Eine Geschichte aus einer Zeit, die Liebesbriefe nicht mehr erträgt

Eine junge Frau schreibt bei Twitter Privates über sich. Ein Mann findet sie sympathisch, recherchiert, schreibt ihr. Und sie? Stellt ihn bei Twitter bloß und das Internet rastet aus.

... so geht man nicht mit Liebesbriefen um.

... so geht man nicht mit Liebesbriefen um.

Die New Yorkerin Maggie Serota ist gestern in einer Karaoke-Bar völlig ausgeflippt. Bei Tinder hat sie neulich ihren Neffen vorgeschlagen bekommen. Sie hat eine schwarze Katze, verbringt ihre Freizeit mit Filmen und Serien und benutzt viele Ausrufezeichen, wenn sie über männliche Schauspieler schreibt.

Um das herauszufinden, habe ich sie tagelang verfolgt und ihren Facebook-Account gehackt drei Minuten lang ihren Twitter-Stream runtergescrollt.

Maggie neulich Nacht in einer Karaoke-Bar:

Maggies Dekolleté und ihre Katze:

Und so geht das weiter.

Bis zu diesem Tweet: Maggie schreibt über eine Nachricht, die sie beim Dating-Portal OKcupid bekommen hat. Der Text nimmt sie so mit, dass sie ihren Account löscht.

Der Autor schreibt, dass er ihren Humor mag, ihr Profilbild hübsch findet. Und: „Ich mag dich.“ Sie möge ihm verzeihen, dass er abschweift, „ich fühle mich nur einsam“.

Natürlich sieht er ihre Tweets mit seiner Nachricht, er schreibt ihr erneut, per E-Mail, weil sie ihr Profil ja gelöscht hatte. Die Adresse steht öffentlich in ihrem Twitter-Profil. Und Maggie? Sie stellt auch diesen Text ins Netz. Darin entschuldigt er sich und geht hart mit seiner ersten Nachricht ins Gericht. Ungeschickt und unfreiwillig habe er sie beleidigt.

Der Mann lebt in Schweden, hat Maggie bei Mic.com erzählt. Der Schreiber hatte Maggies öffentliches Twitter-Profil entdeckt, war ihr eine Weile gefolgt und hatte so Privates über sie erfahren. Bei Mic wundert man sich: Er schrieb sie an, wusste ihren Vornamen und den ihrer Katze – dabei steht doch beides nicht auf OKcupid? Zur Aufklärung: Der Schreiber selbst erklärt, er habe Maggies OKcupid-Profil entdeckt, weil sie einen Screenshot davon getwittert hatte.

Anspielungen auf den Altersunterschied, ihr Profilfoto und die unterschiedlichen Musikgeschmäcker wertete sie als beleidigend; „seine Recherche-Methoden haben mich umgehauen“. Die Reaktion wundert mich: Er hat immerhin ihren Namen bei Google eingegeben und auf der Dating-Seite nach dem Stichworten aus ihrem Profil-Screenshot gesucht.

Sexistisch, bedrohend, beleidigend seien die Nachrichten, und offene Belästigung. Schlimmer als Penis-Fotos oder kindische Witze.

Maggie findet: „Männer glauben, wenn sie etwas denken oder fühlen, gebe ihnen das das Recht, es auszusprechen.“

Die Mic-Autorin findet: „Frauen beweisen, dass genau das nicht der Fall ist.“

Ich finde: Es ist eine sehr traurige Entwicklung, wenn wir Liebesbriefe nicht mehr ertragen.

Mein Brief an Maggie:

Dear Maggie, the story above covers your incident at OKcupid. I express my opinion, that your reaction to that love letter is a sign of a sad development. Please take some time for my own letter to you:

To me, you seem to be an educated woman, quite reasonable in the days, I guess. This is my prejudice, because you are a managing editor of a news-site, but I just assume, you are not stupid. Still, you are surprised, that somebody googled you? You are surprised, that someone read your public Twitter-feed? You are surprised, that after you constantly tweet about Tinder and OKcupid, somebody found you?

Why are you surprised that somebody has the enthusiasm to investigate some facts about you? You look stunning in your pictures, you tweet a picture of yourself at the top of having fun in a bar. That makes you interesting. Live with it. Or find a more private channel to share your life with others.

That guy did nothing wrong.

He just read some personal facts – and he likes you. That’s not stalking, that’s research. And yes: He sucks at writing love-letters.

You should probably date him. 

(Just make sure it’s a public space and you can easily escape.)