Mein Feminismus hat mich beziehungsunfähig gemacht

Anna* lernte früh, stolz auf ihre Weiblichkeit zu sein. Auf beruflicher Ebene kämpft sie ganz selbstverständlich für Gleichberechtigung. Wenn es um ihre Partnerschaften geht, scheitert sie jedoch an ihren eigenen Ansprüchen. 

Wenn Hormone beteiligt sind, fliegen die Ideale hin und wieder über Bord. Foto: Unsplash

Anna*, 27, hat ihren Job gekündigt. Es ist der dritte Nebenjob in den letzten sechs Monaten. Eigentlich arbeitet sie freiberuflich als Grafikerin, möchte sich aber ab und zu ein bisschen was dazu verdienen. „Ich habe schon viel ausprobiert, aber gerate immer wieder in Konfliktsituationen mit den Männern um mich herum“, erzählt Anna, als wir uns heute treffen. Zum Beispiel mit ihrem letzten Chef, dem Inhaber eines Restaurants. Sie weigerte sich, schwarze Blusen als Frauen-Arbeitskleidung zu akzeptieren. 

Mit einem anderen Kollegen geriet sie in eine Auseinandersetzung, weil er sie darum bat, die Tafel vor der Tür mit den Speisen des Tages zu beschriften. Begründung: Du hast eine schönere Handschrift. „Wenn ich heute darüber nachdenke und dir davon erzähle, kann es natürlich sein, dass er meine Handschrift einfach wirklich schöner fand. Diese Sicht habe ich in den Situationen aber nicht.“ So wurde Anna in ihren alten Arbeitsstätten schnell als zartbesaitete Zicke bekannt. Keiner arbeitete gerne mit ihr zusammen.

„Meine Mutter brachte mir Stolz und Selbstbewusstsein bei“

Anna ist überzeugt, feministisch erzogen worden zu sein. Schon früh lernte sie, dass es gerade als Frau wichtig ist, für die eigenen Rechte einzustehen und für sie zu kämpfen. Auch wenn andere ihre Reaktion übertrieben finden, sagt Anna, dass es gerade beim Thema Gleichberechtigung eine Frau geben muss, die aufsteht und Stopp sagt. In ihrem Umfeld ist es meistens sie, die das tut.

Meine Mutter brachte mir bei, dass ich mit Stolz und Selbstbewusstsein durchs Leben gehen sollte. Meinen Kopf sollte ich immer so weit oben tragen, dass mein imaginäres Prinzessinnenkrönchen nicht herunterrutschen konnte.“

Anna ist stolz auf ihre Erziehung und auf ihre Mutter. Sie wuchs ohne ihren Vater auf, ihre Mutter zog sie und ihren Bruder alleine groß. Und sie sei bis heute ein Vorbild dafür, dass ein Mann nicht unbedingt nötig sei, um glücklich zu sein.

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„Frauen werden nicht geboren, um Männer glücklich zu machen“

Einige Situationen waren für Anna besonders prägend. Als sie das erste Mal Britney Spears hörte, war sie begeistert. Den Song Born to Make you Happy mochte sie besonders. Sie hörte ihn in ihrem Kinderzimmer, sang laut mit und tanzte vor dem Spiegel, als ihre Mutter hineinstürmte. Sie machte den CD-Player aus, nahm Anna beiseite und erklärte ihr, was Britney da sang: „Das ist ein Liebeslied, das sie für einen Mann singt. Und sie sagt, sie sei geboren, um ihn glücklich zu machen“. Aus Sicht ihrer Mutter eine absolut widersinnige Einstellung.

Du, meine liebe Anna, bist geboren, um dich selbst glücklich zu machen. Wenn du dann noch einen Mann glücklich machst, ist das toll, aber das ist nicht dein Lebensziel.“ 

Anna war zwölf Jahre alt, als sie die Lieder von Britney und Co. das erste und das letzte Mal hörte. 

„Heute weiß ich: Er war in mich verknallt.“

Wenn es um Liebe ging, interpretierte Anna die Erziehung ihrer Mutter auf ihre eigene Weise. Das begann schon in ihrer Schulzeit. Als die ersten Briefchen mit „Willst du mit mir gehen?“ herumgereicht wurden, brachte das Anna in einen Konflikt. Ihre Mutter hatte doch immer vom Wert einer Frau gesprochen. Diese Zettel fühlten sich jedoch nicht besonders wertschätzend an. Einfach ein kleines Kreuzchen in das Kästchen setzen und schon sollte sie die feste Freundin sein? Das war Anna zu wenig.

Daniel*, ein Schulfreund, den sie schon aus dem Kindergarten kannte, war es schließlich, mit dem Anna ihren ersten Kuss und ihren ersten Sex erlebte. Er habe schon in der ersten Klasse ihre Hand halten wollen und immer um ihre Aufmerksamkeit gekämpft. „Obwohl das schon Jahre her ist, weiß ich noch, dass sich Daniel so um mich bemühte, wie meine Mutter immer den Jungen beschrieben hatte, der sich in ihren Augen anständig verhält und meinen Wert erkennt.“ 

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Ihren zweiten Freund Lars* lernte Anna während des Studiums kennen. Sie war eine große Herausforderung für ihn. Erst nachdem sie ihn aus Prinzip dreimal hatte abblitzen lassen und er dann ein viertes Mal mit Blumen in ihrer WG auftauchte, durfte er sie zu einem ersten Date ausführen.

Annas Mutter hatte sie darin bestärken wollte, ihren Wert nicht von einem Mann abhängig zu machen. Doch Anna passierte genau das. Ein Mann musste ihr den Hof machen, um ihren Wert zu beweisen und so verstrichen viele Gelegenheiten auf Liebe und Intimität ungenutzt.   

„Ich glaube, dass jede Frau Angst vor dem Schlampen-Stempel hat“

Aber wie passt Annas Verhalten mit ihrer Erziehung zusammen? Ihre Mutter hatte schon die ersten Grundbausteine gelegt: Anna ist stolz, kämpft beruflich für Gleichberechtigung und ist selbstbewusst. In Bezug auf Männer allerdings hat sie sich für eine ganz eigene Interpretation des Feminismus entschieden. Die hohen Standards – der Mann müsse sich um sie bemühen – haben nichts mehr mit dem ursprünglichen Begriff gemein. Heute hat sie schnell das Gefühl, sich nicht treu zu sein, wenn sie einem Mann zu schnell nachgibt.     

In mir herrscht oftmals ein Kampf: Ich weiß einerseits, dass ich keinen Mann brauche, um glücklich zu sein, weil es mir im Grunde auch so gut geht. Aber andererseits kommt natürlich manchmal die Sehnsucht nach Nähe. Wenn ich dann angesprochen werde, spiele ich die Unnahbare, weil ich offiziell zeigen will, dass ich es nicht nötig habe und schwer zu kriegen bin.“ 

Seit vier Jahren ist Anna nun single. Ihr Problem bei der Partnersuche ist nicht nur, dass viele Männer in ihrer Genration keinen allzu langen Atem haben. Ihr seien auch schon Männer begegnet, die schüchtern waren und ebenfalls erobert werden wollten. Immer wieder scheitert sie dann daran, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Das macht Anna manchmal einsam. Und vor allem nachdenklich.

„Wie tragisch, oder?“

Für sie besteht die Schwierigkeit heute darin, für sich zu erkennen, wie weit sie gehen darf, um sich selbst aber immer noch treu zu bleiben. Sie stellt sich eine moderne Frau heute so vor: „Frauen sollten stolz auf sich sein und ihren Wert kennen. Sie sollten sich nicht auf ihr Frau-sein reduzieren lassen und vor allem beruflich für Gleichberechtigung kämpfen. Und das sollte die Basis sein.“

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Gegen den unfairen Blusenzwang würde sie auch heute noch Protest einlegen. Aber wenn es um die Liebe geht, so wünscht sie sich, ein bisschen mehr nach dem Prinzip zu leben: Ich bin eine Frau und gerade deshalb nehme ich mir, was ich will. „Ich bin so groß geworden, dass Frauen auch ohne Männer prima leben können. Und dass man sich von Männern in keine Schublade stecken lassen sollte. Aber für manche Bedürfnisse brauche ich einen Mann, aber eben einfach deshalb, weil er einen Penis hat. Diese Erkenntnis macht mich doch nicht weniger stolz, oder?“    

An dem Punkt, so seufzt Anna, sei sie aber noch lange nicht.

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