Mein Abend mit einem Swinger-Paar

Swingen bedeutet, dass ältere Menschen sich in schmuddeligen Clubs zum Sex treffen, weil sie sonst niemanden mehr bekommen würden. Ein Vorurteil, an das auch unsere Autorin geglaubt hat, bis sie von einem Paar um die 30 hörte, deren Hobby Sex ist.

Bei anonymen Partys im Porno-Kino leben Jana und Thomas ihre Sexualität aus. photocase.de / pumpel

Die Tür zur Wohnung ist nur angelehnt. Als ich sie öffne, steht Jana* vor mir. Sie trägt schwarze Nylonstrümpfe mit Haltern, ein brustfreies Korsett und silberne Plateau-Pumps. Sonst nichts. Ich sehe ihre gepiercten Brustwarzen und ihre Vulva. Sie dreht sich einmal um sich selbst und sagt mit einem Lachen im Gesicht: „Ich hab schon meine Blas-Frisur für heute Abend.“ Ich bin sprachlos. Thomas* steht in Jogginghose und schwarzem Shirt neben uns und lacht – vermutlich auch über meine Reaktion.

So beginnt meine Nacht mit den beiden Swingern Jana und Thomas. Sie ist Anfang 30, er Ende 30. Genaues Alter und Namen sollen in diesem Bericht nicht vorkommen. Beide haben Führungspositionen. Und Swingen ist schließlich nach wie vor kein Label, das man sich gerne ans Auto klebt oder in den Lebenslauf schreibt.

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Thomas führt mich durch seine Wohnung. Überall hängen Bilder und Fotografien der nackten Jana. Dildos, Klemmen und Plugs liegen rund um das Bett. Die Laden der Kommode sind voll mit Sexspielzeug. Ich weiß bei der Hälfte nicht einmal, wofür es ist. Am Ende der Wohnung ist das Fotostudio. Thomas ist auf erotische Fotografie spezialisiert. Bondageseile und eine Augenbinde liegen auf dem Hocker vor der Leinwand. „Wenn meine Mama zu Besuch kommt, muss ich in der Wohnung einiges wegräumen“, scherzt er.

Beim Swingen muss alles passen, auch die Persönlichkeit

Wir setzen uns auf die Couch. „Willst du einen Gin Tonic, das wirst du brauchen“, fragt mich Jana. Ich nehme das gerne an. Jana bezeichnet sich selbst als die typische Milf. Früher war Sex für sie etwas, das zu einer Beziehung einfach dazugehörte. Erst nach der Geburt ihrer beiden Kinder entdeckte sie ihre Sexualität aufs Neue. Thomas lernte sie auf einer Erotik-Plattform kennen. Sie trafen sich zu einer Fotosession. „Ich lag da nackt vor ihm und er konzentrierte sich nur auf seine Fotografie“, erinnert sie sich. Für Thomas ist es normalerweise ein Tabu, mit seinen Models etwas anzufangen: „Ich könnte in dem Moment auch einen Obstkorb fotografieren. Ich muss professionell bleiben.“ Beim zweiten Treffen brach Thomas seinen Kodex. Sie verliebten sich. Später besuchten sie Swinger-Clubs und Porno-Kinos.

Zu Beginn wurde Thomas eifersüchtig, wenn andere Männer sie berührten. Jana liebt es, mit mehreren Männern gleichzeitig Sex zu haben und sie zu befriedigen. „Ich bin für Quantität, Thomas eher für Qualität“, erklärt sie. Im Porno-Kino kommt sie auf ihre Kosten. Dort geht es nicht um Aussehen oder Alter einer Person, alles dreht sich um die Anonymität. Bei Einladungen nach Hause, dem eigentlich typischen Swingen, muss aber alles passen, auch die Persönlichkeit. Das jemand die beiden besuchen darf, ist daher eher die Ausnahme.

Ich frage Thomas, ob er Angst habe, seine Freundin durch das Swingen zu verlieren. Sie könnte sich schließlich auch in einen anderen verlieben. „Ich könnte Jana ohnehin nicht länger als ein bis zwei Jahre nur an mich binden. Sie braucht das und ich lebe das gerne mit ihr aus. Was im Kino passiert, hat nichts mit Liebe zu tun, sondern ist etwas Animalisches.“ Mittlerweile genießt Thomas diese Abende auch und speichert seine Eindrücke für zu Hause ab. Erst in den eigenen vier Wänden bringen sie sich gegenseitig zum wahren Höhepunkt.

20 Männer stehen an der Bar und starren uns an

Bevor wir an diesem Abend die Wohnung verlassen, zieht sich Jana noch ein im Leoparden-Print gemustertes Negligee über. Darüber einen schwarzen Pelzmantel, ihren Nuttenmantel, wie sie ihn nennt. Sie leiht mir ihren roten Lippenstift. Ich wechsle meine Winterschuhe gegen schwarze High Heels – um zumindest etwas zum Vorhaben zu passen – und wir steigen in Thomas Auto. Ich bin gespannt, mittlerweile habe ich auch Angst.

Wir hören französische Sexploitation Musik, die mit dem Gestöhne in den Liedern eine passende Einstimmung ist. Im 12. Wiener Gemeindebezirk bleiben wir stehen. Wir gehen die Stufen unter dem Schild „Love Kino“ nach unten. 20 Männer stehen bereits an der Bar und starren uns an. In diesem Moment hätte ich mich am liebsten umgedreht und wäre davon gelaufen.

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Wir gehen zur Bar, an der die Männer uns Platz machen. Wir setzen uns auf die schwarzen Hocker, bestellen Weißweinschorle und rauchen eine Zigarette. Am Bildschirm hinter der Bar laufen Pornos. Die meisten Männer tragen ihre Jacken noch, rauchen, trinken Cola, Wasser oder ein Bier. Jana flüstert Thomas zu, er solle sie ausziehen. Sie hebt ihre Arme in die Höhe und steht nackt in der Bar. Wie zu Beginn, als sie mir die Türe öffnete. Die Männer schauen sie an, sie trinkt ihren Wein. Ein junger Mann begrüßt sie. Sie kennen sich vom letzten Gangbang. Er ist Volksschullehrer.

Als Janas Glas leer ist, gehen wir in einen Raum am Ende des Lokals. Auch hier laufen Pornos, Gestöhne schallt aus den Boxen. Breite Sessel stehen an den Wänden, dazwischen Tische mit Kondomen und Küchenpapier. Jana setzt sich auf die Liege mitten im Raum. Sie streift ihre silbernen Pumps ab und kniet sich auf das Leintuch, das auf der Liege liegt. Die Männer versammeln sich rund um sie. Sie öffnen ihre Hosen, manche ziehen sie auch gleich aus. Ich schaue mich kurz um. Als ich mich wieder zu Jana drehe, steht Thomas neben ihr, während sie den ersten Mann befriedigt.

„Auch zum ersten Mal hier?“

Um die 30 Männer versammeln sich im Raum, neben mir ein Anfang 20-Jähriger. Er trägt Hornbrille und Pullunder und wirkt nervös. Er fragt mich: „Auch zum ersten Mal hier?“ Ich bejahe und frage ihn, warum er hier sei. Er studiere Wirtschaftswissenschaften, sei aber zu Besuch in Wien. Ein Freund habe ihm das Kino empfohlen. „Und bei dir läuft gar nichts?“, fragt er mich. „Nein, ich schaue nur zu.“

Ich bin überrascht, wie unterschiedlich die Männer aussehen. Ein demografischer Schnitt einmal quer durch die Gesellschaft: Alter und Aussehen variieren, genauso wie soziale Schicht und Herkunft. Inzwischen hat der Student wohl seine Scheu überwunden und stellt sich bei Jana an, bis er an der Reihe ist und sie ihm einen bläst. Thomas nimmt mich an der Hand und führt mich nahe zu Jana: „Stell dich nach vorne“, sagt er „Damit du auch was siehst.“ Die Männer wechseln bei Jana vorne und hinten. Jeder ist mal dran. Die Regeln scheinen klar. Küssen ist verboten. Keiner versucht es ohne Kondom. Thomas kontrolliert das genau. Er streichelt seine Freundin dazwischen immer wieder über die Brust oder am Po.

„Allein durch die Luft hier wird man schwanger, was?“ flüstert mir Thomas zu. Ich muss lachen. Mittlerweile habe ich meine Panik abgelegt. Keiner bedrängt mich. Ab und zu fragt mich ein Mann, ob ich mitmachen will. Ich verneine, sie danken und gehen wieder. Ein Benehmen, wie es in den meisten herkömmlichen Clubs nicht Gang und Gebe ist.

Und das alles für 10 Euro Eintritt

Nach einer Dreiviertelstunde zieht sich Jana ihre Schuhe wieder an. Die Männer wischen sich mit Küchenpapier ab und machen ihre Hosen zu. Alle gehen an die Bar. Jana verschwindet aufs WC. Währenddessen kommt ein Mann mit einer Frau an der Leine in das Lokal. Sie sieht unglaublich jung aus, um die Zwanzig, mit pechschwarzem Haar. Die Männer sind begeistert, noch eine Frau. Und das alles für 10 Euro Eintritt. An manchen Abenden seien gar keine Frauen zu Gast, dann bleiben den Männern nur die Filme. Heute schaut keiner auf die Leinwand.

Jana setzt sich hinter den Tresen und legt die Füße hoch. Nach einer Weißweinschorle und ein paar Salzstangen geht es dann weiter. Wieder dasselbe Spiel. Im Raum ist jetzt eine zweite Liege aufgebaut, für die junge Frau an der Leine. Zwischen Jana und Thomas sind alle Regeln abgesprochen, das andere Paar diskutiert immer wieder. Als ich Thomas darauf hinweise, geht er an das andere Ende des Raumes, um nach dem Rechten zu sehen. Alles hier muss freiwillig passieren, das ist ganz wichtig. Er kommt zurück und erklärt: „Die sind einfach noch sehr unerfahren. Sie ist seine Sub, sie will das so.“ Das bedeutet, dass sie ihrem Partner untergeben ist. Sie spielen also ein Spiel.

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Ich setze mich auf einen Sessel im Raum und beobachte die Szene. Das Gestöhne von der Leinwand nervt. Janas Laute scheinen echter. Ein Mann setzt sich neben mich. Warum er nicht mitmache, frage ich ihn. Es sei ihm viel zu hektisch heute. Aber er erkenne hier viele Männer vom FKK-Bereich wieder. Die Szene in Wien sei nicht besonders groß. Wir reden lange, irgendwann sagt er ernüchtert: „Ich glaube nicht mehr an die Liebe. Schau dich doch mal um.“ Ich antworte ihm, Jana und Thomas scheinen sich doch gefunden zu haben. „Eine Jana gibt es aber nur einmal auf der Welt“, meint er und verabschiedet sich. Ich schweife mit meinen Gedanken ab und denke darüber nach, was das Love Kino wohl für die wahre Liebe bedeutet.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde hört Jana auf. Genug für heute. Jeder, der jetzt noch nicht gekommen ist, hat Pech. Auch der Mann mit der Frau an der Leine kommt aus dem Raum. „Streichle meinen Hund“, sagt er zu mir. Ich lehne dankend ab. Er fragt mich immer wieder. Schließlich knie ich mich auf den Boden und streiche ihr über die Haare. „Machst du das wirklich freiwillig?“, frage ich sie leise. Sie sieht mich an und antwortet lachend: „Ja.“ Ich versuche, ihr zu glauben. Daraufhin nimmt der Mann meine Hand aus ihren Haaren und legt sie direkt auf ihre Brüste. Im Porno-Kino gibt es wohl keine halben Sachen.

Am Ende des Abends sitze ich mit Jana und Thomas wieder im Auto. Sie reden darüber, wo sie noch etwas essen könnten. Als ich aussteige, schenkt mir Jana ihre silbernen Pumps, die ich im Kino noch bewundert hatte. Ein Andenken an diesen Abend, meint sie. So oder so, Andenken habe ich genug.

*Namen geändert