Meine beste Freundin ist Dauersingle – und beinahe glücklich

Katharina hatte noch nie eine feste Beziehung, führt aber trotzdem ein abwechslungsreiches Liebesleben. Ist sie glücklicher als die Pärchen in ihrem Umfeld?

"Ich möchte keine Ottonormal-Beziehung", sagt Katharina. Foto: Pexels I CC0-Lizenz

Als ich Katharina das erste Mal sah, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie war die erste Mitschülerin, zu der ich an diesem Tag Kontakt suchte und sie war die letzte, die ich nach bestandenem Abitur verabschiedete. Wie Arsch auf Eimer passten wir zusammen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die eine Sache, die sich ebenfalls seitdem nicht geändert hat, ist Katharinas Beziehungsstatus. Ich traf sie als Single und begleite ihren Status bis zum heutigen Tage. Trotz allerlei Liebeleien, wollte sich eine langfristige Beziehung einfach nicht einstellen. Katharina ist ein sogenannter Dauersingle. 

Mitleid möchte ich für meinen dauerhaften Singlestatus nicht.“ – Katharina

Und das, obwohl kaum ein Abend im Club vergeht, an dem Männer sie anflirten oder ihre eine Handynummer zustecken. Nach Katharina drehen sich viele um. Trotzdem ist sie allein, ständig auf der Suche, aber augenscheinlich nicht bereit, jemanden zu finden. Die Herren, nach denen sie sich verzehrt, ergreifen die Flucht. Die Herren, mit denen sie nichts anfangen kann, rennen ihr hinterher. Es ist ein Teufelskreis in dem Katharina nur sprintet, aber nie ankommt.

„Ich suche keine Ottonormal-Beziehung“

Die Schuld an ihrem Dauersingle-Dasein kann man nicht nur auf die flüchtenden Männer schieben. Jedes Wochenende knüpft meine 29-jährige Freundin neue Kontakte, die am Ende doch nur auf ihrem Handynummernfriedhof landen. Eine Knutscherei hier, eine gemeinsame Nacht da. Das alles kratzt an der Oberfläche, aber es berührt ihr Herz nicht. Ist es Katharinas fehlender Bindungswille, der ihr Alleinsein zu einem chronischen Zustand werden ließ? Vielleicht. Verliebtsein, sich der Leidenschaft hingeben, diese Gefühle kennt Katharina in- und auswendig. 

Affären und Kurzzeit-Anbändeleien ziehen sich durch ihr Leben, doch dieser eine Mann, der langfristige Perspektiven aufzeigte, bleibt verschollen. „Ich suche keine Ottonormal-Beziehung und demzufolge keinen normalen Mann“, erklärt sie mir, als ich sie nach ihren Wünschen frage. Ottonormal-Beziehungen, das sind aus ihrer Sicht Verbindungen, in der zwei Menschen zu einer Einheit verschmelzen, in der die Individualität mit jedem Beziehungsjahr schleichend verschwindet. Sie hat so viele Paare erlebt, die sich durch die Liebe zu Menschen entwickelten, mit denen sie nichts mehr anfangen konnte.

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Dass die Liebe nicht immer nur rosa Wolken und Schmetterlinge mit sich bringt, ängstigt sie. „Ich sehe auch das Schlechte bei den Paaren in meinem Bekanntenkreis. Am Anfang ist alles schön, dann gibt es die ersten Schwierigkeiten. Das sind Dinge, die ich nicht haben muss.“ Katharina möchte sie selbst bleiben, auch wenn ein Teil ihres Herzens einer anderen Person gehört. Sie träumt nicht von dem Prinzen auf dem weißen Pferd, sondern von einem tätowierten Bartträger, der sein Leben lebt und nicht wie eine Klette an ihrem Bein hängt. Eigentlich eher ein guter Freund, der nicht nur ihren Humor, sondern auch das gleiche Bett teilt. Eine romantische Vorstellung, finde ich. Dass sie jedoch wenig mit dem echten Leben zu tun hat, verschweige ich ihr, um zumindest eine kleine Hoffnung auf den Einen zu bewahren.

Jede Ablehnung vertieft den Graben vor ihrem Herzen

Katharinas romantisierte Vorstellung der Liebe ist nicht der einzige Stein, der ihr den Weg zu einer langfristigen Beziehung verbaut. Manchmal ist sie es selbst, die sich zum Stolpern bringt. Nicht gut genug für eine feste Bindung zu sein, das ist die Angst, die sie vom Liebesweg abbringt.

Woran ihr langes Singledasein wohl liegen mag? Hat sie einen Fehler oder haben den alle anderen? Jede Ablehnung durch die Männer, die ihrem Idealbild entsprechen, vertieft den Graben vor ihrem Herzen, den es zu überwinden gilt, um sie erobern zu können. Wie sich die dauerhafte Beziehungslosigkeit wohl anfühlen mag? Einsam. Um sie herum wird sich verliebt, getrennt, verlobt, geheiratet, geboren. Sie betrachtet das alles von außen, wie von einer Tribüne aus schaut sie auf das Spiel des Lebens. Es ist das Leben der anderen. 

„Eigentlich brauche ich keinen Mann“

Katharina tröstet sich mit den guten Seiten des Alleinseins. Als Single kann sie sich die Rosinen herauspicken: unverbindlichen Sex haben, mehrere Männer gleichzeitig daten. Für den Moment füllen diese Abenteuer die Stelle in ihrem Herzen, die eigentlich als unbefristete Position ausgeschrieben ist. Anstatt Mann-an-meiner-Seite, heißt es Mann-für-eine-Nacht.

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Manchmal fantasieren wir beide über das, was wir uns für die kommende Zeit wünschen würden. Dann reden wir über die Zukunft, über das Idealbild, in dem zwei seit Jahrzehnten verliebte Menschen Hand in Hand auf ein glückliches gemeinsames Leben zurück blicken. Während wir diesen Kopfkino-Film ablaufen lassen, entdecke ich eine gewisse Traurigkeit in Katharinas Augen. „Ich bin unabhängig und brauche eigentlich keinen Mann. Es ist das Klischee, welches am Ende zum Nachdenken bringt, ob eine Beziehung nicht doch schön wäre“, sagt sie. Gerade in den Wintermonaten kommen Momente auf, in denen ihr jemand zum Ankuscheln fehlt. So glücklich Katharina über die Freiheiten des Alleinseins ist, so sehr sehnt sie sich nach einer starken Schulter, die ihr emotionale Last von ihren Schultern nehmen kann.

Ein Traummann-Paket mit Schleifchen

Katharinas Umfeld hat über die Jahre natürlich nicht tatenlos zugesehen, während es bei ihr mit der Liebe einfach nicht klappen wollte. Sie durchlebte zahlreiche Kupplungsversuche, die so grandios scheiterten, dass sie eine wunderbare Kinokomödie abgeben würden. Katharinas Freundeskreis fühlt sich mitverantwortlich für ihr Liebesleben und zieht damit nicht selten ihren Groll auf sich. „Mitleid möchte ich für meinen dauerhaften Singlestatus nicht. Ich weiß, dass ich in meinem Leben sehr viel erreicht habe, und das ohne Mann“, erklärt sie mir, wenn ich es mit meinen Kuppelversuchen mal wieder übertreibe. 

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Das, was Katharina braucht, ist eigentlich eine Traummann-Backmischung: Bart für eine schöne Optik, genug Material um eine Größe von 1,80 Metern zu erreichen, eine Prise Einfühlungsvermögen und eine Schippe starke Schulter. Diesen gebackenen Mann müsste man hübsch einpacken, ein Schleifchen drauf kleben und ihr als Überraschung vor die Tür stellen. Wurde dem Teig genug Zucker hinzugefügt, wird sie das Gebäck schon irgendwie glücklich machen.

Aber vielleicht ist sie das schon: glücklich. „Ich bin zu 90 Prozent zufrieden und erfreue mich an den Beziehungen und Familien, die um mich entstehen“, sagt sie zu mir mit einem Lächeln im Gesicht. Sind 90 Prozent in der heutigen Zeit nicht schon eine Menge? Vielleicht sogar überdurchschnittlich? Wer sagt eigentlich, dass es die Liebe ist, die unser Leben sinnhaft macht. Wer sagt, dass Katharina etwas ändern muss, um in das Ottonormal-Bild zu passen, von dem sie eigentlich gar nicht viel hält. Sie macht eine gute Figur, allein. Am Ende ist der Prinz auf dem Pferd doch auch nur ein Typ auf ’nem Gaul, oder?

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