Belarus: Meine Reise durch die letzte Diktatur Europas

Kürzlich reiste ich durch Belarus, ein kleines Land im Osten Europas. Ich lernte dort vor allem, wie privilegiert ich wirklich bin.

Straßenszene in Minsk © Florian Prokop

Belarus war für mich immer ein ziemlich weißer Fleck auf der Landkarte. Ich wusste nicht viel über das kleine Land mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern. Kürzlich bekam ich aber die Gelegenheit, mir das Land durch eine Pressereise dorthin genauer anzusehen – und vor allem herauszufinden, wie die jungen Menschen dort leben.

Auf dieser Reise puzzelte ich mir Stück für Stück einen Eindruck von dem osteuropäischem Land zusammen, das einerseits von Russland abhängig ist, sich aber andererseits zaghaft Richtung Westen öffnetBelarus wird autokratisch regiert und ist international ziemlich abgeschottet.

In einem Kleinbus fuhr ich also mit zwei deutschen und drei belarussischen Journalistinnen durchs Land. Auf der Reise hielten wir in kleineren und größeren Ortschaften, lernten ausschnitthaft Land und Leute kennen. Hier versuche ich, meine subjektiven Eindrücke einzuordnen, die durch Interviews, Beobachtungen und Reflexion entstanden sind – und einen Überblick über Belarus zu geben.

„Belarus“ – nicht „Weissrussland“

Wer politisch korrekt sein will, nennt den Staat zwischen Polen und Russland eben nicht Weissrussland, sondern Belarus. Das Adjektiv bely bedeutete im Mittelalter eher westlich/nördlich und Rus ist nicht etwa kurz für Russland, sondern steht für skandinavisch-slawische Herrschaftsgebiete. Belarus übersetzt sich also eher mit „westliche Rus“. Den Menschen in Belarus geht es in der Verwendung vor allem darum, eine (sprachliche) Distanz zu Russland zu schaffen, wie ich herausgefunden habe.

Über Probleme reden? Nicht hier.

„Wir reden in der Schule über Tschernobyl, aber ich finde, das ist zu früh. Darüber sollte erst im Erwachsenenalter gesprochen werden.“

Das ist die Antwort von Iwgenia, einer Schülerin aus Gomel, die ich gefragt habe, ob Tschernobyl und seine Folgen in ihrer Schule thematisiert werden. Die Region und die Stadt liegen ganz im Südosten des Landes, nur circa 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Durch das Atomunglück ist Gomel eine der am stärksten durch die Katastrophe verstrahlten Städte überhaupt. Aber so richtig darüber reden wollte keiner mit mir. Im Gegenteil: Fragen über das Unglück wurde systematisch ausgewichen.

In einem UNESCO-Jugendclub in Gomel zeigten mir Jugendliche stolz den ersten inklusiven Spielraum des Landes, also einen Raum, in dem Kinder mit Behinderungen und Kinder ohne Behinderungen zusammen spielen. Auf meine Nachfrage, warum dieser Raum gerade hier notwendig sei, bekam ich die Antwort: „Weil hier eben mehr Kinder mit Behinderungen sind.“

„In Gomel leben mehr Menschen mit Behinderungen, als woanders in Belarus. Ich glaube aber nicht, dass das mit Tschernobyl in Verbindung steht. Das ist doch dreißig Jahre her.“ – Iwgenia, Schülerin in Gomel

Dies ist wohl das Erlebnis, das mir am meisten verdeutlicht hat, dass in Belarus nicht offen über Probleme geredet wird: Sie werden viel eher verschwiegen. Hier dazu meine Videoreportage zu Gomel und Tschernobyl für den Snapchat-Kanal „Hochkant“.

Belarus war spannend, mitunter fremd und lehrreich. Eine Episode, die für mich besonders eindrucksvoll war: Gomel – ein von Tschernobyl stark betroffener Ort. Wie gehen die Menschen dort mit der Katastrophe um, deren Folgen noch immer spürbar sind? Meine Story für den Snapchat Account "hochkant" von funk und Radio Fritz.

Posted by Florian Prokop on Sonntag, 27. November 2016

Statt eben Probleme zu benennen, wurde mir Gegenüber oft Dankbarkeit ausgedrückt. Als ich in einem HIV-Präventionszentrum beispielswese explizit nach den „Herausforderungen“ der Einrichtung gefragt habe, erzählte mir die Psychologin dort, wie schön es sei, dass es diesen Raum gebe. So könnte ja überhaupt eine HIV-Prävention stattfinden.

Freundlicher Service ist eine kapitalistische Erfindung

Der größte Teil der Wirtschaft in Belarus ist staatlich organisiert. Die Ticketverkäuferin in der Minsker U-Bahn? Sie hasst dich. Die Kassiererin im Supermarkt? Sie guckt, als möchte sie, dass du stirbst. Der junge Barista in einem der wenigen, hippen Cafés in Minsk? Er. Braucht. Dich. Nicht.

Er braucht dich nicht. Es gibt einfach kaum, beziehungsweise gar keine Konkurrenz. Daher gibt es auch keine Freundlichkeit im Servicebereich. Das Café ist wahrscheinlich das einzige weit und breit – entweder du trinkst deinen Cappuchino hier oder eben nicht. Warum sollte die Frau in der staatlich geführten Metro dir diesen kleinen, pinken Plastik-Coin freundlich reichen – wird sie für Freundlichkeit bezahlt? Nein.

Der Serviceton ist ein Phänomen, das vor allem in kapitalistisch organisierten Gesellschaften praktiziert wird. Wo es keinen Wettbewerb, keine Image-Kampagnen, kein „Einkaufs-Erlebnis“ gibt, wird von den Arbeitern verlangt, dass sie ihren Job machen. Nicht, dass sie dabei Spaß haben oder aussehen, als würden sie ihren Job lieben.

Deutschland, ein Sehnsuchtsort

Von Russland bekommt Belarus günstiges Erdöl und Kredite, beispielsweise um ein Atomkraftwerk an der Grenze zu Litauen zu bauen. Die Abhängigkeit vom ehemaligen, großen Bruder ist groß und in andere Länder gibt es kaum diplomatische Beziehungen – nach Deutschland noch die meisten. In diesem Jahr gab es nach einer fünfjährigen Unterbrechung das erste Mal wieder das „Minsker Forum„, die größte belarussisch-deutsche Dialogveranstaltung.

Für einige Menschen in Belarus scheint Deutschland eine Art Sehnsuchtsort zu sein. Viele Schulen lehren Deutsch als erste Fremdsprache. Wer in Belarus die deutsche Sprache lernt, kann sie offenbar meist erstaunlich perfekt. Bei den wenigsten Menschen, mit denen ich Deutsch redete, hörte ich einen Akzent – auch wenn der überwiegende Teil von ihnen niemals in Deutschland war.

Der moderne Belarusse ist ein Patriot …

Egal wo wir hielten, um Interviews zu führen, wir sprachen über „den modernen, belarussischen Staatsbürger“. Was macht ihn oder sie aus? Auf welche Geschichte beruft er oder sie sich? Welche Eigenschaften vereinen sich in ihm oder ihr?

„Der moderne Belarusse“ war ein allgegenwärtiges Thema. Wenn ich bei Mitarbeiter*innen der Jugendorganisationen nachfragte, hörte ich meistens: „Unseren Kindern soll hier dabei geholfen werden, ordentliche Staatsbürger zu werden.“ Und wo das Gespräch nicht sowieso darauf kam, fragten die drei belarussischen Journalistinnen wie abgesprochen danach, wie die jeweilige Institution nun genau ihren Teil dazu beiträgt, eine moderne, belarussische Identität zu schaffen.

Die nationale Idee soll also popularisiert werden. Das Engagement kommt offenbar von Seiten der Regierung und zieht sich durch Presse, Bildungswesen und Freizeit – die fast ausschließlich innerhalb staatlicher Strukturen verbracht wird, also auch politisiert wird. Dass junge Menschen rumhängen oder selbstständig etwas auf die Beine stellen, habe ich nicht erlebt. Jugendliche werden ständig angeleitet und somit zu Erwachsenen, die ständig Anleitung brauchen.

Über große politische Fragen wollten die belarussischen Kolleginnen nicht mit mir reden. „Um die große Politik möchte ich mich nicht kümmern“, sagte mir eine von ihnen. In einem seltenen Moment, in dem die belarussischen Journalistinnen dann doch etwas offener zu mir waren (unser Reiseleiter von dem ich vermutete, dass er für den Geheimdienst arbeitete, war gerade nicht da) erzählten sie, dass diese Konzentration auf die belarussische Identität seit ungefähr zwei Jahren besonders gewünscht wird. Begonnen hatte das wohl ungefähr zeitgleich mit der Krimkrise. Offenbar gibt es eine gewisse Sorge, Belarus könnte ein ähnliches Schicksal widerfahren wie der Ukraine. „Ein moderner Belarusse ist ein guter Nachbar, ein Bürger, der seine Heimat liebt. Es ist nicht wichtig, wie diese Liebe ausgedrückt wird, nur, dass man im entscheidenden Moment handelt: Für sein Land.“, erzählte mir Igor, der in einer Jugendorganisation in einer belarussischen Kleinstadt arbeitet.

… und dieser Patriotismus hat auch positive Seiten

Auch wenn Menschen, die demonstrieren, eingesperrt würden und es mit einigermaßen großem Aufwand verbunden ist, das Land in Richtung Westen zu verlassen: Es gibt Menschen, die ein anderes, ein offeneres Belarus wollen. Und das sind die, die von sich sagen, dass sie sehr patriotisch sind. Das war für mich erstmal verwirrend, aber es ergibt durchaus Sinn: Konventionell-denkende Menschen in Belarus wünschen sich die Zeit zurück, als es die Sowjetunion noch gab. Für sie ist Russland ein Sehnsuchtsort und sie sprechen ausschließlich Russisch. Größtenteils sind das die Menschen, die im Osten des Landes leben.

Im Westen des Landes beginnen die Menschen, wieder mehr belarussisch zu sprechen, was eher wie polnisch klingt. Sie möchten ein selbstständiges Belarus, das gute Beziehungen zu seinen europäischen Nachbarn pflegt.

Ein Beispiel für diesen positiven Patriotismus ist Mila. Sie studiert in Minsk und war während der gesamten Reise unsere Dolmetscherin. Sie liebt ihr Land trotz aller Probleme, aber würde es gern vorübergehend verlassen – am liebsten nach Deutschland. Mila will dort herausfinden, wie ihre Nation mit ihrer Identität verbunden ist. Denn Nation und Identität – das ist für sie untrennbar. Nach ihrer Rückkehr möchte Mila lehren und helfen, eine Debattenkultur in ihrem Land zu etablieren, die Innovationen fördern kann.

Leicht wird das allerdings nicht für Sie – im nächsten Jahr entscheidet sich, ob Belarus eine Bologna-Reform durchführen kann. Dann wird es für Studierende leichter, beispielsweise durch Erasmus-Programme für längere Zeit in andere, europäische Länder zu fahren.

Dieses eine große Privileg

Nirgends habe ich meine eigenen Privilegien so deutlich gespürt wie in Belarus. Belarus ist eine Diktatur, die die persönlichen Freiheiten ihrer Bürger stark einschränkt – Freiheiten gibt es nur im Privaten.

Ich weiß, ich lebe in einem freien, demokratischen Land. Ich besitze mit dem deutschen Pass den „mächtigsten Reisepass der Welt„, fühle mich allerdings mehr noch als Europäer.

Dennoch: Was diese Privilegien wirklich bedeuten, kann ich erst nach dieser Reise überhaupt im Ansatz verstehen. Ich kann einfach so im EU-Ausland studieren oder arbeiten, würde wahrscheinlich dafür sogar staatlich gefördert. Ich kann als LGBTQ-Mitglied in Berlin relativ offen leben, kann demonstrieren und öffentlich meine Meinung kundtun. Doch so selbstverständlich, wie ich einmal dachte, ist das leider nicht überall.

Außerdem auf ze.tt