Menschen in Berlin stellen sich vor. Nackt

Wie kann man sich am besten mit der eigenen Identität auseinandersetzen? Richtig: nackt. Die Porträtserie über nackte Berliner*innen ist gleichzeitig Kunst und Sozialexperiment.

Du sitzt gerade entspannt zu Hause. Legst gemütlich die Füße hoch und hast wieder einmal Lust, ein gutes Buch zu lesen. Plötzlich klingelt es an der Tür. Du öffnest sie. Eine fremde Person steht vor dir. Sie lächelt, scheint aber irgendwie nervös zu sein. „Ich weiß, wir kennen uns nicht. Aber hast du vielleicht Lust, dich nackt fotografieren zu lassen?“, fragt sie. Äh …?

Was nach dem Beginn eines leicht pornösen Liebesfilms klingt, ist eigentlich ein Fotoprojekt von Martin Gabriel Pavel. Die Idee dahinter: sich ausziehen, man selbst sein, ins Gespräch kommen, etwas von sich und seinem Leben preisgeben. Rund 18 Monate lang wanderte so eine kleine Digitalkamera durch Berlin von Tür zu Tür und brachte völlig fremde Personen einander näher. „Entstanden ist ein ungeschminktes, gesellschaftliches Mosaik von Berlinern und Berlinerinnen und ihren Lebensgeschichten: nackt, intim, ohne gesellschaftliche Grenzen“, sagt der 29-jährige Multimedia-Künstler.

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So funktioniert’s

Ein Beispiel: Stefanie klingelt an irgendeiner, ihr unbekannten Wohnungstür in Berlin. Sie fragt die Person, die ihr die Tür öffnet, ob sie beim Fotoprojekt mitmachen möchte. Im besten Fall lässt sich die Person nackt ablichten und Stefanie lässt nach dem Shooting die Kamera bei ihr zu Hause. Mitsamt der Anweisung, am nächsten Tag genau dasselbe zu tun: eine fremde Person finden, sie nackt in deren privaten Räumlichkeiten fotografieren, und so weiter. Regeln gibt es nur wenige: Der ganze Körper muss abgelichtet werden und die Person entweder komplett nackt oder in Unterwäsche sein. So hielt eine einzelne Kamera die Körper und Wohnungen von 381 Berliner*innen fest.

Wer mitmachte, wurde Teil eines Projekts über Selbstdarstellung und soziale Interaktion. Es bedarf Mut und einer guten Portion Selbstbewusstsein, sich vor jemandem ganz nackig zu machen, den man noch nie zuvor gesehen hat. Wer sich darauf einließ, musste sich zwangsweise mit seinem Körper und der eigenen Identität auseinandersetzen. Denn inszenieren, sollte sich jeder selbst: welche Pose, mit welchen Requisiten und in welchem Raum der Wohnung.

Authentisch und ungefiltert

Einmal die Jagd nach trendigen Klamotten unterbrechen, die Sehnsucht nach Bestätigung abbremsen, sich aus sämtlichen Schutzhüllen schälen und sich die eigene Blöße geben. Das Fotoprojekt zeigt authentische Menschen, die ungeniert und stolz ihre echten Körper vor die Linse halten. Und das wollten mehr Menschen, als Pavel anfangs dachte. Eigentlich sollte sein Projekt nach 365 Fotos enden, für jeden Tag des Jahres eines. Doch die Berliner*innen waren so von der Idee angetan, dass er sein ursprüngliches Limit ausweitete. „Ich sehe es als eine Art Zugabe, so ähnlich wie bei Konzerten. Ich konnte quasi nicht aufhören zu spielen“, erzählt er.

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Für Pavel ist es ein gemeinschaftliches Kunstprojekt, von dem vor allem Menschen angezogen wurden, die ein bisschen rebellieren wollten. Die es satt haben, von der Gesellschaft definiert zu werden und Pause von der ständigen Reizüberflutung brauchen. „Es gibt einen Mangel an echten Emotionen und persönlichen Erfahrungen da draußen. Wir konzentrieren uns entweder zu sehr auf uns selbst oder auf die Meinung anderer. Vor dem Hintergrund einer in Kategorien denkenden Gesellschaft verlieren wir den Anschluss zueinander.“ Diese Kategorien würden von der Wohnungseinrichtung und der Kleidung symbolisiert, sagt Pavel. Für einen Moment legten die Teilnehmer*innen mit der Kleidung auch das Schubladendenken ab. Die Wohnungseinrichtung blieb im Hintergrund, die nackten Körper kamen in den Vordergrund. Die Namen und Informationen zur Person wurden mit Absicht weggelassen, ein bisschen Anonymität sollte letztendlich doch bewahrt werden.

Pavel erzählt, dass viele der Teilnehmer*innen nach dem Shooting Freund*innen wurden. Alles in allem sei das für ihn der bedeutendste Aspekt des Projekts. Pavel selbst lebt mit seinem Hund und zwei Katzen bei seinen Eltern in einer kleinen Stadt in der Nähe von Prag. Insgesamt beschäftigte er sich mit Unterstützung des Fotografs und Designers Marek Kučera mehr als zwei Jahre mit Daily Portrait Berlin. Genau wie die Personen im Buch kannten sich die beiden anfangs nicht. Das letzte Porträt im Buch zeigt Pavel selbst.


Das Buch mit allen 381 Bildern in chronologischer Reihenfolge ihrer Entstehungen kann bis 24. April vorbestellt werden. Nach Ende der Crowdfunding-Kampagne wird es keine Möglichkeit geben, es zu erwerben.

 

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