Meine 40-Stunden-Woche: Interview mit der Bestatterin Johanna Wilke

Johanna Wilke ist 26 Jahre alt. In einer PR-Agentur würde sie nicht weiter auffallen. Auf einem Friedhof tut sie es. Ein Gespräch über das Leben, die Lehre aus dem Tod und den Wert der eigenen Wahrnehmung.

© Fotos: Romy Geßner

Ein außergewöhnlicher Beruf: Bestatterin. © Fotos: Romy Geßner

Wenn ich an Bestatter denke, denke ich an mittelalte Männer in dunklen Anzügen. Wie bist du dazu gekommen, dich für diesen Beruf zu entscheiden?
Ich habe nach dem Abitur ein Jahr in Japan gelebt. Es war ein sehr einfaches Leben – Stallarbeit, Viehfüttern und Feldarbeit. Einmal war ich dann mit einer Freundin im Kino. „Nokan, die Kunst des Ausklangs“ – ein japanischer Film über Aufbahrung und den Abschied von Verstorbenen in Japan selber. Der Film zeigt sehr einfühlsam, wie wenig Angst man vor dem Tod haben muss. Als ich wieder in Deutschland war, in dieser Konsumwelt und diesem extrovertierten Leben, habe ich gemerkt, dass der Film mich verändert hat. Meine Haltung zum Leben und eben auch zum Sterben. Und so habe ich mich relativ unbedarft bei einem Bestattungsinstitut für ein Praktikum beworben.

Was hast du dir von diesem Beruf erhofft?
Dass ich mit Menschen arbeiten kann und zwar nicht auf einer oberflächlichen Ebene. Ich habe mir für meinen Beruf ehrliche und wahre Begegnungen mit Menschen gewünscht. Das Gefühl der Trauer, das Angehörige spüren, wenn ein geliebter Mensch verstorben ist, ist ein ganz, ganz tiefes und existentielles Gefühl. Ich möchte für die Angehörigen da sein können als tragende Kraft und Basis für einen heilenden Abschiedsprozess. Es ist ein berührender Beruf. Er ist ehrlich und wahrhaftig.

Du sagst, dass du dir für deinen Beruf ehrliche und wahre Begegnungen mit Menschen gewünscht hast. Warum ist das wichtig für dich?
Ich lerne mich dadurch kennen. Verlust, Wut, Traurigkeit. Das sind so intensive Emotionen, die ich begleite und reflektiere. Ich unterstütze die Angehörigen dabei, den für sie bestmöglichen Weg zu gehen, einen großen Verlust zu verarbeiten. Ich möchte, dass die Menschen nicht ihre Gefühle bei Seite stecken sondern durch die Gefühle gehen, sie leben und ehrlich mit sich sind. Einmal hatte ich eine Mutter bei mir sitzen, die hatte ihr Kind verloren und konnte es einfach nicht noch einmal sehen. Es war ihr aber wichtig, dass ich ihr erzählt habe, wie ich ihr Kind versorgt habe. Ich war das Zwischenglied und habe mich so um das Kind gekümmert, als ob sie es selber getan hätte. Zwischen mir und dieser Mutter ist eine Verbindung entstanden, die einzigartig ist.

Welche Fähigkeiten zeichnen dich als Bestatterin aus?
Am wichtigsten ist Empathie. Außerdem brauche ich Kreativität, um die Menschen dabei zu unterstützen, den Abschied zu finden, den sie brauchen. Multitasking ist auch nicht schlecht – handwerklich, sowie im Büro. Unter dem Strich ist es eine Arbeit mit Menschen in Ausnahmesituationen. Es braucht eine gewisse innere Reife. Und man muss für sich selber sorgen können. Ich glaube das ist eines der wichtigsten Themen.

© Fotos: Romy Geßner
© Fotos: Romy Geßner

Du sprichst hauptsächlich von den Angehörigen. Was ist mit den Verstorbenen?
In meinem Beruf versorge ich zwei Ebenen: die der Lebenden und die der Verstorbenen. Ich glaube, dass ein Trauer- bzw. Abschiedsprozess nur dann stattfinden kann, wenn beide Ebenen versorgt sind.

Was bedeutet es für dich, die Ebene der Toten zu versorgen?
Ich muss einen Toten und seinen Körper auf den letzten Weg vorbereiten. Ich wasche ihn zum Beispiel – genau so, wie ein Mensch sich auch waschen und duschen würde, wenn er zu einer Reise aufbricht. Außerdem geht es darum, Verletzungen zu versorgen, wenn zum Beispiel jemand bei einem Unfall gestorben ist, oder durch Gewalteinwirkung zu Tode kam. Der Tod kann ein erschreckendes Bild haben. Ich glaube, man kann von niemandem Abschied nehmen, der nach dem Tod schlecht behandelt wurde. Und ich glaube auch, dass ein Körper nur gut versorgt Ruhe finden kann und sich nur so die Seele ablösen kann. Es gibt Auffassungen, die sagen, dass eine Seele nicht mitbekommt, dass ein Körper gestorben ist. Der Körper ist wie ein Kleid, das man bekommt, wenn man auf die Erde kommt, das man aber eben auch wieder auszieht, wenn man stirbt. Ich versorge einen Körper und gebe dem Geist Zeit, sich zu lösen – er hat ja auch lange gebraucht, um sich im Körper zu entwickeln.

Wie verarbeitest du den Anblick und Kontakt mit den Verstorbenen? Kommen da nicht auch Ekel- und Mitleidgefühle hoch?
Am Anfang musste ich eine Zeit lang für mich überprüfen, was die Begegnung mit einer Leiche mit mir macht. Was macht das Bild einer ermordeten Frau mit mir oder das eines verstorbenen Kindes? Mittlerweile hatte ich unterschiedlichste Sterbefälle von Mord bis Suizid, Kinder in unterschiedlichstem Alter, Krebserkrankungen. Es gibt kein Bild, das ich nicht verkraften kann. Mein Weg damit umzugehen ist es, meine Energie und Kraft in die letzte Waschung einer Person zu geben und ein heilsames Bild zu erschaffen, mit dem auch die Angehörigen Abschied nehmen können. Wenn ich die Familie um die Kleidung des Menschen bitte, gehe ich mit der inneren Haltung daran, dem Verstorbenen ein Stück weit Würde zurückzugeben und ihn damit auf den letzten Weg zu schicken. Ich will den Verstorbenen so zurechtmachen wie er zu Lebzeiten war – in seiner Kleidung, inkl. Socken und Unterwäsche oder mit lackierten Fingernägeln, mit Schmuck oder ohne. Wenn jemand mit einem entspannten Gesicht im Sarg liegt, dann vergesse ich das Bild von vorher. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass ich dieses heilsame Bild mit nach Hause nehme.

Das heißt der Tod in seiner direkten körperlichen Konfrontation ist keine Belastung für dich?
Der Anblick eines Toten ist für mich kein Problem. Aber es gab Situationen, die mich auf der energetischen Ebene beschäftigt haben. Es gab Sterbefälle, bei denen die verstorbene Person eine Energie umgeben hat, die für mich eindrücklich war und die mich beeinflusst hat. Ich musste einmal eine Frau abholen, die unter sehr, sehr verwahrlosten Umständen in einer Wohnung verstorben war. Es waren nicht die Bilder die mich belastet haben. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie bei uns in den Räumlichkeiten war und ich hatte das Gefühl, es sei etwas ungeklärt. Dieser Sterbefall brachte ganz viele offene Fragen und Traurigkeit und Verletzungen mit sich. Ich habe es damals gebraucht, eine Aussegnung zu sprechen. Das bedeutet, die Seele eines Verstorbenen anzusprechen und ihm zu erklären, was passiert ist. Ich habe gesagt: „Du bist verstorben, dein Körper ist bei uns, ich versorge dich, ich schicke dich danach auf den Weg, wo auch immer hin.“

Hast du die Aussegnung für dich gesprochen oder für die Frau?
Es war in erster Linie mein Weg, für mich zu sorgen, weil ich einen Eindruck von der Verstorbenen hatte, der mich emotional belastet hat und mich eine Zeit verfolgt hat. Ich hatte Fragen oder Wahrnehmungen und Empfindungen, die ich nicht erklären konnte. Es ist sehr schwierig mit Menschen über die Wahrnehmung zwischen Jenseits und Diesseits zu sprechen, die mit meinem Beruf nichts zu tun haben. Da wird man von außen schnell als Psycho abgestempelt oder gar als verrückt. Dabei geht es aber nicht darum, dass ich verrückt bin, sondern es geht darum, dass sich in mir ein Gefühl eingestellt hat, das mich daran gehindert hat, frei meine Arbeit weiter machen zu können. Und für mich war in diesem Fall der Frau wichtig, diese Aussegnung zu sprechen und zu klären, die Verstorbene geht ihren Weg auf ihrer Seite weiter und ich gehe meinen Weg auf meiner Seite weiter. Und ich bin hier, um sie dabei zu unterstützen, ihren Körper vorzubereiten für den Weg in die Erde, zurück in den Kreislauf und sie muss dafür sorgen, dass sie den Weg findet. In meinem Job ist es einfach wichtig, für sich selber zu wissen, was für einen gut ist. Ich muss trennen zwischen meiner eigenen Geschichte und der Geschichte der Angehörigen und Verstorbenen.

© Fotos: Romy Geßner
© Fotos: Romy Geßner

Was macht es mit deinem Leben, jeden Tag mit Tod und Traurigkeit umgehen zu müssen?
Ich glaube, ich lerne dadurch bewusst zu leben. Ich lerne im Moment zu sein und das anzunehmen, was ich habe und dafür dankbar zu sein. Am Ende des Tages ist für mich jeden Tag ein großes Geschenk, wahrnehmen zu dürfen, dass ich dieses Leben habe und ich weiß, dass es eben auch begrenzt ist. Es macht mir bewusst, dass ich die Entscheidungen treffen muss, wie ich meinen Lebensweg gehen möchte und was ich von diesem Leben möchte. Ich habe viel über mich selber gelernt. Zum Beispiel möchte ich keine oberflächlichen Freundschaften. Wenn jemand mit mir befreundet sein möchte, dann heißt das, dass ich mich ernsthaft für diesen Menschen interessiere und wissen will, wer er ist und ich auch will, dass er weiß, wer ich bin. Und ich glaube, dass ich über meinen Beruf und diese Beschäftigung mit dem Tod ein bisschen weiter bin, als andere in meinem Alter, was nicht unbedingt einfach ist. Das hat auch sehr viel Konfliktpotential.

Wie reagiert dein Umfeld auf deinen Job?
Sehr unterschiedlich, aber eigentlich überwiegend positiv. Es gibt aber auch Reserviertheit oder Aussagen wie „Wow, dass du das kannst“. Ich will mit meinem Beruf aber kein Aufsehen erregen. Ich mache diesen Job für mich. Skepsis und Unverständnis kommt häufig von Menschen, denen in meinen Augen ein Bewusstsein für sich selber fehlt.

Was sind Dinge, die du an deinem Beruf nicht magst?
Ich komme teilweise körperlich an meine Grenzen. Man muss in meinem Beruf einfach sehr schwer heben. Man muss wissen, wie man hebt und das muss ich auch tatsächlich trainieren – eine starke Rückenmuskulatur ist sehr wichtig. Aber ansonsten gibt es in dem Beruf nichts, was ich nicht mag.

Was ist in deinem Beruf Erfolg?
Das hat mich noch keiner gefragt. Ich habe nicht den Anspruch, erfolgreich im klassischen Sinn zu sein, sondern den Menschen etwas mitzugeben und dabei selber zu lernen. Manchmal sagen Angehörige nach einer Trauerfeier: „Das darf man zwar jetzt nicht sagen, aber das war richtig schön. Das hat gut getan.“ – „Natürlich dürfen Sie das sagen“, sage ich dann. Das hat nichts damit zu tun, dass die Trauer verarbeitet ist, aber es hat etwas damit zu tun, dass die Angehörigen bei sich sind und nicht nur Aussichtlosigkeit im Leben sehen und wohlmöglich Schuldgefühle haben. Wenn sie also aufgeräumt aus der Tür gehen, das ist für mich ein Gefühl der Zufriedenheit, weil ich weiß, sie können Verantwortung für sich selber übernehmen und können den Weg alleine weiter gehen. Es geht mir eher darum, so für Leute da zu sein, dass sie sich aufgehoben fühlen und sich in einer Ausnahmesituation selber wahrnehmen konnten. Dass sie Zeit für sich selber bekommen haben und die ersten Schritte auf einem heilsamen Trauerweg gehen konnten. Und wenn mir das gelingt, dann kann man das vielleicht als Erfolg bezeichnen.

Was lehrt dich dein Beruf?
Das Verrückte an dem Beruf ist für mich eines: Ich habe Menschen gegenüber gesessen, die hatten verdammt viel Geld bzw. Menschen, die gar kein Geld hatten und alles dazwischen. Jeder von diesen Menschen hatte eine andere Geschichte. Aber wenn der Tod da ist, dann fangen alle an, nachzudenken. Und das ist ein Moment, in dem man Menschen wirklich begegnet. Der Tod gehört eben zum Leben dazu.

© Fotos: Romy Geßner
© Fotos: Romy Geßner

Kontakt zu Johanna Wilke: www.trauer-in-liebe.de

Von Julia Kottkamp auf 40 Stunden. Fotos: Romy Geßner

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