„Malbücher sind so kreativ wie Fernsehen“

Malen entspannt, sagt Kunsttherapeutin Katja Sommer. Malbücher für Erwachsene sind dagegen nicht ihr Ding: „Man konsumiert etwas, was vorgegeben ist und hat keinen eigenen Anteil – außer der Wahl der Farbe.“

Screenshot: Joyceeeeec/Instagram

Malbücher: Ein Trend bei Instagram, aber nicht alle sind begeistert. Screenshot: Joyceeeeec/Instagram

Verzauberte Landschaften oder harte Sexszenen: Malbücher für Erwachsene werden gerade zum Trend in Deutschland. Aber hat das eigentlich etwas mit Kunst zu tun? Nein, findet die Kunsttherapeutin Katja Sommer aus Hamburg. „Ich finde, dass Malbücher genauso kreativ sind wie Fernsehen.“ Das könne man nicht als Kunst bezeichnen.

Malen selbst entspanne durchaus. Das liege vor allem an der Konzentration auf diese eine Sache: „Wir leben in einer Zeit, in der Multitasking ganz groß geschrieben wird. Natürlich können wir mehrere Sachen nebeneinander her machen, doch stellt sich mir dabei die Frage nach der Qualität.“ Dabei könne gerade während der Fokussierung etwas Besonderes entstehen: „Wann haben wir die Möglichkeit, uns zu vertiefen und nicht immer an der Oberfläche bleiben zu müssen, uns selber auf den Weg zu machen und dabei dann auch Raum und Zeit zu vergessen?“

Instagrammerin joyceeeeec findet, dass genau das passiert, wenn sie sich ihrem Malbuch zuwendet. „Ich fühle mich bei der Meditation immer wohler“, schreibt sie unter ihr Foto einer Malbuch-Zeichnung.

Wir verpassen etwas, sagt die Kunsttherapeutin: Jeder ahne doch, wie befriedigend es ist, eine Arbeit ganz in Ruhe, in seiner eigenen Geschwindigkeit und seinem Qualitätsverständnis machen zu können. Auf was wir uns konzentrieren spiele eine untergeordnete Rolle: „Es muss einen nur interessieren“, findet Sommer. „Ich konzentriere mich auf einen Prozess, ich probiere aus, verwerfe, probiere wieder neu, bis ich zu einem, für mich gutem Ergebnis gekommen bin. „Ich brauche mich mit niemandem zu vergleichen oder zu messen. Nur ich bin der Maßstab. Ich bestimme, wann ich fertig bin.“

„Wann haben wir Zeiten, in denen wir die Seele frei lassen?“

Sommer sieht es als Problem unserer Zeit, die uns weiter rennen lässt: „Nein, wir müssen immer wieder abbrechen und schnell weiter. Wann haben wir Zeiten, in denen wir die Seele frei lassen? Und ich meine wirklich frei ohne schon den nächsten Termin, das Telefonat, Treffen oder was auch immer im Kopf zu haben?“ Wirkliche Ruhe findet Sommer dann, wenn sie etwas Neues macht – und Kunst sei immer etwas Neues, anders als Malbücher. Deshalb ist der therapeutische Effekt der Kunst auch anders: „Dann bin ich ganz bei der Sache, ich konzentriere mich auf eine Sache und das bringt mich zur Ruhe und entspannt. Ich bin dann nur mit mir im Gespräch. Und mit niemand anderem.“ Und das behebt dann ein ganz alltägliches Problem, sagt Sommer: „Unser Stresspegel ist im Allgemeinen eher hoch; wir sind angespannt und haben Schwierigkeiten zu entspannen, weil wir nicht mehr richtig loslassen können – beim Malen passiert aber genau das: Wir lassen los.“

Ist das Kunst oder soll das weg? Teilt ihr die Meinung, dass ein Malbuch so kreativ ist wie der Fernseher?