„Mein Leben darf wichtiger sein als das werdende Leben“ – eine Fotografin dokumentiert ihre Abtreibung

Als Esther Mauersberger ungewollt schwanger wird, entscheidet sie sich für eine Abtreibung und dokumentiert diese Zeit in persönlichen, berührenden Bildern. Im Interview spricht sie über die Frage der Verantwortung und Selbstbestimmung.

Dokumentation einer Abtreibung

Wie es ist, ungewollt schwanger zu werden, kann wohl keine nachfühlen, die diese Situation noch nicht selbst durchlebt hat. Noch immer wird Schwangerschaftsabbrüchen viel Voreingenommenheit entgegengebracht, noch immer gibt es Frauen, die für ihre Entscheidung verurteilt werden. In einer Welt, in der Verhütung weiterhin primär als Frauensache verstanden wird, sind Schuldzuweisungen schnell gemacht.

Esther Mauersberger arbeitet als Geburtsfotografin. Sie hat zwei Kinder, ein drittes möchte sie nicht. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, entscheidet sie sich dafür, das Kind nicht zu bekommen. Die Tage nach ihrer Entscheidung hält sie fotografisch fest und teilt diese später über ihren Instagram-Account. Es sind ehrliche, intime Bilder, die Einblicke in Esthers Gefühlswelt erlauben – und ihre Erleichterung greifbar machen, nachdem sie die Schwangerschaft beendet hat.

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Wir haben mit Esther über das Stigma, das Abtreibungen noch immer anhaftet, gesellschaftliche Rollenbilder und die Reaktionen auf ihre Bilder gesprochen.

Esther, du teilst auf Instagram die Geschichte deiner Abtreibung. Unter ein Bild hast du geschrieben: Das ist auch Schwangerschaftsfotografie. Wo siehst du Parallelen zwischen den Bildern deiner Serie und der Geburtsfotografie, die man normalerweise auf deinem Instagramprofil findet?

Esther: Nun, irgendwie musste ich ja einen Bogen spannen zwischen dem, was meine Follower*innen und Kund*innen bei mir sonst sehen und was nun folgen würde. Ich habe mich mit dieser verkitschten Schwangerschaftsfotografie immer schon schwer getan. Aus irgendeinem Grund ist es so, dass Schwangerschaftsbilder immer gestellt wirken und zärtlich lächelnde eingefrorene Mütter mit gesenktem Kopf zeigen müssen. Dabei ist eine Schwangerschaft ja gar nicht so romantisch.

Ich mag es, wenn Schwangerschaftsfotografie die Frau dahinter zeigt, wenn der Körper und der Geist einer Schwangeren eingenommen sind von dem, was kommt. Ich habe meinen Test gemacht und der zeigte ganz unmissverständlich: schwanger. Ich habe die Kamera aufgestellt und angefangen, diese Schwangerschaft und vor allen Dingen mich selbst zu dokumentieren.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

Warum hast du dich dazu entschieden, deinen Schwangerschaftsabbruch zu dokumentieren und die Bilder öffentlich zu machen?

Die Entscheidung gegen ein drittes Kind war lange vor dem positiven Test gefällt. Als ich diesen jedoch in meinen Händen hielt, wusste ich, dass hier ganz viel mit mir passieren wird, dass das eine Erfahrung werden wird, die mich fordert.

Ich war einfach so erleichtert.“

Natürlich ist die Fotografie für mich immer auch Ausdrucksmittel und ich habe die Fotos mit dem Hintergedanken gemacht, sie später zu analysieren, um darin dann möglicherweise etwas zu finden und zu sehen, wofür ich heute vielleicht keine Zeit habe. Sie sollten mir Zeit verschaffen. Den Moment einfrieren. Der Entschluss, die Bilder zu veröffentlichen, fiel erst später, als der eigentliche Abbruch schon hinter mir lag. Das lag vor allem an der Diskrepanz der erlebten Gefühle und jenen, die mir zu fühlen ‚angeboten‘ wurden. Das wollte ich teilen, das musste ich zeigen. Ich war einfach so erleichtert. Leicht. Befreit.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

Welche Reaktionen hast du auf deine Fotoserie bekommen?

Das Feedback war fast durchweg positiv. Es gab nur sehr vereinzelte negative Äußerungen. Ich habe unzählige Nachrichten bekommen: von Frauen, die auch eine Schwangerschaft abgebrochen hatten; Frauen, die ihren Abbruch geheim halten; Frauen, die zum Abbruch gedrängt wurden; Frauen, die ihren Abbruch auch als Befreiung erlebt hatten. Ganz viel Lob für meinen Mut und meine Offenheit. Das Thema hat viel zu wenig Raum, viel zu wenig Selbstverständlichkeit. Ich denke, viele Frauen haben Angst verurteilt zu werden und aus dieser Angst heraus wird lieber geschwiegen. Wie es sich für mich herausgestellt hat, ist diese Angst unbegründet.

Das Thema hat viel zu wenig Raum, viel zu wenig Selbstverständlichkeit.“

Hast du ein Lieblingsbild aus dieser Serie?

Mir gefallen die Bilder, in denen ich mich selbst wiedererkenne. Das sind oft die Bilder, in denen ich Blickkontakt mit der Kamera hatte.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

Welche Befürchtungen hattest du während deiner Schwangerschaft? Haben sich diese bewahrheitet?

Meine tatsächlichen Gefühle passten ja nicht zu dem, was mir vermittelt wurde. Angeblich zerstörte ich ein ungeborenes Leben. Dabei wollte ich doch das Leben schützen, das wir hier leben. Das meiner beiden Kinder, mein eigenes. Und da habe ich mich oft gefragt, ob ich recht behalten würde mit meinen Empfindungen. Oder wann der Punkt käme, an dem mich alles überrollt. Die Frau bei der Beratungsstelle sprach von unausweichlicher Trauer. Immer wieder wird man mit dem Gedanken konfrontiert, dass das ein Kind sein soll. Doch das konnte ich alles nicht teilen. In dieser Hinsicht fühlte ich mich sehr verunsichert.

Ich wollte das Leben schützen, das wir hier leben.“

Du schreibst viel über das Gefühl von Schuld. Hat Schuld in unserer Gesellschaft ein Geschlecht?

Schwanger wird einfach nur die Frau. Kondome sind leicht gekauft, da kommt keiner mit Schuld. „Aber … all die niemals gezeugten Kinder …“ – dass eine Schwangerschaft bei regelmäßigem Geschlechtsverkehr irgendwann eintritt, ist doch sehr wahrscheinlich. Dann aber wird das Theater groß. Da sitzt Frau dann und hört sich all die Geschichten über Verhütung und das werdende Leben in ihr an, weil sich die zwei Zellen in ihrem Leib tatsächlich versechzehnfacht haben.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

Unter einem Bild schreibst du: Ich habe keine Angst vor einer falschen Entscheidung. Wie stark werden ungewollte Schwangerschaften aus deiner Erfahrung stigmatisiert?

Die ungewollte Schwangerschaft ist definitiv stigmatisiert. Sie beinhaltet Kontrollverlust, sie erzählt von Unvernunft, von Versagen, von Lust. Wir wachsen mit dem Gefühl auf, dass Schwangerschaften und insbesondere Kinder gewollt sein müssen. Das hat sicher viel mit unserer eigenen Sinnsuche zu tun. Doch Schwangerschaften passieren – einfach so. Sei es aus der Lust am Moment oder weil die Verhütung ganz einfach versagt hat. Verhütung ist niemals 100 Prozent sicher, und Schwangerschaften treten ein, wenn sich zwei Zellen im günstigen Moment begegnen. Und wir sitzen dem Irrtum auf, dass eine ungewollte Schwangerschaft vermieden werden kann.

Wir sitzen dem Irrtum auf, dass eine ungewollte Schwangerschaft vermieden werden kann.“

Aber Mutterschaft ist kein Schicksal mehr. Es müssen Ängste abgebaut werden. Die Angst vor der Trauer, die Angst vor einer falschen Entscheidung. Ein Abbruch ist kein Stigma. Er sollte zu einer ganz einfachen Entscheidung werden. Möchte ich jetzt diese Schwangerschaft austragen oder nicht. Bei der Verhütung ist die Frage so einfach: Wollen wir ein Kind oder nicht? Aber sobald eine Schwangerschaft eingetreten ist, rückt diese Entscheidungsfreiheit in weite Ferne.

Mutterschaft ist kein Schicksal mehr.“

Welche Rolle schreiben wir in unserer Gesellschaft Müttern zu? Ist es für Frauen möglich, diese Rolle abzulehnen ohne dafür bewertet zu werden?

Komplexe Frage. Sind wir überhaupt bereit, diese Rolle abzulehnen? Nach meiner Veröffentlichung kann ich eigentlich nur sagen: ja! Wir sind dafür bereit. Wir müssen nur mehr und selbstverständlicher reden. Ich darf mich wichtig nehmen, ich bin der Rede wert. Und das lebende Leben darf wichtiger sein als das werdende, potenzielle Leben. Es ist doch wirklich absurd, dass das geradezu andersherum gehandhabt wird.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

In deinen Bildern taucht dein Mann nicht auf. Welche Rolle wird dem Vater bei einem Schwangerschaftsabbruch zuteil?

Im Prozedere, das die Frauen durchlaufen müssen, spielen die Väter keine Rolle.

Was muss sich an der politischen Situation ändern, um Abtreibungen weiter zu entstigmatisieren?

Wie wäre es, wenn wir es einfach als das behandeln, was es ist. Eine Entscheidung gegen diese Elternschaft. Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft. Doch beim Thema Schwangerschaft scheinen wir davon weit entfernt. Die Argumentationen von offizieller Seite empfand ich als kreationistisch und veraltet. Ganz rational betrachtet werden bei verschwendeten Ejakulationen mehr Zellen getötet als bei einem Schwangerschaftsabbruch.

Ich empfand den ganzen Ablauf als Schikane.“

Wir müssen aufhören die Wörter Stigma, Abbruch, Schuld und Trauer zu vermischen. Und die Assoziationen verändern: Abbruch, Verantwortung, Entscheidung. Die politische Frage ist mir viel zu heiß – die möchte ich auch kaum beantworten. Ich empfand den ganzen Ablauf als Schikane. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob mit Männern auch so umgegangen werden würde.

Generell gefasst: Was müssen wir als Gesellschaft ändern, damit Abtreibungen kein Tabuthema mehr sind?

Raus aus der überstarken Gefühlsebene, hin zu mehr Rationalität. Im aktuellen Abtreibungsprozedere wird den Frauen etwas als Selbstbestimmungsrecht verkauft, was sich im Nachhinein als keines herausstellt. Das ist die Katastrophe.

Bild: Esther Mauersberger | emauersberger.de

Von Katharina Alexander auf EDITION F.

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