Meine 40-Stunden-Woche: Interview mit der Sexologin Ann-Marlene Henning

Läuft es bei Paaren im Bett nicht, dann weiß die Sexologin Ann-Marlene Henning Rat – herzlich, ehrlich und unverklemmt. Ein Gespräch über die Chemie der Liebe, den Papst und das Geheimnis von richtig gutem Sex.

© Fotos: Romy Geßner

Die Sexologin Ann-Marlene Henning im Gespräch. © Fotos: Romy Geßner

Ich habe mich ein bisschen gefragt, wie oft ich heute rote Ohren kriege?
Deine Frage zeigt eine sehr typische Reaktion auf das Thema Sex. Wir alle haben längst Dinge gelernt, wie „Unten ist dreckig oder peinlich.“ oder „Das ist verboten, da spricht man nicht drüber!“.

Trotz 2016…
Es ist völlig egal, dass wir 2016 haben. Die Leute schämen sich das Zeug weg. Das will keiner hören, aber es ist so. Es gibt natürliche Scham und dann diese angelernte und übertriebene Scham, die nur kontraproduktiv ist. Wenn bestimmte sexuelle Dinge nicht klappen, leiden manche Jahre lang, nur weil sie keinen Satz dazu raus kriegen.

Gibt es trotzdem Situationen, die dir selber unangenehm oder peinlich sind?
Nein, eigentlich nicht.

War das schon immer so?
Ja, lustigerweise.

Wie kommt das?
Meine Mutter war Krankenschwester. Als Kind habe ich alle medizinischen Bücher aus dem Regal gezogen und Bilder angeguckt und später gelesen. Und meine Mutter hat mir immer alles erklärt. Einmal hat sie mir erzählt, wie man damals einen Bandwurm gesucht hat. Da musste sich eine Krankenschwester durch den Kot des Patienten wühlen und gucken, ob der Kopf mit raus war.

Ich fand das einfach spannend, wie sie das erzählt hat. Es war ganz natürlich, da war nichts Dreckiges oder Komisches. Es ging einfach um den Körper. Meine Mutter hat mir sowas nicht Wertendes mitgegeben. Könige und adelige Menschen, die waren alle gleich. Sie sagte: „Kind, da kann der Papst ja kommen, aber dann guckst du erstmal, ob der auch nett ist.“

Apropos: Wie viel Sex hat der?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich keinen. Obwohl, ja doch, er hat wahrscheinlich viel Sex. Gelegenheit gibt es ja bei denen genug, wie wir alle wissen.

Was denkt jemand wie du über den Zölibat?
Der Zölibat war eine wirtschaftliche Entscheidung der Kirche. Früher waren Priester oft sehr wohlhabend. Das Zölibat entstand, damit die Kirche, und nicht die familiären Erben, beim Tod des Priesters alle Reichtümer bekommt. Diese Sexfeindlichkeit in der Kirche hat meist keinen Ursprung in den Schriften der Religionen. Es geht einfach darum, Leute zu dominieren und zu kontrollieren und die sogenannte öffentliche Ordnung zu halten.

Manchmal muss ich darüber nachdenken, dass wir so saumäßig technisiert sind. Aber unser Sex, der ist noch so wie bei Adam und Eva und kein bisschen langweilig. Warum ist Sex der Dauerbrenner der Menschheit?
Nein, der Sex ist nicht mehr wie bei Adam und Eva, sondern voll technischer Mittel, wie Dildos, Cremes, Videos etc. und wie viele sagen total langweilig. Das ist ja das große Problem. Der Sex selbst jedoch bleibt ein Interessengebiet für uns Menschen. Es ist ein Trieb.

Und welche Rolle spielt die Liebe beim Sex?
Tatsache ist: sowohl Frauen als auch Männer können einfach nur vögeln. Was uns zurück hält ist die gesellschaftliche Ordnung, die Moral. Es muss aber definitiv nicht immer mit Liebe sein. Aber viele Menschen wünschen sich eben Liebe dazu. Wenn man liebt, hat man einfach andere Hormone im Körper und Gehirn. Lauter Glücklichmacher. Und wenn die ausgeschüttet werden, fühlt man sich angenommen, wohlig, im Kontakt mit sich selber. Und das ist schön – besonders schön.

© Fotos: Romy Geßner
© Fotos: Romy Geßner

Also warte ich nicht auf meinen Traummann sondern auf einen Chemiecocktail?
Eigentlich ja. Ein bekannter Psychiater schrieb mal in einem Briefwechsel mit dem Physiker Albert Einstein:„Sie sollten bedenken, dass eines fernen Tages alle unsere vorläufigen Formulierungen in der Psychologie auf eine organische Grundlage gestellt werden müssen… Wahrscheinlich wird man dann sehen, dass es spezielle chemische Substanzen und Prozesse sind, die unsere Sexualität steuern…“ Der Psychiater war Sigmund Freud.

Ok, das mit der Liebe scheint also etwas komplizierter… Aber was ist dann in deinen Augen „einfach nur“ guter Sex?
Wenn beide etwas spüren.

Naja, dann braucht man aber streng genommen wirklich nicht mehr als eine Vagina und einen Penis. Man hört aber, dass dieses Zusammentreffen nicht immer der Knaller ist.
Nein, eben nicht. Dass sich eine Vagina und ein Penis treffen, heißt leider nicht gleich, dass beide etwas spüren! Beispiel: Wenn wir uns mal das typische Stoß-Tempo der meisten vornehmen, nennen wir es mal „Zügiges-Rein-Raus“, dann ist es biologisch einfach so, dass die Zellen in der Vagina nicht wirklich wach werden. Sie reagieren nämlich eher auf Langsamkeit und Druck.

Und auch Männer spüren mehr, wenn sie Einiges langsamer angehen. Und wenn ich von „Spüren“ rede, dann meine ich das auch psychologisch. Menschen haben unterschiedliche Gründe dafür, Sex zu haben, wie z. B. „ein Kind oder einen Orgasmus kriegen“, „den Anderen spüren“ oder einfach „die Beziehung wieder kitten“. Ich möchte nicht entscheiden, was wichtig oder richtig ist und genau deswegen sage ich: „Wenn beide was spüren!“ In jeder Hinsicht.

In einer deiner Sendungen hast du mal über den weiblichen G-Punkt gesprochen, und dass viele Frauen ihren eigenen Körper nicht kennen. Ehrlich gesagt kein Wunder, wenn man dann nichts spürt. Aber wer ist eigentlich Schuld daran, dass man „sich selber“ nicht kennt?
Schuld ist ein blödes Wort. Man lernt es einfach nicht. Ist jetzt die Mutter daran Schuld? Nein, weil sie es auch nicht wusste. Frauenärzte? Fehlende Aufklärung in der Schule? Vielleicht. Letztlich ist es völlig wurscht, wer es einem beibringt. Aber in unserer Gesellschaft tut es einfach niemand.

Aber warum sind wir so fürchterlich verklemmt?
Es geht zum Teil über viele Jahrhunderte. Verschiedene Religionen haben geradezu Feldzüge gegen den Körper geführt. Besonders gegen unten. Wir sind verklemmt, weil das alles vor nur zwei bis drei Generationen immer noch stattgefunden hat und die Leute, die uns erzogen haben, eben in diesem Umfeld aufgewachsen sind.

Reden wir über deinen Job. Zu dir kommen Leute, bei denen läuft es nicht im Bett und sie haben Probleme, sind unsicher, verletzlich… Was machst du mit denen?
Wenn du als Klient kommst, dann muss ich in kürzester Zeit so viel wie möglich über dein sexuelles System verstehen. Wie funktioniert es? Und spätestens in der 2. oder 3. Stunde muss ich dir die Zusammenhänge erklären können, und auch einen Plan haben, wie wir nun vorgehen und arbeiten wollen.

Und wie arbeitet ihr dann?
Ich habe nach dem Konzept des Sexocorporal studiert. Da geht es viel um den Körper im Zusammenspiel mit dem Kopf. Für den Körper kann man Übungen machen, die der Klient in der Praxis vorm Spiegel lernt und übt. Es geht ums Spüren und den eigenen Körper kennen zu lernen. Und was den Kopf angeht: Wir führen Gespräche zu den früheren und heutigen Erlebnissen.

Man kann den Sex ja mit dem Kopf komplett kaputt machen. Das Gehirn ist das größte Geschlechtsorgan. Und dann gibt es natürlich auch noch die Beziehung. Und so arbeiten wir sehr praktisch und realitätsbezogen. Es geht insgesamt ganz viel um die Wahrnehmung. Meine Arbeit läuft aber grundsätzlich ohne anfassen oder wichsen oder irgendwas ab.

Was machen die meisten Leute aus deiner Sicht falsch?
Sie reden zu wenig.

© Fotos: Romy Geßner
© Fotos: Romy Geßner

Und wie schafft man es, mehr zu reden?
Indem man mutig ist. Aber dafür musst du dich trauen. Das ist ja gerade das besondere beim Sex. Du bist nackt, sprichwörtlich. Wer sich zeigt, kann eben auch abgelehnt werden und deshalb macht Sex so fürchterlich verletzlich. Und dann der Orgasmus – die Franzosen sagen „la petite Mort“, der kleine Tod. Absoluter Kontrollverlust. Du musst Vertrauen haben und musst dich auf den anderen verlassen können. Unsere größte Angst ist, von dem anderen abgelehnt zu werden. Und das führt uns soweit, dass wir keine Wünsche mehr äußern.

Wie viel deines eigenen Sexlebens gibst du in deiner Therapie Preis?
Überhaupt nichts. Höchstens Erfahrungswerte. Also wenn jemand wissen möchte, wie anal nicht weh tut, dann gebe ich ihm eine Antwort. Und wenn ich aus meiner Erfahrung weiß, wie es mir nicht weh tut, dann gebe ich es weiter. Aber ich sage nicht, wie oft und wo und wie ich es mit meinem Partner mache.

Ich habe ein Interview von dir gelesen, da sagst du selber, Männer hätten Angst, mit dir zu schlafen. Im Ernst?
Ich hatte den Eindruck, ja. Denn ich war fast zwei Jahre Single und hatte kaum Sex. Ich hatte vereinbarte Dates und dann wurden Treffen – völlig ohne Kontakt dazwischen gehabt zu haben – plötzlich abgesagt. „Oh nein, Donnerstag kann ich doch nicht. Tschüss.“

Und einmal sagte mir jemand: „Oh Männer haben sicher ganz schön Angst vor dir.“ Ich dachte im Stillen. „Ja, und du auch.“ Die Leute denken, dass ich ein Sexmonster bin, und dass ich alles drauf habe. Wehe dem, er steht nicht und man hatte keine multiplen Spritzorgasmen. Die Menschen haben Bilder im Kopf. Psychologen gucken dir in den Kopf und Sexologen in die Hose. Herzlichen Glückwunsch. Ich bin beides!

Und wie reagieren Menschen auf deinen Job, außerhalb von Dates?
Wenn man sich überlegt, wie hoch die Scham in der Gesellschaft ist, dann muss ich eigentlich schon sagen „ganz toll“. Aber irgendwie muss ich auch Einschränkungen machen. Es gibt viele Widerstände, Missverständnisse, viel Unwissen und das führt dann dazu, dass einige Leute respektlos werden, sich – zum Beispiel in anonymen Briefen – so richtig auskotzen. Es scheint die Idee noch vorherrschend zu sein, dass Sex über Jahrtausende einfach von alleine geklappt hat – und noch klappen müsste.

Aber das stimmt doch auch…
Ja. Einer steckt rein und dann rein raus und eine wird schwanger. Aber dass beide was spüren und es schön ist… das klappt oft nicht. Und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, hat der Sex eine andere Bedeutung erlangt. Es geht nicht mehr nur um Fortpflanzung. Und die Menschen leben 70 Jahre länger! Wir haben mehr Freizeit. Der Sex wird für ein gutes Lebensgefühl wichtig.

Durch deine ZDF Produktionen stehst du ja auch sehr stark in der Öffentlichkeit mit deinem Job und die Angriffsfläche ist noch größer. Wie ist das für dich ganz persönlich, als „die Sextante“ wahrgenommen zu werden?
Das ist verletzend und furchtbar, weil ich diese Sextante nämlich nicht bin. Ich bin eine ausgebildete Psychologin, Sexual- und Paartherapeutin. Sexologie ist eine Wissenschaft, die gerade in Deutschland um den zweiten Weltkrieg herum, seine Bedeutung verlor, weil entsprechende Wissenschaftler auswandern mussten.

Eine andere Sache ist es, wenn ich in Talkshows eingeladen werde. Egal welche, ich war in allen Großen. Jedes Mal nahm mich ein Redakteur zu Seite und sagte mir, was ich sagen darf und was nicht. Oder ich wurde explizit darauf hingewiesen, dass ich den Moderator keinesfalls auf sein Sexleben ansprechen darf… Das würde ich ohnehin nie tun! Ich gehe sehr respektvoll mit den Menschen um, gerade bei diesem Thema.

Was ist Erfolg in deinem Job?
Unabhängig davon, ob ein Paar in der Therapie hier wieder zusammenkommt oder sich trennt, ist es für mich ein Erfolg, wenn sich die einzelnen Menschen entwickeln und etwas dazulernen.

Wie viele Ehen konntest du retten?
Keine Ahnung. Wenn es gut läuft, kommen die Menschen ja nicht wieder!

Eine Frage brennt mir zum Schluss noch unter den Nägeln. Wir haben hier echt „schlimme“ Wörter in diesem Interview benutzt. Du hast ja auch einen Sohn. Wann durfte der das erste Mal legal „ficken“ sagen?
Ha! Ehrlich, das kann ich nicht sagen, weil sich die Frage bei mir gar nicht stellt. Vermutlich habe ich irgendwann ficken gesagt und es gar nicht gemerkt. Ich glaube sogar, ich habe noch nie gehört, dass er es gesagt hat. Durfte… Nicht durfte… Mein Sohn spricht, wie er möchte, ohne meine Einwilligung, zum Glück!

Kontakt zu Ann-Marlene Henning: www.doch-noch.de

 

Von Julia Kottkamp auf 40 Stunden. Fotos: Romy Geßner

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