Meine Klitoris ist politisch

Ich gebe es lieber direkt zu: Ich glaubte meinen Körper einigermaßen gut zu kennen, vor allem den Teil, der Spaß bringt. Doch ich lag falsch.

Fünf Minuten später hänge ich völlig verunsichert, mit drei mir fremden Teilnehmerinnen, über einem Clit-Quiz. Foto Louisa:privat

Ich bin irgendwo in Berlin-Treptow in einem Coworking Space mit 15 anderen und besuche einen Workshop über die Klitoris. Ich weiß nicht, was mich erwartet, aber so viel Neues wird es schon nicht sein. Es geht ja schließlich um mein Allerheiligstes. Louisa begrüßt uns und wir stellen uns und unsere Motivation, warum wir diesen Workshop besuchen, vor. Einige sind feministisch aktiv, befassen sich mit dem Thema Body Positivity oder sind, wie Louisa, auf Cliteracy, ein künstlerisch-feministisches Projekt über die Wahrheit der Klitoris von Sophia Wallace, gestoßen und wieder andere sind gekommen, weil sie von Freund*innen und Bekannten von dem Workshop gehört haben.

Fünf Minuten später hänge ich völlig verunsichert mit drei mir fremden Teilnehmerinnen über einem Clit-Quiz. Nur so zum Warmmachen. Wir schwitzen. Kaum eine von uns weiß, wie herum sie die Abbildungen halten soll. Wie groß ist die Klitoris? Wo ist sie? Wer hat alles eine? Wie ist das Größenverhältnis zwischen Klitoris und Penis? Wir haben so vage Ideen. Wir sind etwas verlegen, so wenige der Fragen mit klarer Sicherheit beantworten zu können. Louisa geht herum und beobachtet, wie wir uns schlagen. Sie selbst machte vor einigen Jahren eine verblüffende Erfahrung, die ihr Körperverständnis beinahe grundlegend veränderte. Es war ein Facebook-Post des New Yorker Museum of Sex mit dem Verweis auf einen Artikel mit dem Titel The Internal Clitoris. Die für Louisa vielen neuen Erkenntnisse über die etlichen Tabus im Zusammenhang mit der Klitoris ließen sie nicht los. Sophia Wallace’ Kunstprojekt Cliteracy eine Mischung aus den Wörtern „clitoris“ und „literacy“ – wurde dann 2016 Thema ihrer Bachelorarbeit.

Louisa Lorenz ist keine Sexualforscherin, sondern Kulturwissenschaftlerin und veranstaltet deutschlandweit regelmäßig sogenannte Clit Nights. Über zu wenige Teilnehmer*innen brauchte sie sich bislang keine Sorgen machen. Der Bedarf, über dieses oft fehlgedeutete Organ mehr zu erfahren, ist groß.

Die Angst vor der weiblichen Potenz

Nun könnte man meinen, auch nicht besonders viel über die eigene Milz zu wissen. Doch die Milz ist auch kein politisch aufgeladenes Motiv. Die weibliche Sexualität dagegen ist das wohl mystischste, politischste und zugleich das neben der Tiefsee am wenigsten erforschte Thema der westlichen Gesellschaft. Vorgeschoben wird in dieser Diskussion häufig das Argument, dass eine offene, freie Sexualität den Zauber der Erotik zerstören würde. Doch eigentlich steckt dahinter nur die tiefe Angst vor der weiblichen Potenz.

Die weibliche Sexualität dagegen ist das wohl mystischste, politischste und zugleich am wenigsten erforschte Thema

Diese Angst prägt unsere Beziehungen, unser Sexleben, unsere Gespräche im Freundeskreis, ja sogar unsere Gesundheit. Wir alle kennen Sprüche wie, “Kondom? Du nimmst doch eh die Pille!” Oder: „Eine Frau, die mehr als 20 Typen hatte, ist nichts für eine ernste Beziehung. Dass Sex dann vorbei ist, wenn er fertig ist, ist ebenfalls ein Beispiel dafür. Dabei brauchen Frauen bei der Masturbation im Durchschnitt nur vier Minuten, um zum Höhepunkt zu kommen. Wo liegt also das Problem?

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Louisa gewährt uns innerhalb von drei Stunden einen detaillierten Einblick in die Kulturgeschichte der Klitoris. Wir bekommen eine Darstellung der Vagina als nach innen gestülpten Penis gezeigt, und Eierstöcke und Gebärmutter waren eben die „weiblichen Hoden“ – das männliche Genital als Vorbildfunktion. Es gab schlichtweg keine individuellen Bezeichnungen, und was du nicht benennen kannst, existiert auch nicht wirklich.

Als im 17. Jahrhundert die Mediziner Reinier De Graaf und Kaspar Bartholin sich für die Unähnlichkeit zwischen Penis und Vagina stark machten, erlangte das weibliche Geschlecht mit all seinen lustspendenden und für die Reproduktion förderlichen Features eine eigenständige Daseinsberechtigung in Lehrbüchern, wurde aber im Zuge der Aufklärung flott wieder unterdrückt und ist bis heute – Freud sei Dank – in den meisten Medizinbüchern nur skizzenhaft anzufinden. Auch das mit der vom Mann ausgehenden Vorbildfunktion ist noch nicht so richtig vom Tisch.

Louisa erklärt uns die Klitoris. Foto:privat

Der weibliche Orgasmus als Krankheit

Die vollständige und korrekte Abbildung der Klitoris und somit auch der weiblichen Sexualität wurde in gewisser Weise, trotz bereits umfangreichen Wissens, einfach vernachlässigt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Lust von Frauen sogar als krankhafte Störung bezeichnet. Patientinnen mit Hysterie nannte man solche Frauen. Eine erfolgreiche Methode, die Wollust von Frauen mit Unsicherheit und Angst zu behaften und damit auch zu tabuisieren. Übrigens: Schon mal darüber nachgedacht, warum wir eigentlich Schamlippen sagen?

Ich habe währenddessen das Gefühl, wir sind alle gleichermaßen baff. Nicht weil es uns überrascht, dass die Lust von Frauen, historisch betrachtet, eine Menge durchgemacht hat, sondern weil insbesondere wir uns für liberale, aufgeklärte, sexuell selbstbestimmte Teilnehmer*innen halten und wir mit einem großen Berg an Nichtwissen dasitzen und uns in Rotationsgrüppchen-Diskussionen darüber immer bewusster werden.

Hättest du es gewusst?

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Klitoris und Penis stehen sich in ihrer Größe im Grunde genommen in nichts nach: sie ist 6 cm breit und 9 bis 12 Zentimeter lang. Der von außen sichtbare Teil, auf den die Klitoris gerne reduziert wird, ist somit nur ein kleiner Aspekt des Organkomplexes. Auch wenn die Klitoris für die Reproduktion nicht entscheidend ist, hat der weibliche Orgasmus auch eine wichtige biologische Funktion, die dem eigenen Schutz und dem reibungslosen Ablauf des Geschlechtsverkehrs dient. Zum einen hätten wir vermutlich kaum Lust, die Strapazen der Schwangerschaft auf uns zu nehmen, wenn uns Sex nicht genauso viel Spaß und Befriedigung verschaffen würde, zum anderen schützt das Feuchtwerden vor Wundreibung und beugt somit dem Risiko einer höheren Infektions- und Entzündungsgefahr vor.

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Klingt nach Verschwörungstheorie

Wir lernen im Workshop viel Neues, doch was machen wir mit diesen teils unvertrauten Informationen? Welchen Einfluss hatte unser Aufklärungsunterricht auf uns? Wer erinnert sich überhaupt an ihn? Meine Gedächtniskräfte lassen nur noch verschwommene Bilder von Peter, Ida und Minimum zu, viel zu lernen war da, glaub ich, nicht. Dass ich in Louisas Workshop und nicht bereits in der Schule zum ersten Mal eine korrekte Darstellung der Klitoris sehe, empört mich. Es steckt keine Verschwörungstheorie dahinter, ich bezweifle auch, es sei grundlegender Frauenhass – der Einwand fällt in unseren Gesprächen – doch mir wird klar, es waren halt nie wir Frauen, die ein Mitspracherecht hatten.

Eine Frage, die mich nicht mehr los lässt, ist die nach dem Unterschied, den es machen würde, würden wir den Umgang mit dem Wissen über die Klitoris als selbstverständlicher nehmen. Ich bin mir nicht sicher, welche Auswirkungen es hätte, aber dass etwas anders in der europäischen Gesellschaft wäre, steht für uns alle fest. Denn dass die patriarchale Ideologie durch ihre Kontrolle über die weibliche Sexualität die Schamhaftigkeit über unseren Körper stark geprägt hat und bis heute wirkt, wird uns im Workshop immer klarer.

Die totale Ermächtigung über den eigenen Körper

Es ist nicht Louisas Ziel, jemanden zu bekehren, doch Aufklärungsarbeit ist ihr wichtig, und so bietet sie mit der Clit Night einen Raum zum Lernen und zum Austausch für alle, die neugierig sind und Lust haben, sich mehr mit der weiblichen Sexualität zu beschäftigen. Sie hält Workshops in WGs, im Berliner Freudensalon oder auf Festivals.

Sophia Wallace‘ Arbeit Cliteracy war Louisas Inspiration und Antrieb, sich für die Integration der Klitoris im Sexualdiskurs einzusetzen und auf die Abwertung und Unterdrückung der weiblichen Sexualität verstärkt aufmerksam zu machen, um das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft zu erreichen. 

Eine Clit Night geht zu Ende und ich verlasse sie mit einer Menge neuem Wissen. Vor allem nehme ich aber das Gefühl mit nach Hause, dass ich mich mit Fremden über die weibliche Sexualität unterhalten habe und dass daran wirklich nichts Schamhaftes ist. An der großen Unbekanntheit der Klitorisform wird deutlich, dass es mehr Repräsentation der Klitoris bedarf, da stimme ich Louisa zu. Es braucht mehr Diskurs darüber. Darum: Respect the Clit.


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Catherine Blackledge: The Story of V. – A Natural History of Female Sexuality

Dr. Laura Meritt: Frauenkörper neu gesehen

Luisa Stömer: Ebbe und Blut