Wie ein Mensch auf dem Mond: So fühlt es sich in der Uni-Bib an, wenn man nie studiert hat

Ich war nie Student und kenne Universitätsbibliotheken daher nur von außen, aus Erzählungen oder von Filmen. Also habe ich mich ins Berliner Grimm-Zentrum gewagt – und einige interessante Dinge gelernt.

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"CG 6944 W464" – ähm, ja. © ze.tt

Meine Vorstellungen einer Universitätsbibliothek waren romantisch. Massives, dunkles Holz überall. Meterhohe Buchregale. Abertausende Bücher, die nach alt duften. Zwischendrin Tische, auf denen Studierende pauken. Hin und wieder hitzige Diskussionen über mathematische Formeln oder wissenschaftliche Theorien. Im Eingangsbereich bedient eine alte Dame mit dicker Brille, die mit ihrem „Pscht“ denen Einhalt gebietet, die zu laut sind.

Ja, naiv. Aber jemand, der nie studierte, hat eben so seine Fantasien vom Alltag an der Universität. Für mich ist das alles nicht halb so selbstverständlich wie für ehemalige Studierende. Wenn ich solchen beispielsweise sagte, dass ich nie eine Bibliothek einer Uni von innen gesehen habe, kommt meistens ein „Kraaaaass, ernsthaft?“ zurück.

Sie alle wirken da so abgeklärt, wissend, kennen die Abläufe genau. Für Außenstehende bleibt das ein Mysterium. Ich wollte wissen, ob sich meine Annahmen mit dem decken, was sich wirklich in der Bibliothek abspielt. Vor allem aber wollte ich auch mal mit lässigem Tonfall sagen können: „Ich geh‘ jetzt in die Bib.“

Boah, wo ist das beschissene Buch?!

Ich stehe vor einem riesigen Gebäude in Berlin Mitte. Ich lese den Schriftzug „Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum“ und habe für einen kurzen Moment Frau Holle im Kopf. Vorher habe ich mir in meinem Unwissen drei Bücher aufgeschrieben, von denen ich mindestens eines finden will. Ich betrete die riesige Bibliothek durch eine Drehtür und lande in einem Foyer. Erster Schock: Das ist alles ziemlich modern hier. Flatscreens an den Wänden, überall kleine PC-Terminals und eine Cafeteria. Auf einem Schild werden für Neulinge Führungen angeboten. Mir schwant Übles.

Ich dachte ja, ich werde da jetzt gemütlich mit meinem Zettelchen zu einem*einer Mitarbeiter*in gehen und fragen, wo ich denn die Bücher finde, sie mir schnappen und mich dann irgendwo hinsetzen. Falsch gedacht.

Instinktiv bewege ich mich auf einen der Asbach-Uralt-Rechner zu und klicke mich mit der Maus zum Reiter „Universitätsbibliothek“. Im Suchfeld gebe ich Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung ein“ und bekomme eine kryptische Auflistung ausgespuckt. Ich klicke auf „Standort“ und komme mir beim Ergebnis ein bisschen verarscht vor: „CG 6944 W464“. Ähm, ja.

Dazu erscheint eine Karte des Erdgeschoss auf dem Screen. Ich beschließe, es bei diesem einem Buch zu belassen und drehe mich um. Mir fällt auf, wie unglaublich viele Menschen hier durchhuschen, fast alle mit durchsichtigen Tüten in der Hand, in denen ihr Laptop und Schreibblock durchblitzt. Am Eingang zum Hauptraum streift mich der Blick einer Mitarbeiterin, die mit der rechten Hand auf ein Schild an der Wand deutet, auf dem steht, dass ich meine Jacke vorher ablegen und einschließen muss. Ich frage sie, wo. Sie, ohne mich anzuschauen, monoton: „Keller.“

Im Keller komme ich mir vor wie im Hallenbad. Überall kleine Spinde, mit Vorhängeschlössern gesichert, die Menschen verstauen ihre Taschen und Jacken und gehen mit Tüten voller Arbeitsmaterial wieder nach oben. Ich habe weder Vorhängeschloss, noch Tüte. Wieder nach oben. Noch einmal spreche ich die Mitarbeiterin an und schäme mich dabei schon fast etwas. „Entschuldigung, wo bekomme ich denn so eine Tüte her?“ Sie, unbeeindruckt und mit einem Handwischen: „Am Eingang.“

Verwirrt stehe ich am Eingang vor einem Sicherheitsmitarbeiter und sage: „Ich glaube, ich brauche noch eine Tüte“. Er: „Ihr Glauben stimmt. Bitteschön.“ Wieder in den Keller. Ich lege meine Jacke in einen Spind am hintersten Eck des Raumes, und drücke die Tür zu. Abschließen kann ich ja nicht. Wieder hoch.

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Ich bleibe verdutzt vor einem zwei Meter hohen Schild stehen. Neun Stockwerke hat das hier? Abgefahren. Bücher zum Themengebiet Philosophie findet man in der Regel im dritten, aber Schopenhauer wird wohl oft gebraucht, deshalb liegt es im Erdgeschoss, im „Freihandbestand“. Als ich mich gerade noch frage, was das denn bitte für ein Wort ist, lenkt mich ein Gespräch zwischen einer Mitarbeiterin der Bibliothek an der „Ausleihtheke“ und einer Studentin ab. Ich höre Satzfetzen wie „zur Fernausleihe“, „Benutzerausweis“, „Leihfrist“ und „Vor-Ort-Nutzung der Medien“. Ich höre beim Vorbeigehen genauer hin: Die Studentin könne sich ihre Bestellung morgen abholen, am Ausleihautomat „Jacob“.

Das entzückt mich schon etwas: Die Automaten hier haben die Namen der Gebrüder Grimm. Der zweite Automat in dem Bereich heißt „Wilhelm“. So beginnt sie also, die Herrschaft der Maschinen, denke ich.

Bis ich zu endlich mal den Regalreihen im Erdgeschoss vorgedrungen bin, sind 20 Minuten vergangen. Ein weiteres Schild deutet mir, dass ich hier nichts verloren habe. „Nur für HU-Angehörige“ steht darauf. Ich frage mich kurz, ob es eigentlich noch Schilder auf der Welt gibt, oder diese Bibliothek alle hat, und ignoriere es. Wie ein verlorener Sohn irre ich durch die Regalreihen. Ich habe mir das ja schon ungefähr so vorgestellt. Bis auf die Sache mit der Nummer. „CG 6944 W464“ macht es mir ziemlich schwer. Ich fluche in mich hinein. Nach insgesamt 30 Minuten finde ich endlich die „Welt als Wille und Vorstellung“.

Ich verkrümele mich, schließlich darf ich ja gar nicht hier sein. Aber dann denke ich mir: Wer soll das denn bitte prüfen? Beim stromern durch die Regale scheine ich übrigens ganz allein zu sein. Niemand sucht, stattdessen sitzen alle anderen in einem gemütlichen Bereich auf roten Ledersesseln. Die meisten haben ihren Laptop auf dem Schoß, die wenigsten ein Buch vor sich. Ich schiele verstohlen auf die Screens, bei manchen sind Dokumente geöffnet, bei anderen laufen Youtube-Videos. Hier jedenfalls ist kein Platz frei. Ich will ohnehin mehr sehen und gehe in Richtung Treppenhaus.

Der Aha-Moment

Auf dem Weg nach oben sticht mir eine junge Frau ins Auge, die ein schwarzes Cocktailkleid und sehr hohe Schuhe trägt und auch sonst eher so aussieht, als wäre sie auf dem Weg zu einer Gala-Party statt zu einem Buchregal. Bei der Gelegenheit fallen mir auch die Unterschiede zwischen all den Studierenden auf: Es gibt da die Jogginghosenträger*innen, die Draufgänger*innen mit Schuhen auf den Sesseln und die im feinen Zwirn, mit geradem Kreuz. Die wirken auf mich schon sehr darauf bedacht, wahrgenommen zu werden. Interessant ist für mich aber vor allem, wie viele Menschen hier sind. Und wie viele Arbeitsplätze es für diese gibt. Es gibt riesige Bereiche mit Schreibtischen, jeder mit seiner eigenen Lampe.

Ich bin jetzt im vierten Geschoss und immer noch überwältigt vom Gebäude. Auf jedem Stockwerk gibt es hunderte Regale mit tausenden Büchern darin – aber die spielen hier nicht die Hauptrolle. Ich ging ja schon immer davon aus, dass Menschen in einer Bibliothek auch lernen. Dabei scheint es ein Ort zu sein, an dem hauptsächlich gelernt wird. Es ist wie ein Treffpunkt, wo man zwar in Gemeinschaft, aber in Ruhe lernen kann. Ich setze mich in den beeindruckenden Hauptsaal. Sein Aufbau erinnert an gigantische Treppen, auf jeder von ihnen Schreibtische und Lernende. Ich setze mich und versuche, die Atmosphäre aufzusaugen. Es wirkt so, als schwebe das Wissen hier förmlich durch die Luft. Zwei Schreibtische weiter rechts beobachte ich einen Studenten, der kurz hoch und in die Luft schaut – als könnte er dieses Wissen einfangen.

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Für mich ist das ein Aha-Moment. Ich dachte immer, die meisten Studierenden würden sich hier benötigte Literatur abholen und zuhause lernen. Tatsächlich funktioniert das hier aber eher wie ein kreativer Co-Working-Space. Es scheint der Lernort der Universität zu sein. Einige Menschen hier scheinen schon so ihre Eigenheiten entwickelt zu haben. Die Art, wie sie ihre Arbeitsmaterial platzieren zeigt mir, dass sie sich hier auskennen, fast wie in einem verlängerten Wohnzimmer, in dem sie lernen können.

Ich stelle mir bildlich vor, wie es sich anfühlen muss, hier mehrmals die Woche herzukommen. Irgendwann kennt man ja seine Pappenheimer, seine Orte, macht sich seinen Plan. Sprechen tun die wenigsten. Die Stille, die hier in der Luft liegt, ist eine besondere. Dass hier so viele Menschen gleichzeitig sind, entwickelt bestimmt eine Art positiven Gruppenzwang, denke ich mir. Für mich ergibt das Sinn: Obwohl hier auch immer Bewegung ist, gibt es zuhause mehr, das einen ablenken kann.

Allerdings fällt mir auch auf, dass es hier Bereiche gibt, die für andere nicht offen sind. So steht an manchen Türen „Hu-Homezone“ mit Zeitangabe, also nur für die Studierenden der Humboldt-Universität zugelassen. Obwohl ich bei meinem Weg durch die Bib natürlich auch diese Hinweise galant ignoriere, macht mich das schon etwas stutzig. Wieso sind hier manche Bereiche nur manchen Menschen zugelassen? Und wieso bekommen – salopp gesagt – nur Hu-Studierende Zugang zu Literatur im Erdgeschoss?

Ich gehe wieder nach unten. Dritter Stock: Ein Pärchen streitet sich laut und emotional im Treppenhaus. Erster Stock: Zeitungen, Zeitschriften, eine kleine Lese-Area. Wieder im Erdgeschoss, gehe ich durch die Sicherheitsschleuse zurück ins Foyer. Obwohl ich das erste Mal hier war, bin ich jetzt schon etwas sicherer. Im Eingangsbereich sind jetzt noch mehr Menschen als zuvor. Und plötzlich fühle ich mich wie einer Herde, die in Richtung Keller, zu den Spinden, steuert. Naja. Es ist 18 Uhr. Vermutlich auch für Studierende Feierabend, denke ich.

Erstis: Nehmt es easy!

Auf dem Weg nach Hause versetze ich mich in die vielen Erstsemester, die wie ich ja gar nicht wissen können, wie das so abläuft. Auf sie kann das anfangs schon erschreckend wirken; die Größe, die Vorgänge, die Abgeklärtheit der Studierenden und Mitarbeiter*innen.

Ich denke mit einem mitleidigen Schmunzeln daran, wie beschissen der Moment für die Neulinge ist, wenn sie registrieren, dass sie sich erstmal ein Vorhängeschloss besorgen müssen, bevor sie hier lernen können – oder eine Chipkarte. Aber da muss hier wohl einfach jeder durch. Immerhin kann ich jetzt im Ansatz mitsprechen. Und weiß, was gemeint ist, wenn die Menschen sagen: „Ich geh‘ jetzt in die Bib.“