Mit diesen Lügen versaut Hollywood dein Liebesleben

Weil wir ohne dieses ganze überhöhte Romantik-Gedöns alle ein besseres Liebesleben haben könnten, nehmen wir hier die gängigsten Hollywood-Klischees auseinander.

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Klassiker: In "Waiting For Forever" verlieben sich Emma (Rachel Bilson) und Will (Tom Sturridge) ineinander und werden glücklich. Hollywood belügt uns alle! © capelight pictures

Es kann herrlich sein, sich romantische Komödien anzugucken – so lange klar ist, dass es sich nicht um Realität handelt. Leider haben sich aber in den vergangenen Jahrzehnten so einige Hollywood-Klischees in gesellschaftlichen Vorstellungen und Köpfen festgesetzt und verkomplizieren alles.

Diese 10 Liebeslügen hat dir Hollywood eingetrichtert:

Vom Winde verweht
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1. Du triffst die Liebe deines Lebens im Flugzeug oder im Zug

Meg Ryan setzt sich in „French Kiss“ wutentbrannt in den Flieger, um ihrem untreuen Ex-Verlobten nach Frankreich zu folgen und schicksalhafterweise sitzt natürlich ausgerechnet der Franzose neben ihr, in den sie sich später verlieben wird. Was aber beide nicht ahnen, sonst wäre der Film ja vorbei.

Realität:

Ich bin schon unzählige Male geflogen oder mit dem Zug gefahren und saß bisher ein einziges Mal neben einem charismatischen Fremden und der war glücklich verheiratet. Auf Langstreckenflügen bin ich schon ob eines Sitznachbarn ohne beißenden Körpergeruch verzückt. Die meisten Paare lernen sich übrigens auch in Zeiten von Weltreisen und Online-Dating immer noch ganz schnöde durch den Freundeskreis, in Bars, durch Hobbys, die Uni oder den Job kennen.

2. Er kann keine Gefühle zeigen, weil er ein Mann ist

Harte Schale, weicher Kern – und die Aufgabe der verliebten Person ist selbstverständlich, besagten Kern mit allerlei guten Taten und unter großen Opfern mühevoll freizukratzen.

Realität:
„Manchen Männern fällt es schwerer, als Frauen Gefühle zu zeigen, weil sie so sozialisiert wurden, dass schwache Gefühle peinlich sind (…) Diese Männer zeigen ihre Zuneigung oft mehr durch Taten als Worte“, erklärt Diplom-Psychologin, Autorin und Beziehungs-Expertin Stefanie Stahl. Ein anderer möglicher Grund kann jedoch sein: Er zeigt keine Gefühle, weil er leider keine für dich hat. Außerdem existieren Männer, die zu ihren Emotionen stehen und sie ziemlich gut handeln können. Wirklich.

3. Wenn zwei sich ständig streiten, sind sie unsterblich verliebt

Doris Day
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Was sich neckt, das liebt sich – kann halt nur leider aus unerfindlichen Gründen nicht zu Gefühlen stehen und muss deshalb bis zum plötzlichen Happy End erbarmungslos aufeinander rumhacken. Ein Evergreen, schon bis über die Schmerzgrenze hinaus strapaziert in allen Filmen mit Doris Day und Rock Hudson.

Realität:
Wenn zwei Leute sich ununterbrochen zoffen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sich entweder schlicht nicht leiden können – oder ausgeprägte emotionale Probleme haben. Stefanie Stahl: „Das zeigt nur, dass mindestens einer, wenn nicht beide, psychisch wenig gefestigt ist. Durch den ständigen Wechsel von Nähe und Distanz kann sich die Beziehung sehr aufregend und verliebt anfühlen. Aber auf die Dauer geht das nicht gut.“

4. Er oder sie wird sich für dich ändern, ganz bestimmt

Wenn du nur lange und fest genug daran glaubst, alles erträgst und durchhältst, dann passiert eines Tages ein Wunder und der schwierige Mensch, in den du dich verliebt hast, ist jemand anders. Natürlich ein besseres, optimaleres, kompatibleres Modell. Auch ein sehr gängiges RomCom-Konzept.

Realität:
Einerseits bildet das den Nährboden für alle Arten von durch Missbrauch geprägte Beziehungen. Das kann ungesund und sogar gefährlich werden. Andererseits ist die Chance auf echte Veränderung gering. „Letztlich haben wir auf das Verhalten des Partners keinen direkten Einfluss. Der einzige Mensch, auf den wir Einfluss nehmen können, sind wir selbst“, sagt die Beziehungs-Expertin, „außerdem möchte jeder Mensch so angenommen werden, wie er ist.“ Anders gesagt: Erfüllende Liebe basiert auf Akzeptanz und Respekt. Und zwar beidseitig.

5. Du musst um die Liebe kämpfen!

Im Grunde recht ähnlich wie Punkt vier. Auch, wenn bei euch seit Ewigkeiten alle Zeichen auf Sturm und Streit stehen, wenn das Vertrauen in Trümmern liegt oder unvereinbare Lebensentwürfe kollidieren – einfach nur immer weiter kämpfen, ohne Rücksicht auf Verluste. Am Ende wird deine Leidensfähigkeit mit immer währender Liebe und unendlicher Glückseligkeit belohnt. Nicht wahr?

Realität:
Nicht! Wahr! „Wenn einer der Partner nicht willig ist, sich wirklich auf die Beziehung einzulassen, dann bewirkt ein Kampf, dass er sich unter Druck gesetzt und eingeengt fühlt“, sagt die Diplom-Psychologin, „das geht also meist nach hinten los.“ Selbstredend sollst du nicht bei jeder Krise sofort die Flucht ergreifen. Aber es kann der Punkt kommen, an dem die Liebe nur noch weh tut. Spätestens dann ist es Zeit zu gehen – aller Leidenschaft zum Trotz. Außerdem kämpfe man oft gar nicht um den/ die Partner*in, sondern ums eigene Selbstwertgefühl. Stahl: „Keiner geht nämlich gern mit einer ‚Niederlage‘ vom Platz.“

[Außerdem auf ze.tt: Diese Beziehungstipps hätte ich mir vor meiner Scheidung gewünscht]

6. Er oder sie wird ewig auf dich warten oder umgekehrt

Jahrzehnte nach dem Schulabschluss/ der Trennung/ deinem Umzug in eine andere Stadt trefft ihr euch wieder und stellt nach einer Weile fest: Es ist alles wie früher nur viel, viel besser! Und schon seid ihr happy forever. Weil Bestimmung und so.

Realität:
Davon abgesehen, dass wir alle älter werden und uns nicht nur äußerlich verändern, sondern auch unsere Persönlichkeiten, gibt es zuweilen eine Art Zeitfenster, in dem sich Menschen näher kommen können. Weil einfach die Umstände gut passen und beide im Flow sind. Danach entwickeln sich ihre Leben wieder auseinander.

7. Aus einer Affäre wird eine Ehe – wenn ihr füreinander bestimmt seid

Es beginnt am Arbeitsplatz, in einer Bar oder sonstwo als leidenschaftliche Affäre – aber weil das Schicksal euch füreinander auserwählt hat, endet es nach einigem Hin- und Her selbstverständlich vor dem Traualtar. Er oder sie wird sie oder ihn auf jeden Fall für dich verlassen. Denn gegen Bestimmung sind wir alle machtlos!

Realität:
Es gibt Fälle, da kann die Leidenschaft noch so überwältigend und die Zuneigung noch so tief sein und ihr kommt trotzdem nicht zusammen. Das kann viele Gründe haben: Verantwortung für eine Familie, die nicht kaputtgehen soll, unterschiedliche Lebensentwürfe, Schwäche, Bequemlichkeit. Es ist einfach die Ausnahme. Die meisten bleiben mit verwundetem Herzen zurück.

8. Er oder sie wird dich nie betrügen, obwohl er oder sie seine*n Partner*in für dich verlassen hat

Du bist etwas ganz Besonderes und ihr seid ja nun mal füreinander bestimmt und alles läuft super, darum bleibt er oder sie dir natürlich immer und ganz von selbst treu. Gar keine Frage.

Realität:
Nehmen wir an, du bist die Ausnahme und er oder sie hat tatsächlich nach einer Affäre seine*n Partner*in für dich verlassen – glaubst du wirklich, diese Untreue bliebe das einzige Mal? In jede Beziehung kehrt früher oder später die Routine ein und frisst Herzklopfen und Nervenkitzel. Und dann? Wer einmal diese moralische Grenze überschritten hat, tut es wahrscheinlich wieder. So ähnlich sieht es auch die Diplom-Psychologin: „Wenn jemand ein Problem mit festen Beziehungen hat – und das sind gar nicht mal so wenig – liegt ein Seitensprung oder eine Affäre nahe. Das hängt auch vom Charakter und der Ehrlichkeit der Person ab.“

9. Wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind, dann müssen sie zusammen sein

Wie wir ja nun mittlerweile alle wirklich verstanden haben, seid ihr einfach füreinander bestimmt. Und darum darf und kann nichts und niemand zwischen euch kommen!

Realität:
„Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Liebe und Beziehung haben vor allem etwas mit den persönlichen Entscheidungen zu tun, die ich treffe“, sagt Stefanie Stahl. Und es gibt Menschen, die sich zwar innig lieben, aber allein bei der Vorstellung eines gemeinsamen Lebens Ausschlag und Atemnot bekommen. Einfach, weil sie konträre (Wert-)Vorstellungen und Lebenssituationen haben, die sich nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten vereinbaren lassen. Wenn zum Beispiel eine*r von beiden unbedingt noch Kinder will und der/ die andere genau das eben nicht will oder kann. Da hilft selbst die größte Bestimmung nichts.

[Außerdem auf ze.tt: Warum Langzeit-Singles die perfekten Partner sind]

10. Wenn ihr erst mal verheiratet seid, ist alles für immer gut

Miss Piggy und Kermit heiraten
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Wer es bis zum Traualtar geschafft hat, den erwartet ein friedliches, erfülltes. glückstriefendes Leben. Allerdings hören an dieser Stelle die meisten Schmachtfetzen einfach auf. Tja, warum wohl?

Realität:
Die Ehe an sich hat wenig mit Romantik zu tun und die Konflikte, die man im Alltag gemeinsam lösen muss, sind eher so auf Geschirrspüler vergessene Kakaobecher als passionierte Herzens-Entscheidungen. Ehe (oder eine lange Lebenspartnerschaft) ist harte Arbeit und eine tägliche Entscheidung für einen Menschen, obwohl er oder sie schon wieder Chips im Bett gegessen hat.

Und warum halten wir an diesen Klischees fest?

Schuld ist die Sehnsucht nach Romantik, einem besseren Leben und einer gerechten Welt, in der alles einen Sinn ergibt. Und ein Stück weit mangelnde Eigenverantwortung. „Dahinter steckt der kindliche Wunsch, dass ‚Mama und Papa‘ alles regeln, sprich im erwachsenen Leben halt ‚die Bestimmung'“, erklärt Beziehungs-Expertin Stefanie Stahl.

Schluss damit!

Liebe ist so vielfältig und komplex wie die Herzen der Menschen. Sie kann kommen und gehen, sich verändern. Und füreinander bestimmt sein ist Bullshit. Aber man kann sich durchaus füreinander entscheiden und miteinander wachsen.

Hollywood schürt zu Unterhaltungszwecken überhöhte Erwartungen. Ein Film endet nach 180 Minuten. Das Entscheidende passiert danach.

Bullshit
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Für weitergehende Informationen empfiehlt die Autorin die einzige Hollywood-Romantik-Komödie, die nicht ganz so voller Bullshit ist: