Inspiriert dieser neue Sexroboter zu sexueller Gewalt an Frauen – oder hält er Männer davon ab?

Roxxxy sieht aus wie eine lebensgroße Frau. Er verfügt über eine Einstellung, mit der Männer eine Vergewaltigung nachahmen können. Kann das realer Gewalt an Frauen vorbeugen?

Sexpuppen werden immer menschlicher. © BEHROUZ MEHRI/AFP/Getty Images


Warnung: In diesem Text wird sexueller Missbrauch thematisiert. Das kann für einige Leser*innen emotional belastend sein. Falls du Opfer sexuellen Missbrauchs geworden bist, findest du am Ende des Textes eine Liste von Hilfsangeboten.

Die Zukunft macht auch vor Sexspielzeugen nicht halt. Sexpuppen werden immer moderner und immer menschlicher. Wer sich den Sexroboter Roxxxy der Firma TrueCompanion für knapp 10.000 Dollar kauft, bekommt eine lebensgroße Puppe mit fleisch-ähnlicher Synthetik-Haut, die nicht nur optisch, sondern auch in ihrem Verhalten einem echten Menschen ähneln soll. So gibt es ingesamt fünf verschiedenen Persönlichkeitseinstellung, unter anderem S&M Susan oder Young Yoko, deren Namen selbsterklärend für das Benehmen des Roboters sind. Eine andere Personalität heißt Frigid Farrah.

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Die Hersteller beschreiben die Einstellung, wie folgt: „Wenn du sie in einem intimen Körperbereich berührst, werden ihr deine Bemühungen nicht gefallen.“ Sie äußert ihr Missfallen durch Worte, wie Nein. Wehren kann sie sich aber nicht. Das bedeutet im Klartext, dass sich mit dem Sexroboter Vergewaltigungen nachspielen lassen – eine krasse und unschöne Vorstellung.

Doch weitergedacht stellt sich die Frage: Kann es Frauen letztlich helfen und sie vor sexualisierter Gewalt schützen, wenn ein mögliche*r Vergewaltiger*in seine*ihre Fantasien auf diese Weise auslebt? Oder werden nur weiter patriarchale Frauenbilder hervorgebracht und Menschen erst dadurch zu sexueller Belästigung und Misshandlungen motiviert?

„Besser eine Puppe vergewaltigen als einen Menschen“

Vanessa de Largie, eine australische Schauspielerin und Sexkolumnistin, ist selbst Opfer einer Vergewaltigung geworden. In ihrer One-Woman-Show Every Orgasm I Have Is A Show Of Defiance To My Rapist arbeitet sie das Erlebte auf. In einem Artikel der Website iNews beschreibt sie Roxxxy als Nutzen für die Gesellschaft, vor allem für Frauen. Denn wir leben in einer Welt, in der Vergewaltigungen andauernd stattfinden, da ziehe de Largie es vor „wenn eine Person seine Vergewaltigungsfantasie mit einem Sex-Bot auslebt und nicht mit einem Menschen“.

[Außerdem auf ze.tt: Warum ist es für uns befremdlich, wenn Männer statt Frauen in einem Film vergewaltigt werden?]

Dieses Argumentationsmuster benutzen auch Befürworter*innen, wie etwa der US-amerikanische Roboteringenieur Ron Arkin vom Georgia Institute of Technology. Sie halten es für möglich, dass pädosexuelles Verhalten und damit auch der Missbrauch von Kindern mit Sexrobotern eingedämmt werden könne. Sie beschreiben Pädophilie als sexuellen Drang, der nicht beseitigt, sondern kontrolliert werden soll.

Doch gibt es auch gegensätzliche Ansichten. Wer einen Roboter vergewaltige, werde sich daran gewöhnen und es zunehmend als normal empfinden, sexualisierte Gewalt auszuüben, argumentiert etwa Laura Bates, Gründerin der Sexismus dokumentierenden Website Everyday Sexism Project, in einem Kommentar in der New York Times. Frigid Farrah würde demnach die Nutzer*innen erst dazu inspirieren, andere Menschen zu vergewaltigen.

Therapeutisch aber sexistisch?

Doch auch Sexroboter ohne frigide Einstellungen werfen Fragen und polarisierende Meinungen auf. Sexroboter sind optisch dem Aussehen von Frauen oder Männern angeglichen. Ihre Haut fühlt sich echt an, sie haben motorisierte Geschlechtsorgane und verfügen über künstliche Intelligenz. TrueCompanion wirbt damit, dass Frauen und Männer mit Sexrobotern ihre Träume erfüllen können. Das ist beispielsweise für Menschen in Fernbeziehungen oder ohne Sexualpartner*innen praktisch.

Die Foundation for Responsible Robotics, die sich mit Robotertechnik in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, hat sich in einer Studie mit der Zukunft von Sexualität und Robotern beschäftigt. Profitieren könnten von Sexrobotern demnach beispielsweise Menschen mit Behinderung oder Traumatisierte. Erstere könnten so auf den Dienst von Sexualbegleiter*innen verzichten und die Anonymität der Roboter genießen. Menschen nach traumatischen Ereignissen könne es helfen, wieder einen neuen Zugang zu ihrer Sexualität zu finden, indem das Gegenüber keine Erwartungen hat.

Schwierig ist allerdings das Frauenbild, das durch Sexroboter wie Roxxxy propagiert wird. Es ist ein Produkt des Patriarchats, erfunden und gemacht von Männern und auch größtenteils von diesen genutzt. TrueCompanion bewirbt den Bot mit folgenden Worten: Always Turned On and Ready to Talk or Play, was mit „immer angetörnt“ oder „immer eingeschaltet und bereit zum Reden oder Spielen“ übersetzt werden kann – sehr doppeldeutig. Und genau da liegt das Problem.

Der Roboter sieht einerseits menschlich aus, du kannst mit ihm reden, Sex haben, er geht auf deine Wünsche ein und kann sogar einen Orgasmus bekommen. Der Roboter kann wirklich viel – doch eines nicht: sich wehren oder keine Lust haben. Frauenkörper als Sexmaschine darzustellen, objektiviert Frauen. Das treibt das Bild aus der Mainstream-Pornografie voran, in der Frauen meist nur als Spielzeug des Mannes fungieren.

Polarisierende Ansichten – und nun?

Die Meinungen der Befürworter*innen und Kritiker*innen zum Sexroboter gehen stark auseinander und widersprechen sich in vielen Teilen. Empirische Studien, wie der Einsatz von Sexrobotern die Gesellschaft und damit auch das Sexleben oder das Frauenbild verändert, existieren nicht. Auch ob sie Vergewaltigungen befördern oder verhindern, können bisher keine Zahlen belegen. Die ersten fest programmierten Sexroboter gibt es seit Anfang der 1990er Jahre, doch über solch hohe künstliche Intelligenz verfügen die Roboter erst seit Kurzem. Dementsprechend neu ist auch die Forschung dazu auch.

[Außerdem auf ze.tt: Harvard-Absolventin schreibt ein Buch über ihre eigene Vergewaltigung]

Klar ist, dass die Nachfrage nach den Robotern immer größer wird. Seit Anfang des Jahres gibt es mit Lumi Dolls in Barcelona ein Bordell, in dem die Besucher*innen mit Sexpuppen schlafen können. In einer Studie der Universität Duisburg-Essen arbeitete Jessica Szczuka zudem heraus, dass gut 40 Prozent der Hetero-Männer bereit wären, Sex mit einem Roboter zu haben.

Doch ethische und rechtliche Fragen bleiben bestehen. Da Sexroboter in der Zukunft vermutlich einen immer größer werdenden Stellenraum einnehmen, ist es wichtig eben diese Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren: Wie verändert sich das Frauenbild durch Sexroboter? Inspirieren sie zu sexualisierter Gewalt oder halten sie die Nutzer*innen gar davon ab, Gewalt gegenüber Frauen auszuüben? Bis diese Fragen geklärt sind, sollte auch ein Nein von Frigid Farrah als Nein gelten.


Hol dir hier Hilfe

Bist du selbst Opfer sexueller Gewalt geworden und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Hier findest du eine Datenbank mit bundesweiten Hilfsangeboten. Möchtest du lieber mit jemandem persönlich sprechen, kannst du zum Beispiel beim Hilfetelefon unter: 08000 116 016  rund um die Uhr jeden Tag kostenlos anrufen. Hier kannst du auch mit Expert*innen chatten und dich beraten lassen oder einfach nur deine Sorgen loswerden.