Modedesigner Leni Bolt: Ein Mädchen, zufrieden im Körper eines Jungen


2009 galt Lennart Wronkowitz als jüngster Modedesigner Deutschlands. Aus Lennart wurde Leni, doch die Leidenschaft für Mode ist geblieben.



© Shahaf Mor

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Zwei Blitze auf dem Kopf – das ist das Markenzeichen von Leni Bolt. „Die sind festgewachsen“, sagt er ernst. Dann muss er doch lachen. Er, Leni. Geboren als Lennart, sieht er sich heute als gender-queer. Er bezeichnet sich als Mädchen, zufrieden im Körper eines Jungen, und bevorzugt das männliche Pronomen. „Ich schwimme zwischen Mann und Frau“, sagt er.

© Ofer Dabush
© Boltish

Aus dem gewohnten Rahmen zu fallen, ist nicht unbedingt leicht für die Umgebung. Schon gar nicht, wenn man in Soest aufwächst: „Anfangs war es schwierig, weil ich ja auch selbst nicht wusste, wo es hingeht“, erklärt Leni, der in keine Schublade passen will. Das Gefühl, dass da etwas Weibliches in ihm drin ist, sei schon immer da gewesen. An Karneval hat er sich als Prinzessin verkleidet. Seinen Umzug nach Berlin nennt er „Break Free“, seinen Ausbruch in die Freiheit. Leni hat Drag ausprobiert, sich als Frau verkleidet, es hat ihm gefallen: „Dieser weibliche Teil, der in mir schlummert, kam da zum Vorschein.“

Aufgezwungene Kreativpause aka Abitur

Vor sechs Jahren stand er, damals noch als Lennart, schon einmal in den Medien. Als jüngster Modedesigner Deutschlands feierte man ihn. Da war er gerade 16 Jahre alt – und mitten im Lernstress. Er hatte zwar überlegt, die Schule zu schmeißen, am Ende haben sich aber doch seine Eltern durchgesetzt. Er hat sein Abi gemacht, musste dafür jedoch TV-Drehs und Events absagen. Nach der „Kreativpause“, wie er die Zeit nennt, hat er sich wieder in die Modeszene zurückgekämpft.

© Ofer Dabush
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Momentan studiert er an der Berliner Kunsthochschule Weißensee Modedesign, dieses Jahr plant er seinen Abschluss. Gerade ist er bei der Londoner Fashion Week, danach geht es weiter nach Mailand. Leni wird ein paar Shows besuchen und versuchen, seine Choker unter die Leute zu bringen, erklärt er. Die kennt man noch aus den 90ern: Eng anliegende Halsketten, damals meist aus schwarzem Plastik. Doch Lenis Chokers, die er unter dem Label Boltish verkauft, sehen anders aus. Frecher, bunter, verrückter.

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Von Berlin nach Tel Aviv und zurück

Seine größte Hoffnung: die Halsketten an bekannte Models zu verschenken, die sie dann tragen und im Idealfall noch ein Foto auf Instagram posten. Das Prinzip, eine Marke nur durch Social Media und berühmte Supporter groß zu machen, hat vor einigen Jahren Christian Audigier mit Ed Hardy geprägt. Heute versucht das so gut wie jeder.

Wenn Leni Bolt von London weiter nach Mailand fliegt, wird er dort auch in einem Club performen: Er wird tanzen, schrille, im Dunkeln leuchtende Outfits präsentieren und die Leute unterhalten. Das ist sein Job und auch das, was er im letzten halben Jahr auch in Tel Aviv gemacht hat. „Dieses Jobangebot war eine einzigartige Möglichkeit“, sagt er heute. „Auch, um den schrecklichen Berliner Winter zu überbrücken.“

Nächster Stop: Tokio, Zwischenstopp: Abschlussarbeit

© MarieStaggat
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Außerdem, sagt er, nehme er aus jedem Ort etwas mit. Inspiration. Oder einfach eine andere Lebenswirklichkeit. Dass in Tel Aviv etwa niemand mit Kopfhörern auf der Straße rumläuft. Man könnte ja Schüsse oder eine Explosion überhören. „Es ist keine Angst, aber so eine ständige Anspannung, an die ich mich gewöhnen musste“, sagt er.

Zurück in Berlin wird Leni bei der neuen Partyreihe von DJ Larry Tee dabei sein. „Ich werde bezahlt, um andere Leute zu entertainen. Das ist ein Job, aber ein cooler Job“, sagt er. Sehr lange will er trotzdem nicht in Berlin bleiben. Nach seinem Abschluss will er gerne nach Tokio, „weil dort ein Markt auf mich wartet“. Und er die japanische Popkultur liebt.

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„Ich habe keinen Plan B“

Schon als Kind war er von Animes und Mangas begeistert: „Da gab es schon vor über 20 Jahren Serien, in denen Genderrollen keine große Rolle gespielt haben.“ Der Manga „Ranma ½“ etwa, in dem sich die Hauptperson in ein Mädchen verwandelt, wenn er kaltes Wasser berührt. „Das ist schon sehr cool“, findet er.

Nur seine Mutter, der gefällt das unstete Jetset-Leben ihres Kindes so gar nicht. „Sie hat ganz starke Probleme damit“, sagt Leni. Man hört ihm an, dass ihm das wirklich leidtut. „Aber ich muss das machen, das ist Teil meines Jobs und meiner Berufung.“ Etwas anderes kann er sich sowieso nicht vorstellen: „Ganz ehrlich: Ich habe keinen Plan B. Ich bete ans Universum, dass es mir das gibt, was ich mir wünsche.“