Mitfahrgelegenheit: ze.tt-Leser erzählen ihre skurrilsten Geschichten

Ende März wurde mitfahrgelegenheit.de eingestellt. Wir haben euch nach euren skurrilsten Erlebnissen mit einer Mitfahrgelegenheit gefragt und ihr habt fleißig geantwortet. Hier eine Auswahl.

© don limpio/photocase.de

On the road again. © don limpio/photocase.de

Wir haben der Plattform bereits vergangene Woche Tribut gezollt und unsere seltsamsten Erinnerungen aufgeschrieben. Jetzt kommt ihr zu Wort, liebe ze.tt-Leser.

Thorsten – Nur nicht auffallen mit pinker Stretch-Limo

Eine Fahrt von Berlin nach Hannover. Treffpunkt war in der Nähe des Hauptbahnhofes. Erst waren wir zu zweit, dann zu viert, zu fünft, zu siebt, zu zehnt. „Beliebter Treffpunkt“, dachte ich noch, oder „Jetzt kommt gleich einer mit ’nem Bus vorgefahren“. Wir kam miteinander ins Gespräch und fanden heraus, dass wir alle auf den gleichen Fahrer warteten.

Dann kam eine Stretch-Limo an, in knallpink und mit einem dauergrinsenden Fahrer. Der Innenraum hatte bestimmt schon für diverse Schweinereien herhalten müssen. Schwarzes Leder, rissig, Fenster teils verspiegelt, alles ein wenig fleckig, die Minibar leer. Bei unseren angeregten Gesprächen war auf jeden Fall auch eine Spur ekel dabei.

Etwa 30 Kilometer vor Hannover hatten wir dann einen Platten. Der Fahrer fuhr an den Seitenstreifen, wir stiegen alle aus und stellten uns hinter die Leitplanke. Es muss ein komisches Bild ergeben haben: Pinke Stretch-Limo, zehn Fremde mitten auf der A2. Der ADAC-Mensch machte erst einmal kopfschüttelnd Privatfotos und wusste erst nicht, wie er diese Aufgabe bewältigen sollte. Mithilfe des Fahrers schaffte er es dann zum Glück doch.

Wir stiegen alle wieder erleichtert ein und fuhren weiter. Der Hauptbahnhof in Hannover ist im hinteren Teil ein wenig zwielichtig. Darum passten wir ganz gut in diese Szene, als wir da vorfuhren. Zum Glück gab es noch kein Facebook und nicht jeder hatte eine tolle Kamera auf dem Handy. Ich bin schnell raus und machte mich aus dem Staub. Auffallen ist nicht so meins. Und aufgefallen sind wir auf jeden Fall.

Soheyla – In letzter Sekunde zur Hochzeit

Soheyla
© Soheyla

Ich wollte von Hamburg nach Berlin, um dort meine Schwester zu treffen und gemeinsam mit ihr nach Stuttgart auf die Hochzeit meines Bruders fahren. Klingt einfach. Wurde aber zur Odyssee.

Irgendwo unterwegs blieb das Auto liegen. Wir warteten in der Gluthitze ewig auf den ADAC, dann auf den Abschleppwagen, der uns in eine Werkstatt brachte. Nach einer weiteren Ewigkeit erfuhren wir, dass der Wagen schrottreif war. Eine weitere Stunde später war klar, dass kein Mietwagen aufzutreiben war.

Also trampte ich und fuhr in einem Lastwagen zurück nach Hamburg. In Hamburg-Wilhelmsburg musste ich im Industriegebiet aussteigen, weil der Lastwagen nicht von seiner Route abweichen durfte. Ich musste von da erst mal zum Bahnhof kommen.

Vom Auto in den Zug

Dort angekommen, versuchte ich, eine neue Mitfahrgelegenheit zu finden. Erfolglos. Also kaufte ich für 130 Euro ein Bahnticket. Doch das nächste Problem kam sofort: Der Zug kam wegen eines Blitzeinschlags zu spät. Ich verpasste meinen Anschluss und musste wieder lange warten, bis es weiterging. Der nächste Zug hatte auch Verspätung. Irgendwann während der Fahrt sagte ein Schaffner dann zu mir, dass ich Stuttgart an diesem Tag nicht mehr erreichen würde, die Bahn mir aber ein Hotel bezahlen würde. Ich antwortete: „Ich will kein Hotel, mein Bruder heiratet morgen früh.“

Inzwischen nahm das ganze Abteil Anteil an meiner Geschichte. Ich schaffte es tief in der Nacht in eine Stadt, die eine Stunde entfernt von meinem Ziel war. Mein Papa holte mich dort ab. Die Fahrt dauerte insgesamt 20 Stunden.

Marcus – Polizeikontrolle und pöbelnde Mitfahrer

© Marcus
© Marcus

Ich bot eine Mitfahrgelegenheit von Berlin in den Schwarzwald an. Als Mitfahrer hatte ich eine Studentin und zwei Autohändler. Die beiden wollten bei Donaueschingen (Baden-Württemberg) ein Auto abholen. Allerdings war es ihnen nicht recht, dass ich nicht viel schneller als 140 km/h fuhr. Als ich mit 200 Stundenkilometern überholt wurde, forderten sie mich auf, hinterher zu fahren. Das ließ mich aber noch relativ kalt. Nach einiger Zeit schliefen die beiden ein. Damit hatte ich meine Ruhe. In Stuttgart machte ich eine Pause. Die Studienanfängerin stieg aus, ein Abiturient mit Rastazöpfen zu.

Ich war zwei Minuten auf der Autobahn, als die Polizei mich zur Seite winkte. Es war meine erste Polizeikontrolle als Autofahrer und mir blieb das Herz stehen. Ich dachte, ich wäre zu schnell gefahren. Dies war aber nicht der Fall. Es war eine Routine-Kontrolle. Ich kann es der Polizei nicht mal verdenken: Der Abiturient mit Rasterzöpfen, einer der Autohändler mit Glatze, ich selber dunkelhäutig – ich kann verstehen, dass man da neugierig wird.

„Sind Sie im Unterhemd losgefahren?“

Die beiden Autohändler fingen sofort an, die Polizei anzupöbeln. Die reagierte aber relativ gelassen. Ich erinnere mich an den Satz:  „Wir können das Gespräch vernünftig hier führen oder auf der Wache fortsetzen“. Später folgte: „Sie wollen mir erzählen, dass Sie heute morgen aus Gera im Unterhemd losgefahren sind und nicht mal einen Ausweis dabei haben?“ Es war relativ warm und der glatzköpfige Autohändler war tatsächlich sehr leicht bekleidet. Einen Moment lang hatte ich Sorgen, dass die beiden einen anderen Zweck mit ihrer Reise verfolgten.

Wäre ich nicht so verdammt nervös gewesen, hätte ich mich über das Ganze amüsieren können. Die Polizei ließ uns dann zum Glück weiterfahren. Zur Freude der beiden fuhr ich jetzt ein wenig schneller. Ich wollte sie loswerden und hatte selber einen Termin. Als die beiden mir das Geld in die Hand drückten und aus meinem Auto draußen waren, habe ich erleichtert durchgeatmet.

Lisalotta – verloren an der polnischen Grenze

© Lisalotta
© Lisalotta

Ich bin zwei Jahre zwischen Berlin und Dresden gependelt. Einmal nahm ich drei Russen mit; gestandene Männer Mitte 40, grobschlächtig, die mich als blonde, damals Anfang 20-jährige, 2er-Golf-Fahrerin kaum eines Blickes würdigten und sich nur in ihrer Sprache unterhielten.

Wir fuhren im November nach 21 Uhr in Berlin los, der Nebel hatte sich schon bei der Abfahrt angekündigt. Auf der Autobahn verdichtete er sich zur undurchsichtigen Wand. Ich fuhr die Strecke vielleicht gerade das dritte Mal und verpasste die richtige Ausfahrt und die danach wohl auch, denn plötzlich wurde die stockfinstere Straße von einer spärlich beleuchteten polnischen Tankstelle erhellt.

Ich sagte, ich müsse kurz tanken und verschwand im Shop. Dort versuchte ich auf Englisch zu erklären, dass ich komplett die Orientierung verloren hätte. Ich war verzweifelt, ich hatte Schiss vor meinen Mitfahrern und wollte ihnen nicht sagen, dass ich mich verfahren hatte.

Der Tankwart verstand mich nicht

Der Tankwart weigerte sich jedoch, mich zu verstehen. Den Tränen nahe stieg ich wieder ins Auto und sagte, was Sache war. Die drei berieten sich kurz auf russisch, zwei der Männer stiegen aus und kamen ewig nicht wieder, der dritte hackte währenddessen auf sein Handy ein. Ich saß im tiefsten Nebel nachts in Polen (damals noch ohne internetfähiges Handy) mit drei undurchsichtigen Russen fest.

Als die zwei Männer zurückkamen, meinte der eine: „Hier geht Autobahn nicht so schnell in Richtung zurück, wir haben jetzt Karte, der beste Weg nach Dresden geht jetzt durch Dörfer. Ich gucke Karte, Alexej guckt Schilder, du guckst Straße und sichere Weg.“ Wir tuckerten, ich weiß nicht wie und wohin, querfeldein und waren fünfeinhalb Stunden später um 1.30 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof. Ich war noch nie so erleichtert.