Mathematik-Lehrer aus der Türkei unterrichtet ärmere Schüler mit Periscope-Videos

Jeden Tag steht er um 5.30 Uhr vor der Tafel eines leeren Klassenzimmers in Izmir und unterrichtet Mathematik im Livestream. Damit erreicht Mustafa Mete Ekol vor allem türkische Schüler, die sich keinen Nachhilfeunterricht leisten können. Sternchen auf Twitter und Herzchen auf Periscope sind sein Lohn.

© Mustafa Mete Ekol

Mustafa Mete Ekol streamt mehrmals täglich Mathematikunterricht via Periscope. © Mustafa Mete Ekol

„Ich habe den Leuten gezeigt, dass Bildung nicht einfach so verbannt und dass Unterricht zu jeder Zeit unter allen möglichen Umständen stattfinden kann“, sagt Mustafa Mete Ekol. Der 41 Jahre alte Türke aus Izmir unterrichtet Mathematik und Geometrie an einer Nachhilfeschule.

Zusätzlich zu seinen Stunden an der Schule unterrichtet Mustafa im Netz. Hier nennt er sich „Ekol Hoca“ (übersetzt: „Phänomen-Lehrer). Seit 2006 erklärt er mithilfe von Youtube-Videos Mathematik auf seiner Webseite ekolhoca.com und seit Ende Mai beim Video-Streaming-Dienst Periscope. Warum? Um allen türkischen Kindern einen kostenlosen Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

©
Jeden Morgen um 5.30 Uhr hält Ekol Hoca seine erste Mathematikstunde. © Mustafa Mete Ekol

Erdoğan will Nachhilfe-Schulen schließen, um politischen Gegner auszuschalten

Für Schüler in der Türkei hat Nachhilfe eine größere Bedeutung als für ihre Altersgenossen in Deutschland: Rund 1,2 Millionen junge Türken nutzen private Nachhilfeschulen, schreibt die Süddeutsche Zeitung mit Bezug auf Angaben der türkischen Tageszeitung Hürriyet Daily News. Sie bereiten sich mithilfe des Zusatz-Unterrichts auf Aufnahmeprüfungen an Gymnasien und Universitäten vor. Wer sich die Nachhilfe nicht leisten kann, muss zusehen, wie er an sein Wissen kommt.

Ekol Hoca streamt jeden Tag Mathematikunterricht, wertet Hausaufgaben via Twitter aus und überträgt Feedbackrunden mit Followern live. Das macht er, weil Nachhilfeschulen in der Türkei zur Staatsräson wurden: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschloss vor zwei Jahren, alle privaten Nachhilfeschulen zu schließen. Der Grund dafür ist, dass etwa ein Drittel dieser Schulen von der sogenannten Gülen-Bewegung betrieben werden. Der im US-Exil lebende islamische Prediger Fethullah Gülen ist schon seit langem Erdogans Erzfeind.

Gesticktes Bild von Fethullah Gulen (links) und Recep Tayyip Erdogan (rechts).
Gesticktes Bild von Fethullah Gulen (links) und Recep Tayyip Erdogan (rechts). © Ozan Kose/AFP/Getty Images

Gülen und seinen Anhängern wird vorgeworfen, den türkischen Staatsapparat zu unterwandern und die Regierung stürzen zu wollen. Immer wieder geht die türkische Regierung mit einzelnen Aktionen gegen die Anhänger Gülens vor.

Mit der Schließung der rund 3800 Schulen erhoffte sich Erdogan den Wegfall einer lukrativen Einnahmequelle für die Gülen-Sympathisanten. Obwohl das türkische Verfassungsgericht nach einer Klage der Oppositionspartei CHP im Juli erklärte, dass dieses Vorhaben verfassungswidrig sei, ist bis jetzt nicht klar, wie es mit den Schulen und den dort unterrichtenden Lehrern weitergeht.

5940 Euro statt 891 Euro für Nachhilfe – Bildung nur für Reiche

Periscope-Lehrer Ekol Hoca unterrichtet seit über zwanzig Jahren Mathematik und Geometrie. Momentan arbeitet er noch als Lehrer an einer Nachhilfeschule, ob das weiterhin so sein wird, weiß er nicht. Am meisten Sorge bereiten ihm die möglichen Auswirkungen der Schulschließungen für Kinder aus ärmeren Familien:

„Im Moment kostet ein Jahr Nachhilfe etwa 3000 türkische Lira [Anm. der Redaktion: etwa 891 Euro]. Wenn das Gesetz doch umgesetzt wird, müssten die Familien etwa 20.000 türkische Lira [Anm. der Redaktion: etwa 5940 Euro] für Privatunterricht ausgeben, der sie ordentlich auf die Aufnahmeprüfungen vorbereitet“, sagt Ekol Hoca zu ze.tt.

Ekol Hoca sieht durch die Schließungen das gesamte türkische Bildungssystem bedroht – nur Privilegierte würden noch gefördert. „Schüler von staatlichen Schulen sind eh schon benachteiligt, weil sie, im Gegensatz zu Schülern privater Schulen, meist weniger lernen und so die schwierigen Aufnahmeprüfungen ohne zusätzliche Förderung kaum schaffen können.“

91.600 Follower aus der ganzen Welt

Sie schicken Daumen, die nach oben zeigen, wenn sie etwas verstanden haben. Zeigen sie nach unten, erklärt es Ekol Hoca einfach nochmal. Die Interaktion mit den Schülern fällt dem Mathelehrer über die sozialen Medien viel leichter: „Für mich sind Unterrichtsstunden auf Periscope viel produktiver, entspannender und produktiver als herkömmliches Unterrichten.“

Mathe-Lehrer Ekol Hoca umringt von Schülern seiner Nachhilfestunde, die mitstreamen, was er streamt. © Mustafa Mete Ekol

Bei jedem Livestream wird ein Lehrbuch verlost – „das spornt sie noch mehr an, mitzumachen“, sagt er. Braucht ein User zusätzliche Unterstützung, kann er den Mathe-Lehrer einfach antwittern. Auch hier stellt Ekol Hoca Aufgaben, die er dann in seinem nächsten Video auswertet.

Ekol Hocas Unterricht scheint gut anzukommen, bis heute hat er 91.600 Follower auf Twitter und bei jedem Periscope-Video mehrere hundert Zuschauer. „Was ich dafür bekomme?“, fragt er, „lachende Smileys und Retweets von Kindern mit ihren fertiggerechneten Hausaufgaben.“