Musical.ly: In diesem sozialen Netzwerk wirst du dich furchtbar alt fühlen

Seit Mama und Papa Gartenfotos auf Facebook posten, wandern immer mehr junge User aus Zuckerbergs abgeschmacktem Netzwerk ab. Eine neue Heimat finden sie bei Musical.ly. Und was in der App abgeht, wird dich richtig alt fühlen lassen. Zumindest am Anfang.

Screenshots: callumhiggins, andreabrillantes12, nicoleskyes/Musical.ly

Musical.ly ist wie ein Kinderzimmer: bunt und laut. Screenshots: callumhiggins, andreabrillantes12, nicoleskyes/Musical.ly

Wenn du künftig Leute auf der Straße siehst, die so aussehen, als würden sie ein Selfie von sich schießen, dabei aber tonlos zackige Bewegungen machen, ruf nicht gleich die 112 an. Die Leute brauchen keine Hilfe – außer vielleicht beim Dreh eines Musical.ly-Videos.

Baby Ariel ist eine der bekanntesten Muser, sie hat mehr als acht Millionen Anhänger.

Jay aka ThaRealVersace macht Comedy- und Musikclips für mehr als 619.000 Menschen.

Musical.ly ist ein Jahr alt, aber noch recht unbekannt. Die App kommt aus China, vor allem aber US-Teenies erobern das Neuland gerade für sich. Laut Analysen des iTunes- und Google-Play-Stores kommt Musical.ly aber auch bei uns gut an. Immerhin steht die App noch nicht unter Elternaufsicht.

Netzwerk der Netten

In dem sozialen Netzwerk dreht sich alles um Videos. In 15-sekündigen Clips singen User lippensynchron zu Songs mit, inszenieren bekannte Filmszenen neu, machen selbst Musik oder laden sich gegenseitig zu Duetten ein. Die Bewegungen und Schnitte sind schnell, die User ungewohnt jung. Eine der fleißigsten Muser, wie sich die Musical.ly-Nutzer*innen nennen, ist Kaylee Halko aus Ohio. „Mein Cousin hat mich auf die App aufmerksam gemacht und die User waren nett, also bin ich dabei geblieben“, erzählt die 12-Jährige ze.tt.

Mehr als 460 Videos veröffentlichte Kaylee im vergangenen halben Jahr. Mit 1,69 Millionen Followern gehört sie zu den Top 10 der Muser. Für Kaylee ist der Starruhm ein wichtiger Seelenbalsam: Kaylee hat Progerie, ihr Körper altert unheimlich schnell. Ihre Mitschüler hänselten sie für den Gendefekt, auf Musical.ly bekommt sie hingegen viel Zuspruch.

[Außerdem auf ze.tt: Zwei neue Snapchat-Features, die alles ändern werden]

Auch Danay Bradley fühlt sich in dem Netzwerk der Netten sehr wohl. „Ich habe zwar schon gesehen, dass User unter ihren Videos gemobbt wurden und gemeine Kommentare kamen“, erzählt sie ze.tt, „aber es gibt viele Leute, die sich gegen diese Trolls auflehnen.“ Auch Dick-Pics habe sie bisher noch keine bekommen, das Netzwerk sei sehr sauber. Das mag auch daran liegen, dass die Muser jung sind. Wer durch die Empfehlungen des Musical.ly-Teams scrollt, stößt hier selten auf Leute, mit denen man legal auf ein Bierchen gehen könnte.

Mit 26 schon zu alt für die App?

Die App ist wie ein Kinderzimmer: bunter als Instagram und lauter als Snapchat. Wer ausschweifende Diskussionen und über Ernstes sprechen möchte, ist hier fehl am Platz. „Es ist eine gute Möglichkeit, um mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen, nicht nur aus den USA“, sagt Danay. Am faszinierendsten sei es jedoch, ihre Kreativität vor der Kamera ausleben zu können.

„Meist überlege ich mir ein Konzept für ein Video, einige habe ich aber auch ohne auf den Punkt gebracht.“ 20 bis 40 Minuten nehme ein Video in der Regel in Anspruch. „Die Videos sind einfach und obwohl ich keine Requisiten benutze, kommt was Gutes dabei raus.“

In letzter Zeit schießt Danay immer wieder ASL-Videos, in denen sie Songs in Gebärdensprache übersetzt. „Ich lerne gerade die Gebärdensprache“, erzählt sie, „und durch die Videos von @dejmccrazy bin ich darauf gekommen, dass ich das mit Musical.ly noch besser üben kann.“

Mit 26 Jahren gehört Danay zu den älteren Usern des jungen Netzwerks. „Ich habe Muser gesehen und gesprochen, die älter sind als ich, viele der Top-Muser sind in ihren Zwanzigern und älter“, sagt sie. Unwohl fühle sie sich aber nicht. Mit wachsender Bekanntheit der App dürfte das Durchschnittsalter ohnehin bald steigen.