„Meine Schulzeit war die Hölle“ – wie ich mich mit ihr versöhnte

Die Schulzeit unserer Autorin war furchtbar. Im Gespräch mit einer Expertin, die Lehrer und Lehrerinnen ausbildet, lernt sie, sie zu verarbeiten.

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Auch Lehrer*innen haben Angst und Wut. © Sensay/photocase.de

Meine Schulzeit war die Hölle: langweilig, frustrierend und demütigend. Sie erschien mir wie eine nahezu unendliche Folter. Das Problem: Zuerst habe ich nicht im Unterricht aufgepasst, weil das Tempo mir zu langsam war. Dann habe ich nicht verstanden, wo wir waren und habe gar nichts mehr gecheckt. Und dann natürlich nicht die Hausaufgaben gemacht, Ärger gekriegt und dadurch noch weniger Lust gehabt, hinzugehen.

Trotzdem lässt mich die Zeit voller Lügen, Angst, Scham und Wut nicht los. Es waren immerhin 13 Jahre. So etwas prägt. Zufällig hörte ich von der Psychologin und Psychotherapeutin Tina Walther-Schubbe, die an der Uni Trier ein Seminar für angehende Lehrer*innen gibt. Ich wollte sie unbedingt treffen. Ich suchte nach Antworten, warum für mich das Schulsystem so unfähig und die Lehrer*innen so ungerecht und lustlos waren. Die Expertin gab mir welche.

Julia Kunze: „Ich hatte immer das Gefühl, dass die Lehrer mich als schlechten Schüler mit Missachtung gestraft haben.“

Tina Walther-Schubbe: „Ja, ich glaube, dass ein Schüler ganz genau merkt, ob ein Lehrer auf ihn schaut und ihn sieht. Wenn ich ein Seminar halte, möchte ich, dass alle das Gefühl haben, sie sind keine Nummer. Zum Beispiel indem ich am Anfang sage: „Niemand sitzt hinter dem Pfosten!“ Denn die Menschen, die sich eigentlich danach sehnen, gesehen zu werden, aber Angst davor haben, übersehen zu werden, setzen sich immer in die letzte Reihe oder hinter den Pfosten.

Wichtig ist, immer dafür zu sorgen, dass man irgendetwas Persönliches über den Schüler weiß, damit man den auch mal ansprechen kann. Du hast vielleicht eine Fünf in Mathe, aber ich weiß: Die Julia, die näht gerne und wenn ich das weiß, dann kann ich fragen: „Sag mal hast du die Bluse selber genäht?“ Dazu brauche ich keine Viertelstunde, um ein großes Gespräch zu führen. Oder: „Wie war dein Fußballspiel am Sonntag?“ So geht Beziehungsaufbau.“

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Psychologin und Psychotherapeutin Tina Walther-Schubbe. © privat

Julia Kunze: „Ich glaube, ich bin eher durch Quatsch machen aufgefallen. Damit wurde ich wenigstens gesehen, aber ich fühlte mich bei jeder Vier wie ein furchtbarer Mensch.“

Tina Walther-Schubbe: „Es ist sehr schwierig umzusetzen, dass ein Lehrer einerseits bewerten muss, andererseits aber nicht persönlich bewertend wird. Eine strenge Trennung zwischen dem Menschen und seiner Leistung ist jedoch sehr wichtig. Viele sagen: Das ist doch selbstverständlich – aber das ist es eben nicht.

Auf einer menschlichen Ebene kann ich verstehen, wenn man als Lehrer sagt: Also wenn ihr hier nicht pariert, dann schreiben wir gleich eine Arbeit. Aber dann werden Noten als Machtinstrument genutzt und nicht mehr als Rückmeldefunktion über den Leistungsstand. Das muss meiner Meinung nach neu eingeübt werden.“

Julia Kunze: „Was hätte ich als Schülerin machen können?“

Tina Walther-Schubbe: „Ich würde Schülern sagen: Identifiziert euch nicht über eure Leistung, habt ein entspannteres Verhältnis zur Fehlerkultur. Viele erleben sich mit einer schlechten Note als bestraft. Wichtig wäre – und da kann jeder bei sich selber anfangen – zu lernen, wie man ein glücklicher Schüler wird! Wenn du sagst: Zwei und Zwei ist Fünf! Dann musst du den Fehler korrigieren, um zu lernen, aber du musst dich nicht schlecht oder schuldig fühlen deswegen. Das muss man vielleicht einüben. In der Psychologie sagt man: „Wir sind nicht unsere Leistung, wir sind auch nicht unsere Gedanken oder unsere Vergangenheit. Wir sollten nicht alle Gedanken glauben, die wir denken.“

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Julia Kunze: Also Abgrenzen und sein Selbstbewusstsein in anderen Dingen aufmöbeln? Aber: Jetzt mal herum gesponnen: Würde man, wenn man Noten von Bestrafung trennt, den Lehrern nicht ganz schön was weg nehmen? Ich hatte das Gefühl, das war immer auch irgendwie Ziel der Lehrer, dass man sich wegen einer Vier oder Fünf mies fühlen soll.

Tina Walther-Schubbe: „Ja, das ist der Missbrauch der Noten. Aber ich glaube, die Lehrer haben genau die gleiche Sehnsucht. Die machen das auch oft nicht so richtig gerne. Ich erlebe viele Lehrer, die, wenn sie jung sind und starten, ambitioniert sind. Und freudig in die Schule gehen. Und sich dann ihre Freude vielleicht nehmen lassen oder resignieren.

Nicht jeder kann Lehrer werden, denn nicht jeder hat das Talent, große Klassen durch solch eine komplizierte Situation zu führen. Aber das ist ein Problem in der Schule: Wenn du den ganzen Tag bewertest – das ist ja das was Lehrer eben viel machen – dann müssen sie sich auch nicht wundern, wenn sie selbst Angst vor Fehlern bei sich haben und streng mit sich sind.“

Julia Kunze: „Klingt gemein, aber das versöhnt mich jetzt, mein alter Physiklehrer tut mir fast sogar ein bisschen Leid. Aber wer ist denn dann schuld – das System?“

Tina Walther-Schubbe: „Wir sind alle Opfer und Täter sozusagen. Ich halte gar nichts davon, auf die Kinder oder das System zu schimpfen. Besser: Dieser Rotzlöffel, der mir den ganzen Unterricht kaputt macht – was hat das mit meiner eigenen Geschichte zu tun? Die Kinder spiegeln uns. Meinen Lehramtsstudenten gebe ich Reflexionsaufgaben: Beschäftige dich mit der Person, die du nicht leiden kannst.

Wenn wir alle mal mit diesem Denken in der Schuldkategorie aufhören würden, fiele der ganze Umgang mit verschiedenen Menschen leichter. Sonst kann man ewig überlegen, wer schuld ist: der Schüler? Die Eltern? Die Lehrerin? Oma und Opa? Viele der heutigen psychischen Probleme sind übrigens meiner Meinung nach zum Teil Spätfolgen von unbearbeiteten Kriegstraumata, die über die Generationen weiter gegeben wurden.“

Julia Kunze: „Aber wie geht man mit jemandem um, den man nicht mag und dem man nicht aus dem Weg gehen kann?“

Tina Walther-Schubbe: „Jeder Mensch sucht Liebe, Anerkennung und einen guten Platz im Leben. Eltern vergeben zum Beispiel Plätze. Aber Lehrer vergeben auch Plätze. Jeder kann eigentlich beschließen, dass er Plätze vergibt. Und dabei geht es wirklich darum, dem Menschen ins Herz zu schauen. Kein Kind benimmt sich freiwillig wie ein Arschloch, jedes Kind will geliebt werden. Deswegen heißt mein Seminar über Entwicklungsstörungen auch: Wenn die Seele nach Hilfe schreit.“

Julia Kunze: „Gibt es da nicht Lehrer, die sagen: Das kann die Schule nicht leisten?“

Tina Walther-Schubbe: „Ja, das Problem kennen wir: Die Eltern gehen arbeiten, die Kinder werden in den Institutionen abgegeben, Lehrer und Eltern sind überfordert. Aber ich kann auch die Kinder verstehen: Sie können nicht einfach „funktionieren“. Auf der einen Seite gibt es so viele Freiheiten wie nie, auf der anderen Seite ist da dieser Leistungsdruck, dieses Bulimielernen, dieses Denken in Leistung und Wirtschaftlichkeit.

Meiner Meinung nach muss dieses Schulsystem irgendwann zusammen brechen. Die Kinder lernen nicht (mehr) die Bedeutung von Liebe, Vergebung, Geduld, Verantwortung, Psychohygiene und Kommunikation. Stattdessen höhere Mathematik – das brauchen wir auch, aber nicht nur. Viel wichtiger sind soziale Kompetenzen, um glücklich zu sein, zufrieden zu sein und Frieden auch ausdehnen zu können. Aber das wird einfach nicht unterrichtet! Das ist doch Wahnsinn!“

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Julia Kunze: „Demnach war mein Gefühl als Kind doch richtig? Ich dachte immer, wir lernen nicht, was wirklich wichtig ist. Außerdem habe ich gewissermaßen die Regeln nicht verstanden, auf die es in der Schule ankommt.“

Tina Walther-Schubbe: „Die Kinder sind total verwirrt: Als ich Kind war, waren die Regeln bei allen Leuten zu Hause ungefähr gleich. Wenn man zu Besuch kam, hat man die Schuhe ausgezogen, man hat Guten Tag gesagt und seine Hand gegeben, man hat nur in der Küche gegessen. Als ich selbst Kinder hatte, hab ich gemerkt: Die einen rennen sofort los, die anderen springen auf dem Sofa, der Dritte sitzt unter dem Tisch.

Irgendwann habe ich kapiert: Ich muss jedem Kind einfach nur sagen: Pass mal auf, wenn du bei uns bist: So und so sind unsere Regeln. Und dann hat das geklappt. In jeder Familie herrschen andere Regeln. Die einen haben schon mit fünf Jahren einen Fernseher in ihrem Zimmer, andere haben gar keinen, es ist in jeder Familie extrem verschieden. Diese Flexibilität verwirrt die Kinder.“

Julia Kunze„Klingt als wären alle überfordert, verwirrt und ängstlich.“

Tina Walther-Schubbe: „Ja und Angst blockiert Vertrauen. Im Grunde gibt es ja nur zwei Grundgefühle: Vertrauen und Angst. Entweder du vertraust und wenn du nicht voll vertraust, bist du schon in der Angst. Und eigentlich sind alle Gefühle wie Stolz, Wut, Ekel, das alles ist Angst. Wir müssen lernen, vertrauensvoll zu denken.“

Julia Kunze: „Wie ist das bei Ihren Studierenden?“

Tina Walther-Schubbe: „Genau so. Ich hab junge Studenten vor mir sitzen, 1. und 2. Semester, hochmotiviert – eigentlich – mögen Kinder, und ich stelle die Frage: Welches Thema wollt ihr bearbeiten? Und die kommen mit: Tipps gegen Burnout. Wo ich sage: Wie kann das sein, wenn ich mich auf einen Beruf freue?

Auf der einen Seite ist es klar: Ich brauche ein gewisses Werkzeug, um mich durchzusetzen in der Schule. Aber: Damit unterstelle ich den Kindern auch gleich etwas Böses, oder dass sie mich angreifen, wenn ich sage: Ich habe Angst, dass die Kinder mich fertig machen. Oder das Schulsystem. Das ist doch kein vertrauensvoller Gedanke. Wie kommt man auf die Idee, so in die Schule zu gehen?“

Julia Kunze: „Okay, der Groschen ist gefallen: Wenn ich dem Schulsystem misstraue, ist das auch kein vertrauensvoller Gedanke. Eigentlich müssten es die ja wissen, die haben die Erfahrung, die wollen, dass die Leute im Beruf bleiben. Dieses Vertrauen hatte ich bisher persönlich überhaupt nicht.“

Tina Walther-Schubbe: „Das Vertrauen muss man gar nicht so sehr ins System haben, sondern in sich selbst. Wie gesagt: Alles fängt mit mir selbst an: Ich gehe in die Schule, ich werde meinen Weg finden, ich werde in Beziehung sein mit den Kindern und ich werde einen Weg finden, der für uns alle gut ist. Das ist für mich Vertrauen.

Auch so die Idee: alles was geschieht, dient mir als Lektion in meinem Lernen und Leben, nicht um mich fertig zu machen, sondern um zu wachsen. Auch der Rotzlöffel steht vor mir, damit ich wachsen kann. Was dann jeder einzelne zu lernen hat, ist natürlich höchst individuell.“

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