Mein Mann war mal eine Frau

Lena* ist 28 als sie Philipp* kennenlernt und sich verliebt – dann erfährt sie, dass er mal Miriam hieß und eine Frau war. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe.

Das glückliche Pärchen. © Kaja Godart

*Namen von der Redaktion geändert

Es ist ein verschneiter Januartag, als sie ihn zum ersten Mal trifft. Seit Stunden schlittert sie mit ihrem kleinen Lieferwagen über die Straßen, er ist ihr letzter Kunde an diesem Tag, am äußersten Ende ihres Liefergebietes. Sie arbeitet für einen Postkartenverlag und soll ihm neue Karten und Aufsteller bringen. Viel zu spät kommt sie an seinem Laden an, abgehetzt und verschwitzt. Peinlicher Auftritt, denkt sie. Wow, was für eine Frau, denkt er.

Er trägt Dreitagebart, streckt seine behaarte Hand aus, grüßt mit tiefer Stimme. Lena ist 28, single und hat sich irgendwie mehr erhofft. Sie hatten nur ein paar Mal vorher geschäftlich gemailt, die Bestellung besprochen, den Liefertermin vereinbart. Da hatte er interessant geklungen, nicht so alt, wie die anderen Kund*innen. Aber jetzt denkt sie nur: Schade, doch keiner für mich. Sie steht auf große, muskulöse Männer und Philipp ist gerade mal so groß wie sie. Aber er hat irgendwas.

Er habe ganz vergessen, Kaffee anzubieten, als Dankeschön dafür, dass sie ihm an so einem eisigen Wintertag die bestellten Postkarten geliefert habe, schreibt er ihr am nächsten Tag. Sie beginnen, hin- und herzumailen, sie telefonieren, es geht schon lange nicht mehr ums Geschäftliche. Immer wieder fährt sie hin. Auch ohne Lieferauftrag. Sie verbringen die Zeit in seinem kleinen Bastelladen. Er erzählt, dass er verlobt ist, sie erfindet, dass sie vergeben sei. Dann wäre das ja geklärt, denken beide.

Ist da etwas anders an ihm?

Irgendwann küssen sie sich trotzdem. Sie hat Schmetterlinge im Bauch. Aber er ist zurückhaltend. Irgendwas ist da, denkt sie. Sie beginnt, nach ihm zu googeln, entwickelt wilde Theorien von Krankheiten oder Missbrauch. Auf einem Facebookbild ist er oben ohne zu sehen, sie zoomt ran und entdeckt Narben. Vielleicht hatte er mal Brüste? Sie spricht ihn darauf an, er vertröstet. Irgendwann werde er es ihr erzählen, sagt er. Wow, denkt sie, endlich mal kein Durchschnittstyp, sondern einer, der was erlebt hat.

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Am nächsten Tag kommt eine Mail von ihm: „Ich war nicht immer der, der ich heute bin“, schreibt er, „Ich wurde als Frau geboren, habe mich aber immer als Mann gefühlt und bin heute auch körperlich ein richtiger Mann, mit allem was dazu gehört.“ Bähm! Scheiße, denkt sie, das ist krass. Die Gedanken rasen. Sie will keine Frau, sie steht doch auf Männer! Transsexualität? Völlig abstrus. Sie muss sich sammeln. Denkt an die Treffen mit diesem Mann, diesem Menschen, whatever. Nie hatte sie etwas Weibliches an ihm entdeckt. Philipp Lehmann, der Name sagt doch schon alles: Lehmann.

Sie ruft ihre Schwester an. Aber die sagt nur: „Ja und?“ „Wie, ja und?“, Lena ist irritiert. „Spielt das irgendeine Rolle?“, fragt die Schwester. Lena ist fassungslos. „Natürlich!“, ruft sie in den Hörer, „Zum Beispiel bei Kindern!“ „Aber es gibt viele Paare, die keine Kinder bekommen können“, antwortet die Schwester ruhig. Lena schweigt. Aller Wind ist aus den Segeln genommen. „Aber warum?“, ruft sie, um sich ein letztes Mal gegen die Ungerechtigkeit aufzubäumen: „Warum passiert das mir, warum kann ich keinen normalen Mann treffen?“ „Weil du keinen normalen Mann wolltest“, hört sie am anderen Ende der Leitung.

Es stimmt, sie hat die geschniegelten Jungs so satt, die unentschlossen zwischen den Beziehungen rumeiern. Sie wollte immer etwas Besonderes. Voilà!

Philipp und Lena. © Kaja Godart

„Wenn da mal Frau war, dann ist die jetzt weg.“

Sie trifft sich weiter mit ihm, starrt auf seine kräftigen Hände und fragt sich, ob er die auch schon als Frau hatte? Und seine großen Füße erst, zum Glück wollte der nie eine Frau bleiben. Endlich entdeckt sie einen Hinweis: etwas zu viel Speck um die Hüften, vielleicht. Doch an anderen Männern entdeckt sie viel dickere Polster. Er ist höchstens ein bisschen zart, vom Wesen her. Lange überlegt sie, ob das typisch Frau ist. Nein, nicht unbedingt typisch.

Irgendwann, nach ein paar Monaten, gibt sie auf. Da ist nichts Weibliches. Punkt. Wenn da mal Frau war, dann ist die jetzt weg. Was bleibt, ist eine große Verliebtheit. Und die Neugier, wie das so ist, im Bett. Doch die weicht bald der Gewissheit, dass die Medizin heute ästhetische und voll funktionstüchtige Geschlechtsorgane reproduzieren kann. Der Sex ist besser als mit manch einem zuvor. Und das Paar hat schnell ganz andere Themen. Philipp verlässt seine Frau, zieht zu Lena, gibt seinen Laden auf. Zu zweit in der kleinen Wohnung ist es eng, seine Hormontherapie macht ihm schlechte Laune.

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Der Weg zum richtigen Körper

Nach und nach erfährt sie immer mehr über seine Geschichte. Wie er als Miriam geboren wird und sich schon als Kind im falschen Körper fühlt. Wie er als 13-Jähriger eine Stange an sein Mädchenfahrrad baut. Den Badeanzug seiner Schwester anzieht, um seine Brust flach zu drücken. Wie er von zu Hause abhaut, eine Lehre abbricht, mal hier wohnt, mal dort, mal auf der Straße. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mit Mitte zwanzig zerschneidet er seinen Personalausweis. Tschüss Miriam, hallo neues Leben.

Körperlich noch immer eine Frau, versucht er, wie ein Mann zu leben. Er jobbt in einer Gärtnerei, einem Kaufhaus oder als Hausmeister. Er nennt sich Tim, Nils, Lars, Marvin Dillon oder Lasse Ben. Er hat viele kurze Beziehungen mit Frauen und entwickelt raffinierte Tricks, damit sie auch im Bett nicht merken, dass er keinen Männerkörper hat. Wenn eine unter das T-Shirt oder in die Hose fassen will, erfindet er wirre Geschichten von schrecklichen Narben, für die er sich schämt oder dass er es langsam angehen will. Einmal gipst er sich den ganzen Oberkörper ein und erzählt etwas von einem schweren Unfall.

Philipp mit neun Jahren, damals noch mit dem Namen Miriam. © privat

Endlich glücklich

Erst nach vielen Jahren erfährt er, dass es einen Namen gibt für seine Gefühle: Transsexualität. Dass es Hilfe gibt, professionelle Beratungsstellen und Operationen, um aus einer Frau einen Mann zu machen. Es folgen Therapie, Hormonbehandlungen, schmerzhafte OPs. Kein Wunder, dass er sich oft erschöpft fühlt, denkt Lena. Beide sehnen sich nach Ruhe. Also ziehen sie raus aufs Land, nehmen sich eine große Wohnung mit Garten, Hund und Katze. Wie glückliche Paare das eben so machen.

Lena hat nie von Hochzeit und Kindern geträumt. „Ich dachte immer: Lass das Leben passieren“, sagt sie. Und ihr passierte eben Philipp. Mit der Zeit erzählen sie es einigen Freund*innen und der Familie. Frauen reagieren cool, merkt Philipp, aber bei Männern fürchtet er, nicht als ganzer Mann zu gelten. Ist nicht so, weiß er schnell. Nur einmal sagt jemand zu Lena: „Du traust dir eben keinen echten Mann zu!“ Da explodiert sie fast vor Wut. „Mein Philipp ist mehr Mann als die ganzen Bubis da draußen!“, schmettert sie zurück.

2016 veröffentlicht er ein Buch über seine Geschichte, finanziert über Crowdfunding, um Mut zu machen. Das ist ein Befreiungsschlag für beide. Endlich offen dazu zu stehen. Endlich allen erklären zu können, warum sie niemals Kinder haben werden oder warum Philipp nicht mit ins Schwimmbad gehen wollte. Sie sind nun acht Jahre zusammen. Ein glückliches Paar. Ein Leben ohne den anderen? Unvorstellbar.

Dass sie anders sind als andere, merken sie nur morgens im Bad: Dann trägt er sein Testosteron-Gel auf Brust und Arme auf, damit der Hormonpegel stimmt. Sie darf ihn nicht berühren, bevor es eingezogen ist. Denn was ihn zum Mann macht, würde auch bei ihr wirken. Sie fährt sich über die Oberlippe. „Hab ich da etwa mehr Haare bekommen?“, fragt sie besorgt. „Nein, so ein Quatsch!“, antwortet Philipp. Ein Mann im Haus reicht beiden.