Meine Mobbing-Erfahrung: Die Starken, die Schwachen und der schweigende Rest

Kinder und Jugendliche können untereinander brutal sein. Es gibt ein paar Starke, ein paar Schwache und viele, die schweigen. Getreten wird immer nach unten. Als Kind hat Anselm Schindler das jahrelang erlebt. Und nicht einmal die Erfahrung, selbst gemobbt und ausgegrenzt zu werden, schützt davor, es selbst zu tun. 

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Da fehlt ein Komma, du Fettarsch. © luxuz::. / photocase.de

Das Innere des Mülleimers, das ist eine der wenigen Erinnerungen, die ich an den Besuch der ersten Klasse habe. Dort hatten mich einige größere Mitschüler hineingesteckt. Kopfüber. Warum? Das wusste ich selbst nicht so genau, vermutlich hatte ich ihnen nicht ins Konzept gepasst. Denn irgendwie war ich anders als die anderen Kinder.

Im Fasching tauchten die meisten Jungs mit Cowboyhüten und Plastikrevolver auf, oder als Piraten. Als ich ins Klassenzimmer hoppelte traf das nicht unbedingt auf Verständnis. Das Hasenkostüm reichte von den Füßen bis zu den langen Stoffohren, die unkoordiniert an meinen Schultern entlangbaumelten. Im Erwachsenenalter würde man bei einem solchen Erscheinungsbild wohl von einer exzentrischen Persönlichkeit sprechen, bei Kindern heißt das Klassenclown.

Mein Beliebtheitsgrad steigerte sich nicht gerade dadurch, dass ich keine Antwort hatte, als ich nach meiner Lieblings-Fußballmannschaft gefragt wurde. Und während sich andere Kinder Actionfiguren zum Geburtstag wünschten, waren es bei mir ein Sack Zement, denn ich wollte meinen Sandkasten zementieren. Im Pausenhof irrte ich oft alleine umher, viele der Kinder wollten nichts mit mir zu tun haben. Und dann gab es da immer einige ältere Schüler, die mich schlagen wollten, wobei ich dafür, wegen meiner großen Klappe, oft selbst verantwortlich war.

Politisches Desaster an der Bushaltestelle

Die Situation wurde nicht besser, als ich mit meinen Eltern von der Kleinstadt aufs Land zog. In unserem Dorf schienen die Vorstellungen, wie man als Zehnjähriger zu sein hat, noch festgefahrener. Generell wurden wir als Zugezogene von der heimischen Dorfgemeinschaft nicht gerade mit offenen Armen begrüßt: „Die Asylanten“ hieß es hinter vorgehaltener Hand der Eltern, deren Kinder wenig Hehl aus der Ablehnung machten. Und so stand ich auch an der Bushaltestelle oft alleine da.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, die einem Spießrutenlauf glich: An einem nebligen Montagmorgen, kurz nach der Landtagswahl fragte der größte und dickste, wohl aber auch dümmste Sohn einer Eingeborenenfamilie die aus dem Bus aussteigenden Kinder: „Habts gscheid g’wählt?“ „Gscheid“ bedeutet in den meisten bayerischen Dörfern: CSU. Und als ich ihm pampig antwortete, meine Eltern würden bestimmt nicht die CSU wählen, war das Desaster perfekt.

Überhaupt wurde im Dorf, wie im Schulbus, auf alles geschimpft, was nicht in das Weltbild der rechtskonservativen Landbevölkerung passte. Auf „Schwule“, „Zigeuner“, „Neger“ und „Kommunisten“ natürlich. Unter letztere Kategorie fiel auch ich, schließlich hatten meine Eltern nicht „gscheid“ gewählt.

Blut tropft aus meiner Nase auf den Boden, meinen Kopf stecken sie ins Pissoir

Verdammt, schon wieder die Klappe zu weit aufgerissen. Sie bauten sich vor mir auf, hinter mir der Maschendrahtzaun des Sportplatzes. Im Laub berührte mein Fuß eine Eisenstange. Ruckartig hob ich sie auf und holte aus. Die Stange surrte durch die Luft, die Großen ließen von mir ab. Eine Situation, die sehr lange her ist, doch immer noch kann ich mich an die Erleichterung erinnern, die mich erfüllte, als sich die älteren Schüler vom Acker machten.

An einem anderen Tag hatte ich weniger Glück. Als ich die Jungen-Toilette betrat, warteten sie auf mich. Sie waren zu dritt oder zu viert, einer schlug mir ins Gesicht. Blut tropfte aus meiner Nase auf den Boden. Sie steckten meinen Kopf in ein Pissoir, ich wehrte mich. Halbherzig, denn eine Chance, da rauszukommen hatte ich ohnehin nicht. Wenn man sich sträubt, bleibt trotz allem etwas Würde erhalten. Als ich in den Biologie-Unterricht kam, begann ich, zu weinen. Still, doch die Lehrerin bemerkte es. „Passt schon“ presste ich heraus.

Die Schule war ein Ort der Gewalt

Doch es passte nicht. Gar nichts passte. Ich habe die Jungen-Realschule, die ich bis zur siebten Klasse besuchte vor allem als Ort der Gewalt empfunden. Und es ist eine Form der Gewalt, der sich die Opfer oft beugen, ohne sich zu wehren. Einer in meiner Klasse, nennen wir ihn K, war die Personifizierung der Coolness. In den Pausen rauchte er heimlich, er hatte eine Freundin und kannte die besten Wrestling-Tricks. Auch ich fand ihn cool, sein Auftreten, seine aufgestellten Haare. Und er wusste seine Position geschickt auszunutzen: Er spielte mit der Sympathie seiner Mitschüler*innen, manchmal tat er so, als sei man sein Freund, im anderen Moment trat er einem auf die Füße.

Einmal hat er mich gezwungen, eine Tintenpatrone leer zu trinken. Mit einem abgebrochenen Kugelschreiber ritzte er mir in den Arm. Ich ließ mir das meistens gefallen, schließlich wollte ich nicht noch mehr Ärger provozieren. Ein mulmiges Gefühl hatte ich meistens, es gab Tage, da steckte in meinem Schulranzen neben Büchern und Heften ein langes Küchenmesser.

Irgendwann passte ich mich an – und machte mit

Im Grunde ist es mir bis heute ein Rätsel, wie ich es damals aus der Situation der Ausgrenzung heraus geschafft habe. Vermutlich liegt es daran, dass ich mich irgendwann mehr anpasste. Und das es Menschen gab, die meine Position einnahmen. Die sich noch weniger wehrten, noch weniger ins Bild eines coolen Jugendlichen passten. Und ich veränderte mich.

Das Telefon einer meiner Mitschüler klingelte eines Tages. Am anderen Ende der Leitung saß ich mit einigen Freunden. Als er ran ging, machten wir uns über ihn lustig und legten wieder auf. Im Klassenzimmer wurde er mit Papier beworfen und ausgelacht. Er hatte die Position eingenommen, die auch mich jahrelang quälte. Doch einzuschreiten traute ich mich nicht. Stattdessen warf auch ich mit Papierkugeln nach ihm.

Es war eine merkwürdige Lust, die mich dabei überkam. Sie setzte sich gegen das Gefühl durch das der Betroffene sicherlich unter seiner Situation litt, auch wenn er sich das nicht zu sagen traute. Und vielleicht war es auch der unbewusste Impuls, auf der Seite der Stärkeren zu stehen, um nicht selbst wieder in die Postion des Gemobbten abzurutschen. Was klingt wie eine Rechtfertigung, kann keine sein. Dafür, nach unten zu treten, gibt es keine Rechtfertigung.

Ich habe noch einige Jahre gebraucht, um das zu begreifen. In einer anderen Realschule saß ich eines Tages mit zwei Mitschülern im Rektorat. Vor mir ein aufgelöster Physik-Lehrer und eine wütende Rektorin. Die Rektorin sagte, es gebe da etwas zu klären. Der Lehrer begann, zu erzählen. Dauernd werde er gehänselt, es würden Dinge nach ihm geworfen und ihm peinliche Namen gegeben, berichtete er verbittert. Er wirkte verzweifelt. Unverhofft schossen mir Bilder in den Kopf, von der Bushaltestelle und vom Pissoir auf der Schultoilette. Nur mit Mühe konnte ich die Tränen zurückhalten. Ich schluckte und schwieg.