Mein Ramadan in zehn Momenten

30 Tage lang fasten: Für Außenstehende kann das wie eine Qual klingen. Doch für Muslime ist der Ramadan eine fordernde und aber auch schöne Zeit, wie Autorin Denise Kaya berichtet.

© Oliver Berg dpa/lnw

Gemeinsames Fastenbrechen in einer Moschee in Köln. © Oliver Berg dpa/lnw

Die unglaubliche Freude auf den Ramadan, die Außenstehende nicht verstehen

Es ist Sommer. Es sind die längsten Tage des Jahres. Der Ramadan kommt, das heißt: kein Essen und kein Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das sind in Europa zwischen 14 und 17 Stunden: im Süden etwas kürzer, je weiter nördlich es geht, umso länger wird der Tag. Du weißt: Es wird hart. Es wird schwer. Du wirst durstig und müde sein. Aber: Du freust dich wie ein kleines Kind auf seinen Geburtstag! Für dich kommt die beste Zeit des muslimischen Jahres.

30 Tage lang jeden Abend ein Festessen mit der Familie, Freundinnen und Freunden. Nicht-muslimische Freund*innen um dich herum bemitleiden dich, aber eigentlich müssten sie dir gratulieren: Du feierst einen Monat lang jeden Tag ein Fest, das du mit dem dreitägigen Ramadan-Fest abschließt. Diese Zeit ist vergleichbar mit der Adventszeit: Es ist besinnlich und ruhig. Eine Zeit der Vergebung, der guten Taten und Dankbarkeit, eine sehr soziale Zeit, die gemeinschaftlich verbracht wird.

Frühstück morgens um drei Uhr

Entweder stellst du dir fünf Wecker, um dein sehr frühes Frühstück nicht zu verpassen oder deine Mutter ruft dich so lange, bis du aufstehst. Bevor du für 16 Stunden auf Essen und Trinken verzichtest, unterbrichst du doch deinen Schlaf, um noch eine Stärkung einzunehmen. Dabei fällt das Essen je nach Familie sehr unterschiedlich aus: In manchen Familien gibt es ein Frühstück, in anderen wird aufgekocht wie beim Abendessen.

Zunächst sitzt die ganze Familie mit müden Augen um den Tisch herum, mit der Zeit kommt Stimmung auf. Irgendwann wacht ein Kind auf, setzt sich grinsend und mit leuchtenden Augen dazu und freut sich, dass es euch erwischt hat und auch teilnehmen kann.

Sahur: Ist da jemand?

Es gibt eine Sache, die ich immer wieder gern mache. Zu Sahur, dem Frühmahl vor Fastenbeginn, blicke ich aus dem Fenster und frage mich: „Wer ist noch wach und fastet mit uns?“ Irgendwie hat es etwas Verbindendes, wenn ich um drei Uhr hinausblicke, Fenster mit Lichtern sehe und mir vorstelle, dass es Menschen sind, die zur gleichen Zeit und aus demselben Grund wach sind wie wir.

„Ist das nicht ungesund?! Nicht einmal trinken?!“

Irgendwann im Ramadan kommt der Moment, an dem deine Mitschüler*innen oder Kolleg*innen checken, dass du fastest. Mach dich auf die jährlich gleichen Kommentare gefasst: „Hey, ich hab gehört, der Ramadan ist schon, oder? Und da esst ihr den ganzen Tag nicht? Nicht einmal trinken? Nicht einmal Wasser? Ist das nicht ungesund? Das kann doch nicht gesund sein. Müssen Kinder auch fasten? Was ist mit Leuten, die Medizin einnehmen müssen?“

Manche wollen zeigen, dass sie gut informiert sind, andere wollen dir nur mitteilen, wie entsetzt sie sind und wieder andere wollen dich aus Sorge um deine Gesundheit davon abhalten. Liebe Leute, spart euch diese Kommentare und sagt einfach nur: „Hey, alles Gute zum Ramadan!“ So wie wir euch frohe Weihnachten oder Ostern wünschen, freut euch einfach mit uns und hofft, dass ihr einmal zum Fastenbrechen eingeladen werdet. Dann würdet ihr wissen, warum wir den Ramadan so lieben.

Hunger, Durst und Mundgeruch…

Eine der unangehmeren Begleiterscheinungen des Fastens ist der Mundgeruch, der durch Hunger und Durst entsteht. In einer Umgebung, in der fast alle fasten, würde das ja nicht sonderlich auffallen, aber in der Schule und auf Arbeit möchte nicht mit Mundgeruch auffallen. Der Handflächen-Selbsttest wird immer wieder durchgeführt und bei Bedarf gehst du noch einmal Zähne putzen oder den Mund ausspülen. Ganz allgemein aber hältst du bei Gesprächen etwas mehr Abstand. Übrigens: Ganz gut gegen Mundgeruch ist der Siwak oder Miswak, die Wurzel des Zahnbürstenbaums, den man auch während des Fastens verwenden kann und der einen angenehm, frischen Duft im Mund hinterlässt.

Keine Kraft für Stress

Das Fasten im Ramadan ist nicht nur eine körperliche Übung, sondern in erster Linie eine Selbsterziehung zu mehr Ruhe und Gottesbewusstsein. Was man einen Monat lang schafft, dass soll man auch das ganze Jahr lang versuchen. Es ist einem Fastenden untersagt zu streiten, zu schimpfen oder Schlechtes zu reden. Das Fasten des Körpers unterstützt hierbei das spirituelle Fasten: Wer hungrig und durstig ist, hat im Normalfall keine Kraft für Stress und Streit. Spätestens ab 18h sind Fastende tatsächlich kraftlos, ruhig und auf Sparflamme unterwegs. Sie lesen, sitzen, liegen und warten auf das Fastenbrechen. Und wenn doch jemand streitet oder schreit, dann erinnert man sie, sich im Ramadan zu benehmen.

Der nächtliche Moscheebesuch und die Enge in der Hitze

Im Ramadan sind die Moscheen 30 Tage lang voll. Jede Nacht nach dem Fastenbrechen wird ein spezielles Gebet, das „Tarawih“ verrichtet. Je nach Moschee dauert das zwischen ein und zwei Stunden, in denen man nicht sitzen darf – das ist nicht ohne. Du stehst die meiste Zeit auf den Beinen eng mit anderen zusammen. Es ist Sommer, heiß und stickig. Spätestens jetzt bist du dankbar, wenn diejenigen, die neben dir im Gebet stehen, vor dem Moscheebesuch keine Zwiebeln oder Knoblauch gegessen haben.

Die Schönheit von Wasser

16 Stunden lang nichts zu essen, ist schwer. Aber wirklich hart ist es, nichts zu trinken. Wenn es 30 Grad sind, bist du irgendwann nicht mehr nur durstig, dein Mund ist ausgetrocknet. Und dann beginnst du auch deine Umwelt anders wahrzunehmen: Du gehst bei Sprinkleranlagen nicht einfach vorbei. Du bleibst stehen und siehst verliebt zu, wie schön und glänzend das Wasser bei Sonnenlicht durch die Luft fliegt und in sanftem Bogen auf das Grün fällt. Du wäschst nicht einfach deine Hände. Du sammelst das Wasser in deiner Hand, blickst es an und bewunderst seine Schönheit.

Wasser kommt dir vor, wie das Perfekteste und Schönste auf dieser Welt. Und natürlich ist diese am eigenen Körper erlebte Not eine Erinnerung, dankbar zu sein und das zu schätzen, was wir haben. Während wir das saubere, sprudelnde Wasser vor unseren Augen aus freien Stücken und für eine begrenzte Zeit nicht trinken, gibt es weltweit Millionen Menschen, für die Zugang zu sauberem Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist.

Meine beste Freundin, die Uhr

Wenn du in der Früh aufstehst, versuchst du einfach nicht auf die Uhr zu blicken und nicht an die Stunden ohne Essen und Trinken zu denken. Zu Mittag freust du dich langsam, dass die übrige Zeit bis zum Fastenbrechen nun im einstelligen Bereich ist. Je später der Tag ist, desto öfter blicke ich auf die Uhr und spätestens ab sieben läuft ein aufgeregter Countdown bis zum Ziel, derzeit zirka 21 Uhr ist. Zehn Minuten vor dem Fastenbrechen werden die Schlafenden geweckt. Dann gibt es einen Satz, der alle 10 Sekunden fällt: „Ist es schon so weit?“ Dann gehts los: die Gläser mit Wasser gefüllt, die Löffel in der Hand, die Spannung am Gipfel. Auf die Plätze fertig: „Bismillah!“ [Anm.: „Mit dem Namen Allahs“ ist eine kurze Gebetsformel, mit der Muslim*innen das Essen beginnen].

Das Sahnehäubchen

Der Höhepunkt eines Fastentages ist das gemeinsame Fastenbrechen. Und das beste daran ist für die meisten türkischstämmigen Muslim*innen – so auch für mich – die goldbraun glänzende, heiße Flüssigkeit nach dem Essen: Çay oder schwarzer Tee.

Uns verbindet eine besondere Liebe zu diesem Tee. Und diese ist im Ramadan besonders stark ausgeprägt. Wir lieben sein Geräusch, wenn er eingeschenkt wird, seine Farbe, wenn sie im Glas glänzt, seinen verführerischen Geruch, wenn er in unsere Nasen dampft und seinen angenehm, bittersüßen Geschmack. Das, was wir lieben, nehmen wir im Ramadan viel bewusster und mit allen Sinnen wahr. Für uns ist der Ramadan ein wahres Fest der Sinne.