Mit diesen zehn Internet-Horror-Storys wird Halloween noch gruseliger

Du hast alle Horror-Filme durch? Nichts kann dich mehr schocken? Im Netz finden sich noch einige Gruselgeschichten mit Gänsehaut-Garantie.

Screenshot: Poppy/Youtube

Wer ist Poppy? Niemand weiß es. Poppy ist zumindest ziemlich gruselig. Screenshot: Poppy/Youtube

Halloween steht vor der Tür. Als dem traditionell vor allem in Amerika etablierte Fest vor einigen Jahren der Sprung nach Deutschland gelang, wirkte das für viele wie die Verwirklichung eines Kindheitstraums: Endlich durfte man als Zombie verkleidet durch die Gegend ziehen, Süßigkeiten bei den Nachbarn sammeln und sich kindlichem Übermut hingeben. Und obendrein lieferte das Fernsehen zu Halloween für die gruselig-schöne Atmosphäre Horrorfilme mit meist herbstlichen Bildern und parabelartigen Geschichten.

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Doch wie alle ekstatisch gefeierten heidnischen Feste, wurde Halloween in Deutschland vom Kommerz eingeholt. Nach ein paar Jahren kennt man das immer gleiche Fernsehprogramm auswendig und auch das Horror-Regal in den örtlichen Videotheken gibt nichts mehr her, das einen noch schocken könnte. Aber keine Angst, es gibt noch viel Stoff für Angst-Abende vor dem Bildschirm: Das Internet bietet frischen Horror-Content.

In den letzten Jahren kam es zu einer regelrechten Flut an Videos und Geschichten von jungen Autor*innen und Künstler*innen, die meist aus eigener Tasche und mit so wenig Aufwand wie möglich Schauermärchen produzieren, die ihren Big-Budget Gegenstücken in nichts nachstehen. Hier kommen zehn Empfehlungen.

Collin Henson / Ben’s Playhouse

Collin Henson ist ein ganz normaler Typ. Mitte 20, etwas phlegmatisch, durchschnittlich attraktiv. Collin hat jetzt auch Vine und lädt erstmal ein paar lustige Clips hoch. Zum Beispiel wie laut seine Nachbarn sind. Und wie beschissen es ist, wenn einem „mittendrin“ das Toilettenpapier ausgeht. Ganz normale Vines – bis Collin sich entschließt, die örtliche verlassene Irrenanstalt auszukundschaften. Und sich plötzlich in der Ecke eines Videos etwas bewegt.

„Ben’s Playhouse“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Serie zuerst ausschließlich über Vine und Twitter erzählt wurde – Micro-Fiction sozusagen, die sich auf das Allernötigste beschränkt und in Minimalismus seine Stärke findet. Auch die folgende Weiterführung der Serie auf Youtube tat dem Schrecken keinen Abbruch. Und dabei ist bis heute nicht klar, ob „Ben’s Playhouse“ nicht noch im ersten Akt einer größeren Erzählung feststeckt.

Poppy

Youtube ist längst Spielmittel der großen Konzerne geworden. Werbung und Promotion-Strategien verbergen sich hinter jeder Ecke. Da ist es durchaus sympathisch, dass Poppy, aufkommender Popstar aus Los Angeles, ihren Fans zuckersüße Videos im Tagesrhythmus schickt. „I love you“, flötet sie immer wieder vor pastellfarbenem Hintergrund, „don’t forget to subscribe.“

Aber etwas stimmt nicht. Poppy ist – auch für einen Popstar – zu steril und kalt. Hinter ihrem Lächeln scheint sich etwas Abgründiges zu verbergen. Bald verändern sich die regelmäßigen Interviews (die von einer anonymen Schaufensterpuppe geführt werden) und Poppy sieht sich mit immer absurderen Situationen konfrontiert. Wer schon immer mal eine Mischung aus der Ästhetik von David Lynch und japanischen Popstars sehen wollte, wird hier auf seine Kosten kommen.

Spectacular Organic

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist unüberschaubar geworden. Arbeit, Medien, Bildung, Beziehungen, Umweltverschmutzung – alles verursacht Stress und Unbehagen. Wir leben ungesünder denn je, obwohl wir mehr über Gesundheit wissen. Doch jetzt, endlich, scheint es das ideale Produkt für den modernen Menschen zu geben. Das zumindest verspricht die Firma Spectacular Organic, die eine Art Energy-Drink hergestellt hat und diesen nun online vermarktet. Mit dem Slogan „Making a better You.“ tritt sie mit einer stetig wachsenden Fanbase in Kontakt und hat nun ihren ersten Teilnehmer an einer Studie zum Produkt gefunden. Nur scheint es, als wäre die Firma etwas zu sehr an ihrem Testsubjekt interessiert.

Was als harmlose youtube-Werbeclips begann, weitete sich bald auf mehrere Online-Foren aus. Handelt es sich bei SpecOrg um einen religiösen Kult? Verrückte Wissenschaftler? Oder sogar noch etwas viel Abgründigeres? Die Serie ist in vollem Gang und SpecOrg scheint viel Bedarf für Testsubjekte zu haben.

Don’t Hug me I’m Scared

Ach wie schön, eine Kinderserie, die komplett unabhängig finanziert wurde und auf Youtube jederzeit von „den Kleinen“ geschaut werden kann. Und was eine Mühe sich die Produzenten hier gemacht haben: Ganzkörperkostüme, Handpuppen, Marionetten, eine lebensgroße Wohnung, die aus Filzschnitt zu bestehen scheint. Und richtig, richtig gute Lieder, die den Kids alles über Kreativität, Nächstenliebe, Essen, Zeit oder Computer beibringt. Aber Moment, ist das da verwesendes Fleisch in der Torte? Wer zum Teufel ist diese ekelhaft aussehende Puppe, die vom Bildrand aus den Zuschauer anstarrt? Und was verbirgt sich hinter dem allsehenden „Malcolm“?

„Don’t Hug me I’m Scared“ wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer Sensation. Es ist offensichtlich, warum: die intelligenten Drehbücher und das auffällig detaillierte Design der Serie stehen weit über dem Standard von herkömmlichen Youtube-Videos. Vor einigen Monaten kulminierte die Show in einem virtuosen Finale, welches man auch als Allegorie auf Medienplattformen sehen darf.

KrainaGrzybowTV

Noch eine Kinderserie. Die Produzenten von KrainaGrzybowTV streben allerdings eine ganz andere Ästhetik als „Don’t Hug me I’m Scared an“: verschwommene Bilder, VHS-Filter und dumpfe Synthesizer-Klänge verweisen auf die 1980er Jahre. Die Serie ist größtenteils auf Polnisch, hat aber Untertitel in mehreren Sprachen und rutscht immer wieder ins Deutsche. Was hier genau passiert, ist schwer zusammenzufassen.

Der Großteil der Videos zeigt die junge Agatka, die den Zuschauer*innen zum Beispiel beibringt, wie man richtig Äpfel isst. Begleitet wird sie von einem animierten Eichhörnchen, das anscheinend Verbindungen zu dunklen Mächten besitzt. Dazwischen erscheinen wahllos Einblendungen von Warnungen vor dem „Mushroom-Land“, sowie anonyme Aufnahmen von Agatkas Mutter, die in dokumentarischem Stil über das Verschwinden ihrer Tochter spricht. KrainaGrzybowTV ist verstörend, weil die Sprache seiner Bilder uns so vertraut ist, sie gleichzeitig aber keinen Zusammenhang erkennen lässt und immer größere Fragen aufwirft.

This House has People in it

Der US-amerikanische Komiker und Schauspieler Alan Resnick ist eines der großen unentdeckten Genies des Internet. Sein Stil, der sich irgendwo zwischen der Ästhetik der frühen 1990er Jahre und wirrer Nonsense-Poesie von Spambots befindet, ist absolut einzigartig und sorgte bereits letztes Jahr für Aufmerksamkeit: Da veröffentliche Resnick den Horror-Kurzfilm „Unedited Footage of a Bear“ veröffentlichte.

Dieses Jahr hat er sich mit „This House has People in it“ selbst übertroffen. Das Video besteht aus dem Zusammenschnitt mehrerer Überwachungsvideos einer US-Familie, die anscheinend ohne ihr Wissen überwacht wird. Ein ganz normaler Tag. Bis plötzlich klar wird, dass die Tochter der Familie sich nicht mehr vom Fußboden des Hauses lösen kann.

Was als Kurzfilm begann, bezog bald eine merkwürdige Regionalsendung über Lehm, eine Überwachungsfirma, die Zeichentrickfigur „Boomie die Katze“ und die mysteriöse Lynks-Krankheit in die Erzählung mit ein und führte schließlich zu einer versteckten Webseite, die über zwei Stunden an Überwachungsmaterial umfasst. Ein kleines Meisterwerk des sonst so sauber gehaltenen Internet.

CH/SS

Hinter der Abkürzung CH/SS verbirgt sich ein regionaler US-Fernsehsender, der seit langem inaktiv scheint. Ähnlich wie bei KrainaGrzybowTV besteht der Großteil der hier veröffentlichten Aufnahmen vermutlich aus altem Videomaterial voll von Störeffekten und Ausfällen. Ein roter Faden lässt sich jedoch wesentlich leichter festmachen.

„CH/SS“ konzentriert sich auf einen kleinen Landkreis und adressiert seine Zuschauer direkt. Viele Übertragungen bestehen aus sozialen Veranstaltungen oder örtlichen Bekanntmachungen. Aber ein Piratensender scheint die Übertragungen immer wieder zu unterbrechen. Und dann ist da noch „CH/SS“ merkwürdiges insistierendes Grundmotto von Sicherheit um jeden Preis.

Marble Hornets / EverymanHybrids / TwibeTwelve

Das sogenannte Slenderverse ist DER Evergreen unter dem unabhängig produzierten Web-Horror-Content, bestehend aus Dutzenden von Serien und Erzählungen. In denen dreht sich alles um den Slenderman – einen spindeldürren und gesichtslosen Antagonist des Universums, der für Angst und Schrecken sorgt.

Alles begann mit „Marble Hornets“ – dem abgebrochenen Projekt eines Filmstudenten. Die Aufnahmen überlebten den Dreh und fanden sich zwei Jahre später auf Youtube. Aus den kurzen Clips wird bald deutlich, dass ein übersinnliches Wesen der Crew nachstellt. Die Handlung eskaliert, als der Besitzer des Channels beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen. Zur selben Zeit lädt ein ganz anderer junger Mann, Noah, Videos über seinen verstorbenen Cousin hoch. Unter dem Namen TribeTwelve zeigt auch dieser Kanal das mysteriöse Wirken des Monsters hinter den Kulissen. Dies wiederum inspiriert das Team von EverymanHybrids dazu, ihre Wellness-Serie mit einem nachgeahmten Slenderman aufzupeppen. Nur zur Parodie, natürlich. Aber was, wenn das echte Monster plötzlich Einzug in die Produktion hält?

Die drei Serien alleine versprechen Stunden über Stunden an Content auf unterschiedlichen Plattformen. Und selbst wenn man den Marathon bis zu Halloween schafft, warten noch dutzende Serien des Universums darauf, analysiert und erforscht zu werden. Ein Labyrinth, was seinen Zuschauer nur immer tiefer in den Abgrund zieht.

My House walk-through

Dies ist kein Horrorvideo. Es ist nur mein Haus. Es herrscht ein Taifun in Japan. Dies ist mein Haus. Dies ist kein Horrorvideo. Es ist nur mein Haus. Es herrscht ein Taifun in Japan. Dies ist mein Haus. Dies ist kein Horrorvideo. Es ist nur mein Haus. Es herrscht ein Taifun in Japan. Dies ist mein Haus.

Dieser anscheinend japanische Kurzfilm wurde erst vor ein paar Tagen im Internet veröffentlicht und findet seitdem ein stetig wachsendes Publikum. Es sei nicht mehr verraten, als dass sich hinter diesem Video eine wirklich sehr intensive Erfahrung verbirgt.

HUMAN

Als Abschluss noch ein ganz besonderes Schmankerl: „HUMAN“ ist ein kostenloses Independent-Computerspiel, dessen Länge grob 20 Minuten umfasst. Aufgemacht als Found-Footage-Video, das im Deep Web gefunden wurde, schickt es die Spielenden in eine arktische Forschungseinrichtung, deren Kommunikation mit der Außenwelt zusammengebrochen ist. Nun weiß jeder, der „The Thing“ kennt, dass die Story nicht gut ausgehen kann. Nun sind Computerspiele nicht jedermanns Sache, „HUMANs“ leicht halluzinatorischer und durchweg spannender Abstieg in diesen Albtraum ist allerdings so gut gelungen, dass er hiermit wirklich jedem wärmstens empfohlen sei.