Mein Leben mit einem Süchtigen

Wenn Lisa* in die Wohnung ihres Exfreundes Benni* kam, lag er oft betrunken in seiner schmutzigen Wäsche. Die wenigen Male, in denen er nüchtern war, kauerte er depressiv auf dem Sofa und regte sich nicht. Warum Lisa seine Sucht unterstützte und ihn erst nach zwei Jahren verlassen konnte

Nicht nur Suchtkranke, sondern auch ihre Angehörigen leiden. © madochab/photocase.de

Manchmal wünschte ich, Lisa*, 24, und ich hätten uns schon gekannt, bevor Benni*, 29, so krank wurde. Wenn ich das laut sage, winkt sie lachend ab. „So lieb ich dich habe, aber auch dir hätte ich vermutlich eine heile Welt vorgespielt.“ Bis vor Kurzem las Lisa noch regelmäßig die Todesanzeigen in der Zeitung und befürchtete, Bennis Namen im kleinen Gedenkkästchen zu entdecken. „Er wurde nur 29 Jahre alt. Er hinterlässt niemanden“, befürchtete sie zu lesen. Heute fühlt sie fast gar nichts mehr.

Lisa und Benni lernten sich vor vier Jahren kennen und verliebten sich auf den ersten Blick ineinander. Sie war Kunststudentin und schon länger auf der Suche nach einer aufregenden Beziehung. Ihr letzter Freund war sehr solide, eine gute Partie, wie alle Eltern sagen würden. Aber er war ihr auch etwas zu langweilig. Ihr erster Eindruck von Benni versprach, dass es mit ihm anders werden würde. Er war aufregend. Sie liebte seine Lebenslust, seinen Mut und seinen Bart, den er schon vor dem Trend mit Stolz pflegte. Sie liebte die Leidenschaft, mit der er Geschichten erzählen konnte. Sie liebte seine liebevolle Art. So verlief das erste halbe Jahr einfach perfekt. Keine langweiligen Sofa-Abende, kein routiniertes Rücken-an-Rücken-Einschlafen, keine Reihenhaus-Romantik.

Ein Feierabendbier? Unproblematisch. Dachte sie.

Die beiden waren viel zu zweit unterwegs, besuchten Festivals, machten zusammen Musik, fuhren spontan in irgendwelche Städte und schliefen unter freiem Himmel. Und es war die pure Leidenschaft. Natürlich gab es auch Alkohol. Und natürlich waren sie auch high von ein paar Joints, die sie zusammen rauchten. Aber das, wie Lisa rückblickend einschätzt, war alles völlig harmlos.

Es begann eine Zeit, in der Bennis Job als Altenpfleger ziemlich anstrengend wurde. Harte Arbeitszeiten, Stress unter den Kolleg*innen. Anfangs erzählte er Lisa von jeder kleinen Diskussion, aber er wurde zunehmend stiller. „Ich akzeptierte zu dem Zeitpunkt, dass er vielleicht einfach keine Lust hatte, den Tag nochmal aufzurollen. Das war ja auch nachvollziehbar. Aber ich hatte auch immer häufiger das Gefühl, dass ihn nicht mehr interessierte, was ich so trieb“, sagt Lisa heute.

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Normalerweise verabredeten sich Lisa und Benni alle zwei Tage, wenn die Sehnsucht aber zu groß wurde, sahen sie sich auch schon mal jeden Tag. Aber je mehr Stress er in seinem Job zu haben schien, desto lieber wollte er den Abend alleine verbringen. „Er rief mich immer nach seinem Dienst an, auch in dieser Phase. Und erzählte auch, dass er jetzt lieber mit einem Bier zu Hause bleiben würde.“ Dass er sich offenbar jeden Tag ein Feierabendbier gönnte, fand Lisa unproblematisch.

Zehn Bier nach Dienstschluss

Eines Abends, nachdem Lisa mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen war, wollte sie spontan bei Benni schlafen. Er war immer noch auf den Beinen und tanzte volltrunken durch seine Wohnung. Lisa konnte gar nicht glauben, dass er ganz alleine seine eigene Disco eröffnet hatte. „Diese Nacht war umwerfend. Er erzählte mir endlich von seinen Sorgen im Job und ich fühlte mich ihm so nah. Das hatte ich lange nicht mehr.“

Der Dämpfer kam dann am nächsten Morgen, einem Samstag, an dem Benni gar nicht mehr aufstehen wollte. Er rauchte ein paar Joints und rollte sich zusammen wie eine kleine, traurige Krabbe. Er habe sich auch nicht berühren lassen, habe einfach nur so dagelegen und Löcher in die Luft gestarrt. Er reagierte nicht mehr auf sie. Benni veränderte sich.

Wenn ich freitags mal zu ihm kam, war er entweder schon zu betrunken,
um noch geradeaus zu laufen oder zu betrunken, um sich wach zu halten.“

Die nächsten Wochen wurden schlimmer. Benni meldete sich nach Dienstschluss nicht mehr bei Lisa und wollte auch den Abend lieber alleine verbringen. Heute weiß sie, dass er sich vermutlich nicht mehr melden konnte, weil er auch schon nach seinem Frühdienst das erste Bier öffnete. Bis zum Abend sollten im Schnitt noch zehn weitere folgen. „Er wollte gar nicht mehr vor die Tür. Wenn ich freitags mal zu ihm kam, war er entweder schon zu betrunken, um noch geradeaus zu laufen oder zu betrunken, um sich wach zu halten.“

Ihre Freunde, mit denen sie früher oft um die Häuser zogen, belog sie. Meistens seien beide zu müde von der Woche gewesen und wollten sich einen gemütlichen Abend auf dem Sofa machen. Oder sie habe Klausurenstress und müsse fit für den nächsten Tag sein, um zu lernen. Lisa schämte sich für ihre Notlügen, sah aber keinen anderen Ausweg.

Sie fühlte sich nicht mehr wohl, mit ihm zu schlafen

Christina Rummel, Referentin für Grundsatzfragen aus der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), bestätigt mir heute, dass Lisas Verhalten ein typisches Verhalten für Personen sein kann, die in direktem Kontakt zu Suchtkranken stehen. „Scham ist ein direkter Begleiter von allen, deren Partner*innen oder Angehörige süchtig sind. Sie wollen sich und vor allem anderen nicht eingestehen, dass der*die Partner*in oder Angehörige krank ist. Und offenbaren sich immer erst viel später.“ Vom Begriff der Co-Abhängigkeit distanziert sich Rummel, da „Partner*innen und Angehörige natürlich eine wichtige soziale Stütze für die erkrankte Person, aber nicht unbedingt selber krank sind.“

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Manchmal konfrontierte Lisa Benni mit ihren Sorgen um seinen Zustand. Er wurde wütend. Sie übertreibe wie immer und er habe im Moment einfach keine leichte Zeit, aber deshalb noch lange kein Alkoholproblem. Es komme auch vor, so auch Rummel, dass Partner*innen oder Angehörige von Suchtkranken nicht sofort den moralischen Finger erheben, weil sie auch kein Spielverderber*in sein wollen. „Der Übergang vom gerne-Trinkenden zum Alkoholiker verläuft aber meistens unbemerkt.“

Lisa fühlte sich hilflos und hatte keine Ahnung, was in Benni vorging. Um ihm helfen zu können, müsste sie das doch alles wissen, so dachte sie immer. Verzweifelt wandte sie sich an Felix*, 29, Bennis damaligen besten Freund. Ihre Sorgen konnte er nicht nachvollziehen. Ab und zu trafen sich die Jungs, hörten Musik und unterhielten sich ein bisschen. Aber eher darüber, dass Haftbefehl bald ein neues Album rausbringen sollte. Oder wie es Dortmund ohne Kloppo gehen würde.

Auch Lisas Vermutung, Benni laufe ziemlich stramm auf ein dickes Alkoholproblem zu, hielt er für Quatsch. Natürlich trinke er mit ihm auch mal ein oder zwei Bier, aber das sei ja nicht besorgniserregend. So wie sich Benni vor Felix gab, schien sein Verhalten auch nicht alarmierend. „Manche Alkoholiker*innen neigen dazu, ihre Sucht nur zu Hause auszuleben. Sie schaffen es sogar manchmal, in der Öffentlichkeit keinen Tropfen anzurühren, um den Schein zu wahren“, erklärt die Expertin.

Es vergingen zwei weitere Monate. Benni sagte nüchtern kaum mehr ein Wort, Lisa wich ihm trotzdem nicht von der Seite. „Ich erfand sogar zwischendurch lustige Geschichten aus der Uni, die ihn zum Lachen bringen sollten. Das taten sie aber nicht.“ Sie nahm ihn immer öfter in den Arm, um ihm auf diese Art zu zeigen, dass sie für ihn da war, aber Benni lehnte nüchtern jede Berührung ab. Wenn er etwas getrunken hatte, schien ihm Lisa körperlich wieder zu gefallen. Manchmal wollte er noch mit ihr schlafen, war aber betrunken komplett konditionslos. Als sich Lisa auf ihn setzte, fühlte es sich für sie an, als würde sie ihn vergewaltigen. „Er lag nur da, lallte ein bisschen dirty-talk, aber ich war komplett nüchtern und es fühlte sich falsch, ja fast schon ein bisschen eklig an, ihn so unter mir liegen zu sehen.“ Seitdem gab es keinen Sex mehr.

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Lisa überredete Benni, ein paar Tage mit ihr wegzufahren. Das wird es sein, so dachte sie, er musste einfach mal raus, ein bisschen was anderes sehen, ein bisschen Abstand gewinnen und alles würde sich wieder regeln. Mit dem Zug ging es nach Hamburg.

Schon am ersten Tag zimmerte sich Benni so aus dem Leben, dass Lisa ihn zum Hotel stützen musste. Der zweite Tag begann mit einem Bier zum Frühstück, fünf weitere folgten zum Mittagessen, einen Absacker gab es zum Nachtisch und einen Joint zum Chillen gönnte er sich am Nachmittag. Der Tag endete mit Kartoffelecken und Whiskey im Irish Pub. Lisa war schon nach den ersten drei Getränken nicht mehr ganz wohl, aber sie ließ ihn machen. Und sie war sogar in dem Moment froh, dass er das tat. Endlich kam mal mehr als nur ein Nicken und ein trauriger Gesichtsausdruck. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Benni wegen der Lallerei nicht mehr verstehen konnte, war er wieder wie früher. Entspannt und ausgelassen, witzig und vor allem ließ er Lisa nicht mehr los. Es fühlte sich für sie an, als hätte er die Liebe, die er ihr in den vergangenen Monaten nicht zeigen konnte, in diesen einen Moment gepackt. Das machte Lisa glücklich.

Zusammengefasst war Benni an drei von vier Tagen in Hamburg betrunken. Den vierten verschlief er. Und zusammengefasst waren Lisa und Benni auch an drei von vier Tagen in Hamburg scheinbar so glücklich wie früher. Am vierten weinte sie sich die Augen aus.

Der*die Partner*in fokussiert sich auf die Kranke oder den Kranken und vergisst sein*ihr eigenes Leben

Die kurze Auszeit im Norden hatte Benni gezeigt, was er zu brauchen glaubte. Zumindest oberflächlich. Er konzentrierte sich nun mit härterem Alkohol ganz auf seine Alkoholkarriere, schaffte es trotzdem noch mit Mühe ins Altenheim. Mittlerweile war es auch Bennis Freund Felix, der sich ab und zu bei Lisa nach ihm erkundigte. Seine Anrufe beantwortete Benni schon gar nicht mehr.

Er grinste immer nur.“

Lisa log und schob Bennis Verhalten auf den stressigen Job. Zu groß war ihre Scham mittlerweile geworden. Sie weinte viel. Sie weinte zu Hause, sie weinte vor ihm, sie zwang ihn dazu, ihr endlich zuzuhören. Wo sollte der viele Alkohol nur hinführen? Nichts von dem, was sie sagte, konnte Benni nachvollziehen.

Er grinste immer nur und machte es sich in seiner hochprozentigen Seifenblase gemütlich. Lisas Freundin Mara*, 24, merkte, dass sich ihre Freundin veränderte. Sie bekam sie nur noch selten zu Gesicht und wenn, dann war Lisa traurig. „Mara wusste nicht, wie schlimm es wirklich um Benni stand. Ein bisschen von der Wahrheit erzählte ich ihr, aber ich verharmloste viele Situationen. Ich konnte mir selbst nicht mehr erklären, warum ich ihn nicht verlassen konnte und fühlte mich wie ein Schwächling. Mara riet mir immer wieder, Benni zu verlassen.“

Dass Lisa ihrer Freundin nicht die Wahrheit sagte und die Schuld bei sich suchte, sind ebenfalls typische Verhaltensmuster bei Partner*innen und Angehörigen von Suchtkranken. Rummel: „Die Angst vor einem assoziierten Stigma bedeutet die Sorge, das Problem des Suchtkranken könnte auf den*die Partner*in oder Angehörigen zurückfallen. Gleichzeitig fokussiert sich der*die Partner*in oder Angehörige ganz auf den Suchtkranken und vergisst dabei sein eigenes Leben.“

Lisa will Benni verlassen, schafft es aber nicht

Auf Verzweiflung folgte Wut. Lisa wollte sich zwar noch nicht trennen, zu sehr liebte sie Benni und zu groß war die Hoffnung, ihm irgendwann helfen zu können. Aber ein bisschen Abstand, so entschied sie schweren Herzens, sollte den beiden gut tun. Benni reagierte kaum auf ihre Ansprache und zuckte nur mit den Schultern.

Noch in derselben Nacht klingelte ihr Handy. Sein Name stand auf dem Display. Das ging schnell, dachte sie ein bisschen erleichtert. Aber nicht Benni war am anderen Ende des Telefons, sondern ein Notarzt. Sie müssten ihren Freund ins Krankenhaus bringen. Kieferbruch.

Lisa wurde schlecht. „Ich lasse ihn das erste Mal alleine und dann passiert so etwas?“ Ihr Herz blutete. „Das war also jetzt die Quittung dafür, dass ich ihn alleine gelassen habe.“ So schnell sie konnte fuhr sie ins Krankenhaus. Wie der Arzt später erklärte, hätten Zeugen beobachtet, dass Benni wankend und alleine auf der Straße gewesen und von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen worden war. Vermutlich habe er sie im Vollrausch provoziert und die Gruppe dann einfach zugeschlagen, geklaut wurde nichts. „Ich rief mit seinem Handy seine Mutter an, um sie darüber zu informieren. Es war das erste Mal, dass ich mit ihr sprach. Sie hörte kaum zu und wimmelte mich ab mit den Worten, ihr Sohn müsse gucken, wie er zurecht komme.“ Dass Benni und seine Mutter, die in Schwerin lebt, ein schwieriges Verhältnis hatten, wusste Lisa, aber sie war schockiert darüber, wie schlimm es wirklich war.

Wir sind stärker als der Alkohol.“

In seinem Zustand durfte Benni noch nicht operiert werden. Lisa legte sich neben ihn ins Krankenhausbett, hörte sein schmerzhaftes Wimmern, streichelte seinen Kopf. Sie weinten. „Du darfst mich nicht mehr alleine lassen“, flüsterte er. Und auch für Lisa stand fest: „Ich werde dich nicht mehr alleine lassen.“ Irgendwie würden sie es schaffen und irgendwie musste sie es schaffen, ihn aus diesem Sumpf herauszuholen. „Wir sind stärker als der Alkohol.“

Jeder Tag fühlt sich wie ein Notfall an

Es änderte sich nichts. Es war, als lege sich ein dunkler Schleier über Lisas Seele. Manchmal lag sie in ihrem Bett und starrte den ganzen Tag die Decke an. Manchmal saß sie vor ihrem Spiegel und weinte. Sie weinte über ihr erbärmliches Spiegelbild. Darüber, dass sie es nicht schaffte, Benni zu helfen. Darüber, dass sie ihm nicht zu genügen schien. Darüber, dass sie ihn nicht verlassen konnte. Die Verabredungen mit Mara sagte sie immer öfter ab. „Ich wusste, dass Mara litt und mir helfen wollte und ich wusste auch, dass ich mich trennen musste, aber ich hatte Angst vor allen Konsequenzen. Ich sagte ja zu Benni und es fühlte sich so an, als musste ich somit auch ja zum Alkohol sagen.“

Ich wusste auch, dass ich mich trennen musste.“

Die wenigen Male, in denen Lisa ihn noch nüchtern erlebte, fand sie ihn erbärmlich. Er war nur besoffen wieder ein bisschen wie der alte Benni. Sie schämte sich für ihre egoistischen Gedanken. Was war sie nur für ein Mensch, der den Alkohol nur akzeptierte, weil er ihr einen kleinen Teil des alten Freundes zurückbrachte? Wenn Benni abends trank und am nächsten Morgen nicht aufstehen konnte, meldete sie ihn krank.

Wenn er es dann mal zur Arbeit schaffte, dann trank er während seines Diensts nichts. Allerdings hatte er auf der Etage etwas Neues für sich entdeckt: Einen Schrank voll mit Beruhigungsmitteln, mit denen er seinen Rucksack füllte. Besonders der Angstlöser Tavor hatte es ihm angetan. „Alkohol verstärkt die Wirkung auf alle Medikamente, die dämpfend auf das Gehirn wirken“, erklärt Christina Rummel. Wenn Benni sich erst mit Tavor ins Nirgendwo schoss und anschließend ein Bier trank, konnte ein bisschen Alkohol seinen Zustand schon verstärken.

Ebenfalls auffällig sei dann ein starker Verwirrtheitszustand beim Suchtkranken. Diesen Zustand beschreibt auch Lisa. Benni wurde zunehmend unzurechnungsfähiger. So bemerkte er auch nicht, dass Lisa direkt neben ihm stand, als er ihr beschwingt ein Brötchen mit Käse, unter dem er zwei kleine Tavor versteckte, schmierte. Zu seiner Entschuldigung lachte er und sagte, mit „den kleinen Helferlein“ würde auch sie sich vielleicht endlich mal ein bisschen entspannen. Lisa warf ihm das Brötchen vor die Füße und verließ ihn, um zwei Tage später einen Rückzieher zu machen und das Ganze im Laufe der Beziehung weitere drei Male zu wiederholen. Alleine konnte sie nicht mehr schlafen, ständig machte sie sich Sorgen um sein Leben. „Benni war zu meinem Lebensmittelpunkt geworden.“

Seinen Zweitschlüssel, den er ihr vor langer Zeit für Notfälle gab, benutzte sie immer häufiger. Mittlerweile fühlte sich fast jeder Tag wie ein Notfall an. Wenn sie in seine Wohnung kam, lag er oft betrunken in seiner schmutzigen Wäsche. Neben ihm eine halbleere Flasche Wodka, auf dem Herd noch eine angebrochene Dose Ravioli. Sie stützte ihn zum Bett und blieb bei ihm.

Lisa erkennt, dass sie selber Hilfe braucht

Als Lisa irgendwann noch nicht mal mehr die Sorge um Benni dazu trieb, ihr Bett zu verlassen, erkannte sie, dass sie Hilfe brauchte. Ihr eigenes Leben lebte sie schon lange nicht mehr, sie pflegte keine Freundschaften und ging nicht mehr zur Uni. Über Kontakte bekam sie einen schnellen Termin bei einer Psychologin. Sie wollte jetzt nicht mehr wissen, wie sie Benni helfen, sondern wie sie sich selbst helfen konnte. „Ich fühlte mich klein, schwach und ausgelaugt.“ Mit Bennis Füßen getreten und wertlos. Er war krank. Benni war ernsthaft krank, das begriff Lisa erst in den Gesprächen mit der Psychologin.

Ich fühlte mich klein, schwach und ausgelaugt

Es ging auch nicht darum, dass sie begriff, wie er so krank werden konnte und warum sie das eine lange Zeit aus verschiedenen Gründen unterstützt und ihn gedeckt hatte. Es ging jetzt darum, seine Krankheit zu akzeptieren und dass vor allem Lisa einen endgültigen Schlussstrich ziehen musste, um ihr Leben wieder zu leben. All ihre Kraft investierte sie in Benni und in seine Rettung. Und merkte dabei nicht, wie er sie mit in den Abgrund riss.

Darüber zu sprechen sei eine wichtige Maßnahme für alle Partner*innen und Angehörige, erklärt auch die Expertin. „Es gibt kostenlose Alkoholberatungsstellen deutschlandweit, in der sich Betroffene Hilfe suchen sollten. Es ist wichtig zu begreifen, dass von der Suchterkrankung eines Menschen auch sein gesamtes Umfeld betroffen ist. Die täglichen Belastungen können bei den Angehörigen zu Schuld- und Schamgefühlen, zu Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, wie auch zu psychosomatischen Symptomen wie Bluthochdruck, Schlaflosigkeit, Erschöpfung, nicht zuletzt zu Ängsten und Depressionen et cetera führen.“

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Nach zwei Jahren schaffte Lisa die endgültige Trennung. Kontakt gab es nie wieder. Sie weiß allerdings, dass er seinen Job verloren und einen Neuanfang in Hannover gewagt hat. Heute weiß sie, dass all das, was sie so lange hat aushalten lassen, zwar üblich bei Kontakt zu Suchtkranken ist, sie aber nie für Bennis Krankheit verantwortlich war, ihm schon gar nicht hätte helfen können.

Maras und Lisas Freundschaft ist zerbrochen. „Sie musste mein Leid zwei Jahre ertragen und konnte es nicht mehr aushalten.“ Böse ist sie ihr nicht. Sie kann sie sogar verstehen, so beratungsresistent wie sie selbst war. Und vielleicht finden sie irgendwann nochmal zueinander. Das hofft Lisa zumindest. Lockeren Kontakt zu Felix gibt es noch, den Kontakt zu Benni hat er aber mittlerweile auch abgebrochen. „Felix hat ihn vor die Wahl gestellt: Alkohol oder ihre Freundschaft. Und Benni hat sich entschieden.“


Hilfe holen

Wenn du an einer Suchterkrankung leidest, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen.

Eine weitere Anlaufstelle ist die Sucht & Drogen Hotline der BZgA, die rund um die Uhr unter der Telefonnummer 01805 313031 zu erreichen ist. Die Nummer ist kostenpflichtig: 0,14 €/Min. a.d. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.

Wo sich Beratungsstellen vor Ort befinden kannst du hier herausfinden.

Bei Fragen zur Suchtvorbeugung kannst du dich montags bis donnerstags zwischen 10 und 22 Uhr, sowie freitags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr beim Beratungsdienst der BZgA zur Suchtprävention unter 0221 892031 melden.

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