Minimalismus an Weihnachten: Gemeinsame Zeit ist das beste Geschenk

Geschenke für Heiligabend müssen ausgesucht, gekauft und verpackt werden – und liegen nach Weihnachten doch häufig ungenutzt in der Ecke rum. Wir haben zwei Minimalist*innen nach Alternativen gefragt.

©  arthurbraunstein/ Photcase

Verschenk doch eine gemeinsame Schlittenfahrt statt einer neuen Mütze. © arthurbraunstein/ Photcase

Der ideale Weihnachtsgeschenke-Einkauf sieht so aus: Du hast dir endlich mal rechtzeitig Gedanken gemacht, was du verschenken möchtest – so ab Mitte August. Nach und nach besorgst oder bastelst du Geschenke, die du in wiederverwertbares Ökopapier einpackst. Ende Oktober liegen dann alle Päckchen fein säuberlich unterm Bett in deinem Zimmer.

In Wahrheit passiert folgendes: Du hetzt mit tausenden anderen Menschen an einem Adventswochenende von Laden zu Laden. Draußen frierst du dir den Arsch ab, in den Geschäften rinnt dir der Schweiß in deine Daunenjacke. Völlig entnervt hast du nach zwei solchen Wochenenden alles mögliche einkauft und weißt bei der Hälfte nicht mal, ob sie denen gefallen werden, die du beschenken willst. Dafür hast du aber immerhin jede Menge Geld ausgegeben.

Genau genommen 280 Euro. So viel wollen die Deutschen dieses Jahr durchschnittlich für Weihnachtsgeschenke ausgeben. Und häufig etwas verschenken, was die oder der Beschenkte nicht gebrauchen kann. Das zeigte etwa eine Umfrage aus dem Jahr 2014. Gut die Hälfte der 1.000 Befragten gab an, dass sie mindestens ein Geschenk bekommen hätte, mit dem sie gar nichts anfangen konnte.

Aber wird nicht erwartet, dass man zu Weihnachten Dinge verschenkt, weil es schließlich schon immer so war? Und gibt es Alternativen? ze.tt hat mit Minimalist*innen und einem Unternehmer gesprochen und nach Alternativen gefragt.

Minimalistische Alternativen

Einige der Gutscheine auf „Zeit statt Zeug“. Die Zahl links oben zeigt an, wie oft der Gutschein schon verschenkt wurde. © Zeit statt Zeug

Warum schenkt man den Menschen, die man am meisten lieb hat, nur Zeug, das rumsteht und verstaubt“, fragt Michael Volkmer (51), Inhaber der Agentur Scholz und Volkmer. „Das ist auch eine wahnsinnige Ressourcenverschwendung.“ Zum Beispiel würde ein Drittel der Kleidung, die wir besitzen, nur im Schrank rumliegen. „Gleichzeitig fehlt uns am Ende durch den ganzen Einkaufsstress oft die Zeit, gemeinsam einen schönen Abend zu verbringen“, sagt er. 

Das brachte ihn vor gut vier Jahren auf die Idee, eine Alternative zu entwickeln. Er erstellte mit seinen Kolleg*innen die Website „Zeit statt Zeug“. Die Idee dahinter: Statt Dingen verschenkt man gemeinsame Zeit, zum Beispiel eine Nackenmassage statt eines Schals oder einen gemeinsamen Kochabend statt eines Kochbuchs.

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Der Unterschied zu herkömmlichen Gutscheinen, die häufig ebenso verstauben wie Geschenke: die Gutscheine lassen sich erst verschicken, wenn man einen Termin festgelegt hat. „Das ist ein kleines, aber entscheidendes Detail“, sagt Volkmer, der selbst gerne gemeinsames Wandern verschenkt. „In der Sekunde, wo es um Zeit geht, muss ich mir selbst Gedanken machen, wann ich das eigentlich mache – und es wird verbindlicher.“ 

Bislang wurden gut 160.000 Gutscheine verschenkt, am häufigsten der Gutschein, bei dem man eine eigene Idee verschenken kann. Seine Firma verdient an „Zeit statt Zeug“ nichts. „Ich mache das aus voller Überzeugung“, sagt Volkmer. „In diesem Wahnsinn, in dem wir leben, brauchen wir Alternativen.“

Gar nichts verschenken?

Es gibt aber durchaus noch andere Möglichkeiten, sagt Olivera Svrzic, die den Minimalismus-Stammtisch in Berlin initiiert hat. „Man kann Weihnachten auch aktiver und interessanter gestalten, als oftmals üblich ist„, sagt sie. Da wird erwartet, dass man sich gemeinsam tagelang in der Wohnung oder dem Haus aufhält, aufwendige Mehr-Gänge-Menüs kocht und jede Menge Geschenke ausgetauscht werden. Ihr wichtigster Tipp ist daher: „Sich frühzeitig mit der Familie zusammensetzen und darüber sprechen, welche Vorstellungen alle Beteiligten in Hinblick auf die Gestaltung des Weihnachtsfestes haben und was eventuell vereinfacht werden kann.

Vielleicht reicht ein einfacheres Essen, weniger oder gar keine Geschenke. Dafür ist freilich nicht jeder offen. „An Weihnachten treffen ja meist drei Generationen aufeinander, nicht alle finden ein Fest ohne Geschenke toll.“ Und es geht ihr auch nicht darum, die Freude am Schenken zu vergällen. „Das ist ja ein Zeichen, dass man jemanden mag und es ihm zeigen möchte“, sagt sie. Doch der ganze Stress mit Einkaufen und Verpacken würde es gerade an Weihnachten zu etwas Negativem machen.

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Sie empfiehlt Ähnliches wie Volkmer: Gemeinsame Erlebnisse oder Hilfe verschenken. Der Großmutter kann man auch anbieten, im Garten zu helfen oder den Keller auszumisten. „Das kann vielleicht etwas die Romantik rausnehmen, wenn man sowas vor Weihnachten schon bespricht – aber man gibt im Gegenzug Vorfreude“, sagt sie.

Auch wenn man vielleicht als Minimalist*in andere Vorstellungen hat – jeder freut sich über etwas anderes, sagt sie. „Das muss man respektieren.“ Wer sich für die neuesten Accessoires interessiert und sich nicht für gemeinsame Aktivitäten begeistern lasse, dem solle eben damit eine Freude gemacht werden.

„Ich schenke Zeit“

Christof Herrmann, der das Minimalismus-Blog Einfach bewusst betreibt, hat klare Prinzipien für Geschenke an Heiligabend. „Ich schenke nur denen etwas, mit denen ich Weihnachten tatsächlich feiere“, sagt er. „Ihnen schenke ich jeweils ein Geschenk. Dadurch wird es überschaubar.“ So braucht er nur fünf oder sechs Geschenke. „Generell finde ich Geschenke gut, von denen ich weiß, dass sie auch gebraucht werden“, sagt er.

Seinen Geschwistern schenkt er Zeit. Er wohnt in Nürnberg, seine Schwester in München. „Ich fahre zum Beispiel zu ihr und meinem Neffen und habe drei Tage nur für sie“, sagt er. Seine Logik dahinter: „Wenn man Dinge kauft, muss man Geld dafür ausgeben. Und für dieses Geld muss man arbeiten. Der Geschenkekauf kostet Zeit. Das ist Zeit, die am Ende fehlt, um sinnvollere Dinge zu tun, zum Beispiel Zeit mit seinen Lieben zu verbringen.“