Menschen erzählen, wie sie knapp dem Tod entronnen sind

Autounfall, Krankheit, Missgeschick – unser Leben kann schnell vorbei sein. Wir haben Menschen darum gebeten, anonym ihre Geschichten mit uns zu teilen.

Ein Mensch erzählte uns anonym, wie einmal ein Blitz 30 Meter neben ihm in einen Baum einschlug. Symbolbild @ dpa

Meine Mutter dürfte sich noch sehr gut an diesen Tag vor etwa zwanzig Jahren erinnern, als sie fast ihren Sohn verloren hätte. Ich war damals zu klein, um die Tragweite zu begreifen. Aber sie litt tagelang unter dem Vorfall, schreckte in den darauffolgenden Nächten unter Tränen hoch.

Wir waren gerade zu Besuch bei Familienfreund*innen in Amsterdam und bummelten durch die Stadt. Ich tapste in meinem kindlichen Leichtsinn voraus, war mit mir beschäftigt. In meinem Tunnelblick entging mir, dass direkt vor mir ein S-Bahnübergang war und die Bahn sich mit einer Affengeschwindigkeit näherte. Also lief ich weiter. Erst als ich realisierte, dass meine Mutter und unsere Freund*innen schrien, blieb ich stehen und drehte mich zu ihnen um. In diesem Moment schoss die S-Bahn hinter mir vorbei, vielleicht einen halben Meter entfernt.

Es hätte da vorbei sein können mit mir. War es aber nicht. Viele Menschen tragen eine solche Geschichte mit sich herum. Oft rettete nur ein weiterer Zufall ihr Leben. Wir haben sie gebeten, uns anonym davon zu erzählen:

Wie ging noch gleich diese Bauernregel zur Abstandsmessung eines Gewitters? Das dachte ich noch, als ein Blitz 30 Meter neben mir in einen Baum einschlug und ich zu Boden ging.“

„Ich war im Wald mit meiner Cousine. Ich stand zwischen zwei Bäumen und hörte wie etwas fällt, mit einem Ton wie im Comic. Ich weiß nicht warum, aber ich ging einen Schritt zur Seite, als nur wenige Sekunden später ein oberschenkeldicker Stamm auf den Boden knallte – dort wo ich zuvor stand. Vielleicht hat mein Opa auf mich aufgepasst und mich den Schritt zur Seite gehen lassen.“

„Nach einer Routineoperation – einer Gallenblasenentfernung – hat sich innerhalb einer Woche ein tiefes Bauchdeckenabzeß mit etwa einem Liter Eiter gebildet, das mir dann während der zweiten OP geplatzt ist. Danach hab ich 13 Tage im künstlichen Koma auf der Intensivstation gelegen. Meinem Mann und Sohn wurde damals wenig Hoffnung gemacht, dass ich die Sepsis überstehen würde. Ich habe es überlebt. Insgesamt war ich damals acht Monate im Krankenhaus und habe heute, 18 Jahre danach, immer noch Probleme mit Verwachsungen im Bauch, die schmerzen.“

„Ich habe ein Alkoholproblem. Mit mehr oder weniger heimlichem Trinken tagsüber und so weiter. Um meine Beziehung nicht weiter zu gefährden – meine Frau weiß Bescheid, sie kennt meine Traumageschichte und hat irgendwie Verständnis, aber leidet im Stillen dennoch sehr –, habe ich beschlossen, trocken zu werden. Und zwar mit einem kalten Entzug zu Hause. Am zweiten Tag bin ich aufgrund der Entzugssymptome mit einem epileptischen Anfall zusammengebrochen. Hätte meine Frau mich nicht sofort gefunden und in die stabile Seitenlage gebracht, wäre ich an meiner Zunge oder meinem blutigen Erbrochenen erstickt. Ich verdanke ihr und auch ihrem Verständnis mein Leben.“

Vor fünf Tagen hatte ich mit 27 zwei Schlaganfälle. Ich hatte Riesenglück, dass mein Freund das schnell bemerkte und ich ins Krankenhaus kam. Seitdem bin ich auf dem Weg der Besserung und werde glücklicherweise kaum Folgeschäden davontragen.“

„Als mein damaliger Freund mich von hinten gepackt und in den Schwitzkasten genommen hat und meine Füße über dem Boden baumelten. Da hab ich mein Gesicht im Spiegel gesehen und gemerkt wie das Kämpfen wenig hilft. Dieser Moment, mir selbst in die Augen zu sehen und zu denken, war’s das jetzt schon, sterbe ich jetzt, hat mein Leben verändert. Als er mich wieder los ließ, habe ich geschworen, mich nie wieder so behandeln zu lassen. Ich habe mich von ihm getrennt und lebe heute in einer glücklichen Beziehung mit einem Partner, der mich schätzt. Und ich habe mich selbst dadurch lieben gelernt.“

„Ich war in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs und wollte an einer großen Kreuzung geradeaus fahren. Nachdem ich etliche Minuten gewartet hatte, beschloss ich, geradeaus zu fahren, wenn Rechtsabbieger grün haben. Das war ein fataler Fehler, denn ein Lkw hinter mir wollte rechts abbiegen und so fuhr ich ihm direkt vor die Schnauze. Ich konnte gerade noch ausweichen und auf den Bürgersteig fahren, doch der Abstand zwischen dem Lkw und mir war weniger als ein Meter. Ich habe die restliche Fahrt nach Hause bitterlich geweint. Über meinen Leichtsinn, den Schrecken und über den Moment, in dem ich wirklich glaubte, jetzt sei es vorbei. Das war wirklich furchtbar und ich brauchte sehr lange, um mich davon zu erholen. Später stellte sich heraus, dass man als Fahrradfahrer*in auf einen Knopf drücken muss, um geradeaus grün zu bekommen. Jetzt weiß ich das.“

Hatte vor zwei Jahren einen Autounfall, bei dem Millisekunden über Leben und Tod entschieden. Niemandem ist etwas passiert, aber es wären beinahe drei Leute gestorben. Seitdem fällt es mir sehr schwer, in einem Auto zu sein und ich konnte wochenlang nicht schlafen. Langsam komme ich darüber hinweg.“

„Ich bin an offener Lungentuberkulose erkrankt und wog am Tag der Einlieferung ins Krankenhaus nur noch 38 Kilo. Es hat mehrere Monate gedauert, bis man es bemerkt hat. Hätte man das nicht festgestellt, wäre ich heute vermutlich tot.“

„Vor etwas über einem Jahr war ich schwer depressiv und habe Tabletten in einem Schuhkarton gehortet, über 300 Stück, hauptsächlich Psychopharmaka. Ich hatte den festen Entschluss, sie alle zu nehmen. Hatte Abschiedsbriefe geschrieben und alles geregelt. Als alle Tabletten feinsäuberlich vor mir lagen, hab ich beschlossen mir noch eine Chance zu geben und meinen damaligen Freund gebeten, mich in eine Klinik zu bringen. Ich bereue es bis heute nicht.“

„Rheinschwimmen in Basel mit einem der üblichen Wickelfische (Anm.: Ein wasserdichter Badesack, in dem man etwa Klamotten verstauen kann): Eine Boje im Wasser versprach Spaß, ich versuchte mich daran festzuhalten. Dann ging’s unter Wasser, Wickelfisch links, ich rechts der Boje. Zunächst war das lustig, dann jedoch geriet ich ohne Kontrolle und ohne Luft zum Atmen immer wieder mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche. Als ich mich endlich auf die andere Seite ziehen konnte, hing mein Bein an der Kette der Boje fest. Da dachte ich ,Das war’s jetzt‘ und nicht ohne Selbstironie ,Wenn es so zu Ende geht, hast du es wohl nicht anders verdient ‚. Das Bein löste sich aber aus der metallenen Umklammerung. Was blieb, war ein schmerzender Abdruck der Kette auf dem Unterschenkel. Und das Gefühl, Riesenglück gehabt zu haben.“

Im Meer bin ich von einer Welle erfasst worden, die mir meine Schulter ausgekugelt hat. Am Strand bin ich dann vor Schmerzen bewusstlos geworden. Wäre das zehn Sekunden früher passiert, wäre ich nicht mehr aus dem Wasser gekommen.“

„Als ich mit 16 in der Reha war, da sagte mir die Schwester, als ich mich übers Blut abnehmen beschwerte: ,Es wird noch viel Schlimmeres im Leben geben.‘ Sie hatte recht: Mit 22 hatte ich Eierstockkrebs. Ich hab überlebt, bleibe aber kinderlos.“

„Ich fuhr mit meinem Campervan hinter einem großen Wohnmobil, als sich plötzlich das große Kanu auf dem Dach des Wohnmobils löste. Ich konnte nicht reagieren, das Kanu knallte mit dem Bug auf die Strasse und schleuderte dann über meinen Wagen hinweg. Wäre es in die Windschutzscheibe gekracht, wäre das sicher anders ausgegangen.“

Ich habe meine Magersucht besiegt.“

„Bob Dylans Tourbus – mit ihm drin – hätte mich mal fast erwischt. Aber es ist nichts weiter passiert.“

„Tatsächlich schon zweimal. Einmal hatte ich einen Motorradunfall in einer unübersichtlichen Kurve. Ich landete ohnmächtig auf der Gegenspur und es hätte nur ein Auto kommen müssen, dann wäre es vorbei gewesen. Das zweite Mal habe ich auf einen Wespenstich dermaßen allergisch reagiert, dass mein gesamter Körper angeschwollen ist und mir langsam die Luft ausging. Seitdem fahre ich kein Motorrad mehr und trage immer ein Notfallset für Allergiker mit mir spazieren.“


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