Meine drei Tage im Brüsseler Ausnahmezustand, der keiner war

Seit Samstag gilt in Brüssel die Terrorwarnstufe 4, das heißt die belgische Regierung sieht eine unmittelbare und konkrete Bedrohung für Europas Hauptstadt. Doch vom Ausnahmezustand ist in der Bevölkerung wenig zu spüren. Ein Protokoll der vergangenen drei Tage.

© Emmanuel Dudand/AFP/Getty Images

Ein Soldat patrouilliert in der Brüsseler Innenstadt. © Emmanuel Dudand/AFP/Getty Images

Samstag, 21. November

Eigentlich will ich am Samstag ganz normal zurück in meine Wahlheimat Brüssel fliegen. Ich sitze gerade am Flughafen, als die Meldung der maximalen Terrorwarnstufe durch die Medien geht. Es soll konkrete Hinweise auf Anschläge geben. Die deutschen Medien schreiben, dass in Brüssel das Leben still stehe, alle den Atem anhielten und es ganz, ganz, ganz krass sei. Eintausend Soldaten im Stadtgebiet, Metro geschlossen, Premetro nur oberirdisch. Vielleicht gibt es deshalb mitleidige Blicke vom Nachbargate, während ich mich innerlich darauf einstelle, ganz sicher ewig vom Flughafen nach Hause zu brauchen.

Meine Sitznachbarn im Flugzeug sind total aufgeregt. Nicht, weil Salah Abdeslam, einer der mutmaßlichen Terroristen aus Paris, angeblich in der Stadt unterwegs sein soll; sondern weil sie gehört haben, dass es am Nachmittag in Brüssel schneien soll.

In der Ankunftshalle im Brüsseler Flughafen stehen vier Soldaten mit Maschinengewehren und unterhalten sich. Daneben eine Gruppe wuseliger Mitdreißiger, die „Jannis & Ilka“, so die Aufschrift auf dem Bettlaken vor ihnen, zurück aus den Flitterwochen begrüßen.

Aber es stimmt: Metro geschlossen, die Premetro fährt nur oberirdisch und der Flughafen wirkt vielleicht ein kleines bisschen leerer als sonst. Zum Bahnhof Bruxelles-Midi, dem internationalen Südbahnhof, fahre ich mit dem IC. Das Krasseste, das mir während der Fahrt passiert, ist dass ich mich aus Versehen in die erste Klasse setze und mich die Schaffnerin dreisprachig zurechtweist.

Am Südbahnhof selbst bemerke ich nicht viel von der höchsten Terrorwarnstufe. Auf mich wirkt es nicht, als ob jemand Angst hätte. Es ist voll und wuselig wie immer, nur die Trams fahren unregelmäßig und sind deshalb überfüllt. Ein paar von ihnen fahren gar nicht oder werden umgeleitet, weil ihre normale Fahrstrecke unter Brücken hindurchführt und deshalb gesperrt ist.

In Saint-Gilles, südöstlich des Stadtzentrums, wo ich wohne, ist alles ruhig. Am Nachmittag lese ich alle Artikel über die Terrorwarnung, die ich finden kann, wühle mich durch Twitter und komme zu dem Ergebnis, dass entweder die ausländischen Medien übertreiben oder ich mit geschlossenen Augen durch Brüssel unterwegs gewesen sein muss. Von einer Stadt „in Angst“ oder einem „stillstehenden öffentlichen Leben“ habe ich nichts mitbekommen.

© André Herrmann

Sonntag, 22. November

Um mir einen besseren Eindruck zu verschaffen, fahre ich am Sonntagvormittag ins Zentrum. Die Straßenbahn fährt ganz normal, die Metro bleibt den ganzen Tag geschlossen. Vorm Zentralbahnhof steht sehr zentral ein Militärfahrzeug, vorm Eingang zwei Soldaten, die gemeinsam mit der Polizei und dem Sicherheitsdienst des Bahnhofs Kaffee trinken. Drinnen laufen noch einmal zwei Soldaten umher. Dort sieht es nicht weniger voll aus als an jedem anderen Tag, an dem keine Metro fährt. Vermehrt sehe ich allerdings Leute mit Kameras, Fernsehteams und Familien, die ihre kleinen Kinder vor den Soldaten fotografieren.

Vor der Börse und in der großen Fußgängerzone nahe dem Place de Brouckère stehen diese gruselig aussehenden Soldaten mit den Strümpfen überm Gesicht. Daneben dutzende Buden für den bald eröffnenden Weihnachtsmarkt. Es regnet ein bisschen. Auch hier gibt es wieder mehr Kamerateams und Fotografen als Sicherheitskräfte. Bei manchen Interviews habe ich das Gefühl, die Interviewer hörten es gar nicht gern, wenn die Interviewten erklären, sie hätten eigentlich gar nicht so viel Angst und soooo viel Polizei und Soldaten seien jetzt ja auch nicht vor Ort.

Am Sonntagabend gegen 19 Uhr nimmt die Sache doch noch einmal richtig Fahrt auf. Während ich den ganzen Nachmittag besorgten Freunden und Verwandten erklärt habe, dass ich die Situation als viel entspannter empfinde, als sie in den Medien dargestellt wird, sammeln sich auf Twitter die Meldungen eines Anti-Terror-Einsatzes im Stadtzentrum nahe des Grand Place, auf der Rue du Midi sowie in den Stadtteilen Etterbeek und Molenbeek.

Die Meldungen kommen so schnell, dass ich binnen Sekunden den Überblick verliere. Hier blockiert das Militär angeblich den Eingang eines Innenstadthotels, dort soll es sogar Schüsse gegeben haben. Erst postet jemand, der Grand Place werde evakuiert und es herrsche Chaos, dann folgen Bilder von Touristen, die just in diesem Moment den frisch errichteten Weihnachtsbaum auf eben jenem Platz fotografieren.

Der Hashtag lautet an diesem Abend: #BrusselsLockdown. Kein Wunder, dass meine Eltern denken, in Brüssel herrsche Krieg. Als die Polizei per Twitter darum bittet, keine Informationen zur laufenden Operation zu verbreiten, formiert sich die Timeline zur eigenen Anti-Terror-Aktion und beginnt, den Hashtag mit Katzenbildern zuzuspammen. Lustig, aber irgendwie würde ich mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, was abgeht.

Gegen 00:30 Uhr bittet dann die Polizei zur Pressekonferenz. Meine Internetverbindung ist furchtbar langsam, weil wahrscheinlich die ganze Stadt gerade vorm Livestream hängt. 23 Razzien und 16 Festnahmen habe es gegeben, Waffen seien nicht gefunden worden, der Hauptverdächtige Salah Abdeslam sei weiterhin auf der Flucht. Die Terrorwarnstufe werde nicht herabgesetzt, Schulen, Universitäten und auch die Metro würden auch am Montag geschlossen bleiben – und jetzt schlafen Sie gut!

© André Herrmann

Montag, 23. November

Am Montagmorgen fahre ich wieder in die Stadt. Ich will sehen, was der „Lockdown“ an einem Wochentag mit Brüssel anstellt. Am Porte de Hal im Süden des Stadtzentrums hat die Polizei ein Stück des Rings abgesperrt. Vorm Gare Centrale steht noch immer das Militärfahrzeug. Allerdings haben sich vor ihm mittlerweile ungefähr 20 Kamerateams formiert, die darauf warten, dass etwas passiert. Die Soldaten sehen heute ein bisschen genervt aus. An den Bahnhöfen und am Place de Brouckère stehen deutlich mehr von ihnen als gestern.

Überall in der Fußgängerzone stehen Trauben von Leuten und diskutieren. In der Nähe des Königspalasts und im großen Park gegenüber wirkt die Stadt ein bisschen ausgestorben. Allerdings nicht aus Angst, eher wie an Weihnachtsfeiertagen. Denn die anliegenden Museen und Regierungsgebäude sind alle geschlossen.

Viele Unternehmen werden heute damit klarkommen müssen, dass nicht alle ihrer MitarbeiterInnen am Schreibtisch erschienen sind. Unterwegs ist, wer etwas zu erledigen hat oder nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist. Nicht einmal der Innenstadtring ist so dicht befahren wie sonst – Belgien ist heute Home-Office-Land.

Am Nachmittag soll es eine neue Lagebewertung der Einsatzkräfte geben. Dann wird entschieden, ob der #BrusselsLockdown, der Ausnahmezustand, weiter bestehen bleibt oder ob die Stadt zur Normalität zurückkehren darf. Eine Normalität, an der seit Sonntagabend ein bisschen gekratzt wurde, aber die noch immer deutlich zu sehen ist. Zwar haben viele Geschäfte und Restaurants in der Rue du Midi an diesem Montag einfach das Wochenende verlängert. Ein Lockdown, eine komplette Abriegelung der Stadt, ist es trotzdem nicht.

Im Gegenteil, ich finde es fatal, dass überall mit Begriffen hantiert wird, die ein Bild zeichnen, das so überhaupt nicht existiert. Nervig wäre der richtige Begriff, um den Zustand in Europas Hauptstadt zu beschreiben. Denn eine Stadt, die freiwillig auf ihr kulturelles Angebot, ihre Restaurants und Freizeitangebote verzichtet, eine Millionenstadt mit täglich hunderttausenden PendlerInnen, die plötzlich ohne Metro auskommen muss, erregt in erster Linie keine Angst, sondern ein Gefühl der Genervtheit. Aber Ausnahmezustand klingt halt einfach besser.

Eine frühere Version dieses Beitrags hat der Autor auf andreherrmann.de veröffentlicht.