Beziehung irgendwie unvollständig und weniger wert zu sein, wären die Dating-Sites ausgestorben.

Wie dem auch sei: Wer für uns den Text „Wie man über Tinder den perfekten Partner findet“ schreiben will, ist hiermit herzlich eingeladen. Wir freuen uns auf eure Erfahrungen.


Von Teresa Buecker auf EDITION F.

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