Nach dem Referendum nehmen rassistische Vorfälle in Großbritannien zu

Großbritannien hat sich mit knapper Mehrheit für einen EU-Ausstieg entschieden – unter anderem wohl auch, um den Zuzug weiterer Migrant*innen zu verhindern. Seit der Entscheidung berichten immer mehr User*innen in sozialen Medien von rassistischen Übergriffen. Insbesondere viele Polen sind offenbar einer plötzlichen Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt.

© Screenshot Twitter David Olusoga

In Großbritannien scheint die Zeit rückwärts zu laufen. © Screenshot Twitter David Olusoga

Polen ist seit 2004 Mitglied der EU, seitdem sind viele polnische Bürger*innen nach Großbritannien gezogen. Pol*innen machen inzwischen die größte ausländische Community in Großbritannien aus. Viele von ihnen fühlen sich wohl auf der Insel – auch die Ankündigung der Regierung, Sozialleistungen für Einwanderer zu kürzen, änderte daran nichts, berichtet Deutschlandfunk.

Nach dem Referendum vergangene Woche scheint die Stimmung allerdings zu kippen. Eine Reihe rassistischer Vorfälle beschäftigt zurzeit die Polizei, zahlreiche Menschen berichten in den sozialen Medien, wie sie Augenzeugen fremdenfeindlicher Beleidigungen wurden. Beispielsweise sprühten Unbekannte an den Eingang eines polnischen Gemeinschaftshaus in London die Worte „Go home“. In Cambridgeshire wurden laminierte Karten in Briefkästen gesteckt, die Polen zum Verlassen der EU aufforderten, berichtet die Washington Post.

Twitter-User @jamiepohotsky hörte im Restaurant mit, wie eine polnischstämmige Kellnerin angemacht wurde mit dem Satz: „Wie kommt es, dass du so fröhlich bist? Du wirst nach Hause gehen.“

Twitter-Userin @fionaand will mitgehört haben, wie eine ältere Frau eine polnische Migrantin und ihr Kind anpöbelte, sie solle den Bus verlassen und ihre Sachen packen.

@TherealNihal berichtet von polnischen Migrantenkindern, die in der Schule Angst vor der Abschiebung hätten und deswegen weinten.

@c_ourtneywright twitterte, dass ihre Mutter Zeugin davon wurde, wie eine Menschengruppe eine polnischen Migrantin aufforderte, das Land zu verlassen.

Nicht nur Pol*innen betroffen

In Newcastle zogen Protestler*innen mit einem Banner durch die Straßen, auf dem stand: „Stop Immigration – Start Repatriation“, stoppt die Immigration und beginnt die Rücksiedlung.

Der Historiker David Olusoga, der von der Szene ein Foto schoss und auf Twitter teilte, kommentierte: „Ich fühle mich so, als wäre ich wieder in 1980er Jahren.“ Damals litt Großbritannien unter einer starken Rezession, die Arbeitslosenrate war extrem hoch. Dem Telegraph sagte Olusoga, noch nie hätten ihn so viele Menschen aufgefordert, zurück nach Afrika zu gehen, wie heute.

Ein Vater berichtet auf Twitter, seine Tochter habe eine Wandschmiererei in der Schule entdeckt: „[Kindername], geh zurück nach Rumänien!“

@KeremBrulee twittert gleich zwei Vorfälle: Männer schreien einer muslimische Frau zu „Raus, raus raus“ und eine Frau in einer Bank ruft „Das ist England, wir sind Weiße, haut ab aus meinem Land“. Im nächsten Tweet berichtet er, wie ein Mann seinem südasiatischen Freund „BREXIT!“ ins Gesicht brüllt.

@fulloflees zitiert auf Twitter: „Das ist England, Ausländer haben 48 Stunden, um sich zu verpissen. Wer hier ist Ausländer? Irgendjemand ausländisch?“

Es scheint, als hätte die aggressive Leave-Kampagne der UKIP in Teilen der Bevölkerung Großbritanniens den bereits vorhandenen Rassismus und Fremdenhass an die Oberfläche geholt. Das wirkt bedrohlich, andererseits ist nun endlich sichtbar, was bereits über Jahre schwelte. Und nur sichtbare Probleme können bearbeitet werden.