Mit Alkohol gegen den Druck im Studium: „Ich brauche das jetzt einfach“

Leistungsdruck, Eigenverantwortung und fehlende Kontrolle – riskanter Alkoholkonsum bei Studierenden ist ein echtes Problem.

„Aus zwei Gläsern wurden dann drei, vier Gläser, die ich gebraucht habe, um mich zu entspannen.“ Quelle: Unsplash / CC0

„Jeden Abend Rotwein war so normal wie der Kaffee am Morgen“, erzählt Miriam*. Sie studiert Jura in Hamburg. Täglich hat sie Alkohol getrunken, um ihren Alltag zu organisieren und dem Leistungsdruck gerecht zu werden. In der Nacht lernen, am nächsten Tag im Nebenjob arbeiten, einkaufen, aufräumen, wieder lernen: Alles habe sich in ihrem Kopf angestaut. „Ich brauche das jetzt einfach“, hat sie sich dann gesagt und auf dem Heimweg von Uni oder Arbeit noch einen Wein beim Kiosk mitgenommen. Mit dem Tunnelblick des Betrunkenseins sei ihr alles ein bisschen einfacher erschienen.

Miriam fällt damit in die Kategorie der sogenannten riskant Konsumierenden. Davon spricht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wenn der tägliche Konsum bei Frauen 12 Gramm reinen Alkohols überschreitet, das sind etwa 0,125 Liter Wein oder 0,25 Liter Bier. Bei Männern gilt die doppelte Menge.

Das Robert-Koch-Institut hat in einem Forschungsbericht von 2016 festgestellt, dass der Anteil jener riskant Konsumierenden in der Altersklasse von 18 bis 29 Jahren am höchsten ist. Den größten Teil machen dabei Studierende aus, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Jahr 2015 ermittelt hat.

Die Kehrseite der Eigenverantwortung: Niemand merkt, wenn du zu viel trinkst

In den ersten Monaten sei es noch einfach gewesen, erzählt sie. Ihr Umzug nach Hamburg war unkompliziert, sie fand schnell eine Wohnung, die ersten Wochen an der Uni waren entspannt. Das Studium erschien mehr wie ein langer Urlaub. „Nach zwei, drei Monaten kam ich dann aber in eine Alltagsroutine. Da fiel mir auf, dass es doch nicht so einfach war ohne Eltern, die mir sagen wo‘s langgeht.“ Darüber sprechen wollte sie allerdings nicht.

Studierenden fehlt es an sozialer Kontrolle durch Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte, wie es in der Ausbildung der Fall ist.“ – Marion Laging

Marion Laging kennt dieses Phänomen. Sie forscht an der Hochschule Esslingen zu Theorien und Konzepten der Suchtprävention und erklärt gegenüber ze.tt: „Studierenden fehlt es an sozialer Kontrolle durch Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte, wie es in der Ausbildung der Fall ist.“ In der Anonymität der Unis falle es kaum auf, wenn sie morgens verkatert kommen oder überhaupt nicht erscheinen. Stress und Leistungsdruck verschlimmern das Phänomen.

Wichtig ist, sich das Problem einzugestehen und darüber zu sprechen

„Aus zwei Gläsern wurden dann drei, vier Gläser, die ich gebraucht habe, um mich zu entspannen.“ Nach fast einem Jahr war es dann zu viel. Morgens wachte sie verkatert auf, die meiste Zeit des Tages verbrachte Miriam im Bett. Zu den Prüfungen hat sie sich erst gar nicht angemeldet. „Da war mir klar, dass ich etwas ändern muss.“

Über die Semesterferien ist sie zu ihren Eltern gefahren. Mit ihnen hat sie über ihr Problem gesprochen. Zwei Monate hat sie zu Hause verbracht – ohne Alkohol und mit Distanz zum Studium. „Meinen Freunden an der Uni habe ich nichts davon erzählt. Da war die Scham zu groß.“

Bei riskantem Alkoholkonsum ist es laut BZgA wichtig, sich das Problem einzugestehen und das Gespräch zu suchen – im Zweifel bei Suchtberatungsstellen. Um dem Problem vorzubeugen, hat Marion Laging in Esslingen das Programm echeckup to go implementiert. Online und anonym können sich Studierende dort anmelden und erhalten auf Basis mehrerer Fragen ein Risikoprofil mit entsprechenden Notfallrufnummern und Unterstützungsangeboten.

„Mit dem klischeehaften Studierenden-Party-Lifestyle hatte das alles sicherlich nichts mehr zu tun.“ Feiern geht Miriam auch heute noch. Meistens trinkt sie dann Cola. Hin und wieder gehe auch Bier oder Wein, sagt sie, aber niemals alleine.

Wenn ihr der Stress zu viel wird, telefoniert sie lange mit ihrer Familie. Deren Rückhalt habe sie wahrscheinlich vor einer ernsthaften Alkoholsucht bewahrt. Deshalb könne sie nur jedem*r raten darüber zu sprechen, zumindest mit der Familie, auch wenn es erst mal schwer fällt. „Im Nachhinein finde ich es beängstigend, wie schnell und unbemerkt man abrutschen kann. Ich hätte mir das nie zugetraut.“

*Name geändert


Hilfe holen

Wenn du an einer Suchterkrankung leidest, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen.

Eine weitere Anlaufstelle ist die Sucht & Drogen Hotline der BZgA, die rund um die Uhr unter der Telefonnummer 01805 313031 zu erreichen ist. Die Nummer ist kostenpflichtig: 0,14 €/Min. a.d. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.

Wo sich Beratungsstellen vor Ort befinden kannst du hier herausfinden.

Bei Fragen zur Suchtvorbeugung kannst du dich montags bis donnerstags zwischen 10 und 22 Uhr, sowie freitags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr beim Beratungsdienst der BZgA zur Suchtprävention unter 0221 892031 melden.