Start-up aus Marzahn schickt Rover auf den Mond

Tausende Menschen waren an den Mond-Missionen der Nasa beteiligt. Die PT Scientists sind nur 16 – und wollen von Berlin-Marzahn aus den Mond erobern.

Es begann alles mit einem Unfall. Für den Totalschaden an seinem Auto bekam Robert Böhme 16.000 Euro von der Versicherung. Er hatte keine Ahnung, was er damit anstellen sollte, bis ihm ein Freund 2008 eine Mail schickte: Guck dir das doch mal an. Das war die Ausschreibung für den Google Lunar XPRIZE. Das Preisgeld: 30 Millionen Dollar. Die Aufgabe: Einen Rover auf den Mond schicken und 500 Meter weit fahren lassen.

Robert Böhme ist eigentlich Informatiker, aber Raumfahrt fasziniert ihn. Der Wettbewerb gab ihm den Ansporn, sich auf ein verrücktes Experiment einzulassen und als Privatperson eine Raumfahrtmission zu starten. Damit will Böhme ein Vorbild sein und die Menschen motivieren, sich mehr zuzutrauen. Wenn einer wie er, der kaum eine Ahnung von Raumfahrt hat, eine Mondmission starten kann, warum sollen dann nicht auch noch ganz andere Dinge möglich sein?

Ich habe so viele Menschen getroffen, die sich nichts zutrauen. Entscheidend ist, anzufangen.“

Ohne lange zu überlegen, stellte er ein Team zusammen und legte los. Aber wo fängt man an? „Können wir ’ne Rakete bauen? Kann man, ist aber schwer. Lassen wir. Können wir Triebwerke bauen? Nee, ist auch schwer. Lassen wir auch“, berichtet Böhme von den ersten Planungen.

Das Landemodul Alina bietet zwei Rovern Platz. Außerdem nimmt es Equipment von anderen Wissenschaftlern mit zum Mond. © ze.tt
Das Landemodul Alina bietet zwei Rovern Platz. Außerdem nimmt es Equipment von anderen Wissenschaftlern mit zum Mond. © ze.tt

Gepäckgebühr: 700.000 Euro pro Kilo

Weil sie in den ersten Jahren nur in ihrer Freizeit tüftelten, tauften sie ihr Start-up Part-time Scientists, Teilzeitforscher. Arbeiten im Batman-Style, nennt es Robert Böhme: tagsüber Mitarbeiter im Brotjob, abends schlüpfen sie in ihre zweite Identität als Raketenwissenschaftler. Erst nach fünf Jahren konnte der erste Mitarbeiter in Vollzeit angestellt werden. Inzwischen arbeiten 16 Angestellte in einem großen Flachbau in Berlin-Marzahn und der Name ist auf PT Scientists geschrumpft.

Das Geld für Gehälter und Technik kommt vor allem von Partnern wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Sponsoren. Außerdem verkaufen sie auch Platz für Fracht. Falls ihr das nötige Kleingeld habt: Ab 700.000 Euro pro Kilo seid ihr dabei. Anfangs gab es viele kleinere Spenden, inzwischen wird das Projekt von zwei Hauptsponsoren unterstützt: Audi, weshalb der Rover mit vollem Namen Audi lunar quattro heißt, und Vodafone. Mit dem Mobilfunkkonzern wollen sie die erste LTE-Basisstation im Weltall errichten.

Ein Rover aus dem Drucker

Die Entwickler haben mehrere Modelle des Rovers gebaut, dazu ein Landemodul namens Alina (Autonomous Landing and Navigation Module). Zum Teil besteht der Rover aus 3D-gedrucktem Aluminium. Durch das Verfahren können die Entwickler dem Material alle möglichen Formen geben und sparen so Gewicht.

Allerdings machte die neue Produktionsmethode Böhme zunächst noch Sorgen. Er befürchtete, dass die Bauteile beim Rütteltest zerbröseln würden. Um die Kräfte zu simulieren, die beim Raketenstart auf die Geräte wirken, wurden sie auf einer speziellen Platte durchgeschüttelt. Glücklicherweise überstanden die wichtigsten Teile den Test unbeschadet.

Ein riesiges Schaltpult ist nicht nötig, um den Rover zu steuern. Ein Touchpad reicht. © ze.tt
Ein riesiges Schaltpult ist nicht nötig, um den Rover zu steuern. Ein Touchpad reicht. © ze.tt

Kommendes Jahr sollen Alina und zwei Rover zum Mond fliegen, dafür haben die PT Scientists einen Platz in einer Rakete gebucht. Um den Preis zu gewinnen, müsste die Mission allerdings noch 2017 starten. Doch der Wettbewerb ist den Entwicklern inzwischen nicht mehr wichtig. Ihnen geht es darum, dass die Mission ein Erfolg wird.

Das Preisgeld nütze einem ohnehin nichts, weil man es ja nicht vorab bekäme, sagt Böhme und lacht. „Geh mal zur Bank – ich hab’s probiert! – du kriegst diese 30 Millionen Dollar nicht vorab als Kredit.“ Und am Ende reichten auch 30 Millionen Dollar nicht, um eine Mondmission zu finanzieren. Böhmes Ziel: unter 50 Millionen bleiben. „Das wäre schon sehr, sehr günstig für die Raumfahrt.“

Leben auf dem Mond

Wenn mit den Rovern tatsächlich ein LTE-Netz auf dem Mond errichtet werden könnte, wäre das vielleicht auch ein erster Schritt zum Moon Village. Das ist eine Vision von Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtbehörde: Ab 2024 sollen Menschen auf dem Mond leben und arbeiten. Internet könnten sie da gut gebrauchen.

So könnte das Moon Village aussehen. Das bringt aber auch Fragen auf, wie diese: Wenn es ein Dorf auf dem Mond gibt, wird es dort dann auch einen Bürgermeister geben? © ESA/Foster + Partner
So könnte das Moon Village aussehen. Das bringt aber auch Fragen auf wie diese: Wenn es ein Dorf auf dem Mond gibt, wird es dort dann auch eine*n Bürgermeister*in geben? © ESA/Foster + Partner

Alles bloß eine Schnapsidee? Und wenn schon! Es brauche mehr positive Visionen für die Zukunft, findet Böhme. Deshalb gefällt ihm Star Trek so gut: „Keine Dystopien, keine Zombie-Apokalypsen, keine Klonkriege, sondern einfach: Man lebt als bessere Menschheit zusammen und erlebt neue Abenteuer.“ Star Wars-Fans dürfen sich aber auch bewerben.

Braucht der Rover Scheibenwischer und wie nerdig muss man sein, um so ein Projekt überhaupt zu starten? Wenn ihr mehr über die PT Scientists erfahren wollt, könnt ihr das Interview mit Gründer Robert Böhme in voller Länge hier anschauen: